1795_Tieck_095_152.txt

wenn er nur irgend glaubt, dass es mir Vergnügen machen könnte, er ist so gut, dass ich mich immer schäme, dass ich nicht besser bin: aber ich will das zusammengezogen von ihm lernen. Mein Vater lässt sich Ihnen recht sehr empfehlen; der alte Mann beschäftigt sich jetzt vorzüglich mit dem Gartenbau und mit der Jagd; die Jagd ist ihm etwas recht Neues, und er trifft ordentlich noch, so schwach auch seine Augen sind. Es wird jetzt überhaupt vielleicht mit seinen Augen besser, da er fröhlicher lebt und sich nicht mehr so zu grämen braucht, wie sonst. – Leben Sie wohl, liebste Freundin, und spotten Sie nicht über meine Briefe.

21

William Lovell an Rosa

Paris.

Lieber Rosa, ich habe nun mein Vermögen völlig, durchaus verloren. Ich erinnere mich dunkel meines neulichen Briefes und seines Inhalts; verzeihen Sie mir, er mag entalten, was er will, denn ich schrieb ihn in einer Stimmung, in der ich mich selbst nicht kannte. Es geschieht zuweilen, dass wir gegen unsern Willen etwas sagen oder tun, was der Freund immer als völlig ungeschehen ansehn muss. Ich weiss nicht, wie ich zu Ihnen nach Italien kommen soll: ich bereue jetzt meinen Wahnsinn, und verachte mich eben dieser Reue wegen. Hätt ich jetzt nur die Hälfte, nur das Viertel von jenen Summen zurück, die ich in England als Dummkopf an Dummköpfe verschenkte! Gegen mich ist keiner so grossmütig gewesen, die übrigen Menschen sind klüger, und halten ihren Gewinst für ihr förmliches Eigentum. Oh, in welcher Welt ist man gezwungen zu leben! Alles zieht sich von mir zurück, meine vertrautesten Freunde kennen mich nicht mehr, wenn sie mir auf der Strasse begegnen, und noch vor kurzem waren sie lauter Höflichkeit, lauter Demut. Im der kultivierte teil desselben eine grosse Herde von Kannibalen. Im gewöhnlichen Umgange sieht man Verbeugungen gegeneinander, die höchste Aufmerksamkeit, dass keiner den andern verletze, oder auf irgendeine Art beleidige, man tut als würde man durch Hochachtung, durch Blicke und Komplimente beglücktoh, und wenn diese Menschen dadurch reich werden könnten, sie zerrissen denselben Gegenstand lebendig mit den Händen, ja mit den Zähnen. – Es hat hier Kerls gegeben, die mir eine entfallene Feder, eine kleine Münze mit der grössten Ehrerbietung wieder reichten, zehn beeiferten sich um die Wette, mir den Dienst zu tun, und jetzt würden alle zehn mir keinen Taler geben, und wenn sie mich dadurch von dem Verhungern retten könnten. – Noch nie, als jetzt, habe ich den Druck der Armut gefühlt und ihre Leiden sind fürchterlich; man kann leicht die Menschen verachten, wenn sie sich mit ihrer Verehrung zu uns drängen, aber jetzt wird es mir schwer. Ich wage es kaum, den Reichen ins Gesicht zu sehen, ich habe eine sklavische Ehrfurcht vor den Vornehmen, und es ist mir, als gehörte ich gar nicht in die Welt hinein, als wäre es nur eine vergönnte Gnade, dass ich die Luft einatme und lebe; ich fühle mich in der niedrigsten Abhängigkeit. – Dulden Sie es nicht, lieber Rosa, dass Ihr Freund auf diese Art leidet, machen Sie es mir möglich, dass ich Sie und Italien wiedersehe. Sollte es nötig sein, so entdecken Sie Andrea meine Lage, und er wird keinen Augenblick zaudern oder sich bedenken. Sollt ich hier noch länger bleiben müssen? Schon lebe ich unter den niedern Volksklassen und esse in den Wirtshäusern in der Gesellschaft von gemeinen Leuten, die jetzt auf ihre Art ebenso höflich gegen mich sind, wie noch vor kurzem die Reichen; wenn ich nun auch das wenige Geld ausgegeben habe, so werden sie mich ebenfalls verachten und laufen lassen. Jede Bezeugung der Höflichkeit kränkt mich jetzt innig, weil sie mich an meine Lage erinnert. – Retten Sie mich, Freund, und ohne Zögern, ich beschwöre Sie! Sie haben von meiner Verlegenheit keinen Begriff. Jene Summen, die wir ehedem der armseligen Bianca und Laura gaben, wären jetzt grosse Schätze für mich; ich beneide manchem Bettler das, was ich ihm in bessern zeiten gab, ich habe noch nie eine solche Ehrfurcht vor dem Gelde empfunden. – Denken Sie sich das hinzu, was Ihnen ein Freund sagen könnte, um Sie zu bewegen: – doch, ich vergesse, mit wem ich spreche; ich weiss ja, dass ich zu Rosa rede, alle meine Besorgnisse sind unnütz; die gemeinen Menschen leben nur hier. – Es reut mich jetzt lebhaft, dass ich nicht schon früher abgereist bin, allein bin ich darum um so besser dran? – Leben Sie wohl, ich sehe mit sehnsucht einer Antwort entgegen.

22

Rosa an William Lovell

Rom.

Ihre Briefe, lieber William, haben die lebhafteste Teilnahme bei mir erregt. Ich halte es für den betrübtesten Anblick, wenn ein Freund, der unser Herz so nahe angeht, sich und seine Vorsätze so sehr aus den Augen verliert. Ihre Briefe sind alle ein Beweis eines gewissen zerrütteten Zustandes, der Sie verhindert, sich selbst in Ihrer Gewalt zu haben. Mit Freuden würde ich Sie aus Ihrer unangenehmen Lage ziehen, wenn es auf irgendeine Art in meiner Gewalt stände, aber ich weiss nicht, ob Sie es nie bemerkt haben, als Sie hier waren, (wenn es nicht ist, so muss ich es Ihnen jetzt offenherzig gestehn) dass ich in der allergrössten Abhängigkeit von Andrea lebe. Er sucht mich selbst immer