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ich gar nicht leiden, Tomas, Du weisst noch, dass wir uns schon in einigen der ehemaligen Jugendjahre tüchtig ausschlugen, weil Du mich etlichemal hattest auslachen wollen, doch, das ist jetzt vorbei, und ich hab es Dir vergeben. –

Wie ich Dir sagen wollte, so gefällt mir das Ding am besten, was sie hierzulande die Oper nennen, da braucht man nicht zu tun, als wenn man es verstünde, denn da wird einem jeden alles weitläuftig vorgesungen, und es ist ein recht vernünftiger Gedanke, dass wenn sie überdrüssig sind zu singen, so springen sie etliche Sätze herum. Die Musik ist Dir immer unter sehr viel Instrumente abgeteilt, damit der Lärm desto grösser wird und die Komödiantensänger nicht die Herzhaftigkeit verlieren, denn das ist nicht ein geringer Spass, wenn auf etliche darunter geschossen wird, oder manchmal werden sie auch ordentlich gestochen und sterben. – Herrlich sind dabei die Bilder, welche Häuser, oder Gärten, oder so etwas vorstellen, man möchte manchmal hineingehn, so natürlich scheint es in der Ferne auszusehn. Neulich war eine grosse Prügelei hier, ich glaube, es war eine Schlacht, die der berühmte Alexander machte. Sie war gut.

In Paris gibt es auch sehr viel arme Leute; Tomas, ich denke doch immer, dass die armen Franzosen auch meine Brüder sind, wenn ich auch im grund ein Engländer bin, ich habe manchem schon etwas von meinem Überflusse gegeben, und die bedanken sich dann immer so sehr, als wenn ich wunder was! getan hätte. – Wozu doch der liebe Gott wohl die so ganz armen Menschen in der Welt geschaffen haben mag? – Wenn ich erst einem etwas gebe, so kommen gleich eine Menge um mich herum, die mich so mit barmherzigen Augen ansehn, dass ich es gar nicht lassen kann, ihnen auch was zu geben; der eine drückt mir dann die Hand, der andre sieht nach dem Himmel, der dritte weintoh, da hab ich oft mitgeweint und mich nicht dazu gezwungen, es kamen mir die Tränen ganz unverhofftach, es sind recht gute Leute, wenn sie nur ihr gehöriges Brot in der Welt hätten.

Die vornehmen Leute fahren hier in der Stadt sehr geschwinde, viel zu geschwinde, wie ein Jagdpferd. Es werden auch manchmal Leute übergefahren, und da machen sie sich nicht viel daraus, sie fahren über die Menschen ganz geruhig weg. – Tomas, auch darüber hab ich neulich geweint, wie sie so einen armen alten Mann überfuhren, der eben seinen kleinen Kindern Brot eingekauft hatte: es war gerade ein fest, und er hatte sich weiss Brot gekauft, um sich doch auch eine Freude zu machen, und nun fuhren sie ihn gerade so unbarmherzig über, dass er schon am Abende starb. – Es ist nicht recht, Tomas, ich könnte nicht wieder recht ruhig schlafen, aber das ist hier nicht anders. Wir beide haben noch niemand übergefahren, denn wir sind immer zu fuss gegangen, ausser seit ich mit meinem Herrn auf Reisen bin. übrigens bleibe mein Bruder, so wie ich bin

Dein guter Bruder Willy.

4

Tomas an seinen Bruder Willy

Bondly.

Ich habe Deinen Brief bekommen, Willy, und es freut mich, dass Du auch immer noch in der grossen weiten Welt an Deinen Bruder denkst, das ist sehr brav von Dir. – Ich habe schon von solchem närrischen Zeuge und auch von solchen Greueltaten gehört, wie Du mir da schreiben willst, es ist in der Welt einmal nicht anders. Ich weiss nicht, ob Du schon davon gehört hast dass ich jetzt in Bondly wohne und in Diensten beim alten Lord Burton bin. Die Lady Buttler ist gestorben und da bin ich nun hierhergekommen. – Der alte Lord ist bei weitem nicht der Mann, der er sein könnte, wenn er ein recht guter Christ wärenun, Du wirst ihn ja kennen, aber der junge Herr ist auch ein desto lieberer Herr, wenn der erst einmal die herrschaft kriegen wird, da werden sich die Untertanen recht freuen, zu denen ich doch jetzt auch gehöre. Ich wünschte wohl, dass ich's noch erlebte, und dass Du, Willy, mich dann in Bondly besuchtest, oder gar hierbliebest, der junge Herr Burton nähme Dich gewiss gleich in Dienste, dann wollten wir unsre letzten Tage Deinen Herrn von mir und sage ihm, er möchte mein guter Freund bleiben, so wie ich

der seinige. Tomas.

Nachschrift. Schreibe mir sooft Du kannst, Willy; nur muss ich Dir noch sagen, dass Deine Art zu schreiben gerade nicht die schönste ist, alles ist immer so dunkel, wenn man nicht selbst etwas Verstand hätte, so würde man Dich nimmermehr verstehn. – Demohnerachtet bin ich

Dein zärtlicher Bruder, Tomas.

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Eduard Burton an William Lovell

Bondly.

Deine Briefe erfreuen mich um so mehr, um so heiterer und lebensmutiger sie sind. Ich teile Deine sehnsucht nach einer entflohenen schönen alten Zeit; aber soll in dieser sehnsucht nicht selbst ein Gewinn für uns liegen? Jener Lebensmut des Altertums ist uns wohl entwichen, aber es ist uns vielleicht vergönnt, natur und Kunst mit mehr Inbrunst zu lieben und zu erfassen; denn gewiss muss der Geist der Menschheit, das Verständnis der Dinge, ebenfalls eine geschichte haben, und in keiner geschichte ist ein ununterbrochenes Rückschreiten möglich: jene Völker, die uns als Beispiel dienen könnten, haben eben auch ihre geschichte verloren. Der