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aber wirklich die Schwindsucht hätten, so könnte diese Krankheit für andre leicht ansteckend sein: wenigstens sagt man es so. Aber ich will doch morgen zu Ihnen kommen, nur müssen Sie auch hübsch heiter und lustig sein, denn wenn ich jemand sehe, der weint, so werde ich gleich mit betrübt, und nichts in der Welt fällt mir so zur Last, als die Betrübnis. Man sollte nie betrübt sein, wenn man es möglich machen könnte, es ist so nicht viel an dieser Welt, und wir müssen sie uns also nicht noch mutwillig verbittern. Der junge Lovell hat mir sonst mit seinem sauren gesicht manche böse Stunde gemacht und ich weiss nicht, warum mir an einem mann die Ernstaftigkeit noch fataler ist als an einem Frauenzimmer. – Schicken Sie mir doch etwas von Ihrer Schminke, die meinige ist zu Ende und ich kann noch keine neue bekommen. Es ist doch wirklich unangenehm, dass die Haut davon so gelb wird, ich bemerke das seit drei Wochen: auf jedem Topfe steht, dass die Schminke unschädlich sei, und doch ist es dann nicht wahr, wenn man es untersucht. – Was haben Sie für einen Arzt? – Armes Kind, ich kann mir Ihre Betrübnis recht denken und Sie haben auch Ursache dazu; aber Sie müssen sich dennoch trösten, denn das Klagen und Weinen macht es nur schlimmer. Wenn Sie ausgehn dürfen, so kommen Sie heute vor abends zu mir.

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William Lovell an Rosa

Paris.

Ich weiss nicht, warum ich immer noch hier bin. Ich sollte endlich zurückkehren. Es ist unbegreifliche Trägheit von mir, dass ich noch nicht in Rom bin. Wie kann man so ganz von aller Kraft, von aller inneren Stärke verlassen sein!

Mein Glück im Spiele hat aufgehört und doch bin ich an den Tisch wie festgezaubert. Wenn ich Karten sehe, läuft mein Blut lebendiger, und ich träume nur von glücklichen oder unglücklichen Spielen. Ich verstehe jetzt, was man unter der leidenschaft des Spiels sagen will. Ich habe schon ansehnlich verloren, das Geld, was ich aus England mitbrachte und einen grossen teil von Burtons Wechseln: ich ärgre mich darüber nicht, aber über die platte Freude der jämmerlichen Menschen, die von mir gewinnen. Sie halten das blinde Glück für einen Vorzug, der ihnen eigentümlich ist, sie verachten mich, indem ich verliere. Ich lerne jetzt zuerst den Wert des Geldes empfinden, und kann doch nicht zurück, wenn ich die verdammten Bilder sehe. – Raten Sie mir, was ich tun soll. Und Oh, es ist um toll zu werden, dass man so närrisch ist!

Der Begriff von Zeit ist mir jetzt fürchterlich. Wenn ich einen Tag vor mir habe, ohne zu wissen, was ich mit ihm anfangen solloh, und dann den blick über die leere Wüste von langweiligen Wochen hinaus! Und wieder eine Stunde nach der andern von der Zeit zu betteln, sich vor dem Gedanken des Todes zu entsetzen! Wie elend ist der Mensch, dass er sterben muss, und wie höchst unglückselig müsste er sein, wenn er ewig lebte! Wie toll und unsinnig ist unser Leben durch diese unaufhörlichen Widersprüche!

Wie verächtlich ist alles um mich her, durch unsre Sinnlichkeit, die uns unerbittlich an Nichtswürdigkeiten fesselt. Alles, was Freude, Schönheit, Genuss und Witz heisst, bezieht sich unmittelbar auf die gröbste Sinnlichkeit; das Menschengeschlecht ermüdet nicht bei denselben frostigen Spässen, die Phantasie bekömmt keinen Ekel vor sich selber. Oh, mir zittert oft das Herz, wenn ich die Menschen um mich her lachen sehe, wenn ich junge Leute betrachte, die sich in ihrer Verächtlichkeit so glücklich fühlen. Kein Gedanke hebt dies Geschlecht über seine jämmerliche Eingeschränkteit hinaus. Ach, wenn ich dann aus ihrer Gesellschaft unter den freien Himmel trete, und die ewige Schar der unendlichen Welten über meinem haupt funkeln, wenn ich mich mit Schwindeln in die Millionen dieser Erden verliere und andre und noch höhere ahnde, wenn ich den Mond betrachte und Städte, Berge und Wälder auf seiner Scheibe entdekken möchteund ich komme dann zu mir und zur gewöhnlichen Heimat meiner Gedanken zurück! Karten, Würfel und unzüchtige gespräche. Die Seele leugnet sich selbst ihre Schwingen ab und wohnt mit Wohlbehagen in einem schmutzigen Kerker, weil der Äter und die Sonne und jede freie und glänzende Bahn eine strenge Rechenschaft von ihr fordert.

O Rosa! Wie oft erwachen jetzt kindliche Gefühle in meiner Brust, die wie unvermutete, längstvergessene Freunde bei mir einkehren und den Hauch des ehemaligen Frühlings mit sich bringen. Bilder von Gegenden, die mich sonst schwermütig entzückten, kommen in mein Gemüt und machen mich von neuem melancholisch: es reichen süsse Stimmen über alle Abgründe zu mir herüber und nennen sehnsuchtsvoll und anlockend meinen Namen. Ach, wie unaussprechlich unglücklich macht mich alles! – Und dann kehre ich zu den Karten und zu meinen gemeinen Gesellschaftern zurück.

Oft, wenn ich mich in wüste Träume verliere und die Erde mit allen ihren Schätzen wie ausgebrannte Schlacken vor mir lieget, geht Amaliens Name wie die erste Blume nach dem Winter in meinem Herzen auf. Wie von vorüberfliegenden Engeln werde ich dann begrüsst, wie Morgenrot umgibt es mich, das mühsam nach mir hinüberklimmt. Dann möchte ich die unendlichen Gefilde des himmels vergessen und zur Erde, wie zu einer lieben Hütte zurückkehren. – Ach, meine Träume sind mehr wert, als die Wirklichkeit! Und musst ich erst die Wirklichkeit so kennenlernen, um auf diese