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Sohnes. Man kann nicht in die Zukunft sehen, sonst würde ich mich vielleicht noch mehr freuen, als es geschieht; Amalie ist sehr glücklich.

Ob denn auch bei mir jene Eitelkeit eintreten wird, die mir an andern Vätern oft so sehr missfallen hat? Man kann freilich für nichts stehen, am wenigsten für irgendeine menschliche Schwäche, allein ich glaube es doch nicht. Ich habe schon sehr genau auf mich achtgegeben, aber ich muss Ihnen gestehn, dass mir das Schreien meines Kindes ebenso unharmonisch vorkömmt, als das aller übrigen; dass ich es nicht schön finde, so wie es bis jetzt ist, dass ich auch noch keinen Funken von Verstand oder Genie an ihm entdeckt habe; ich habe Väter gekannt, die darin unendlich scharfsichtiger waren, die es übelnahmen, wenn sich jemand beim Gekreisch ihres Sohnes die Ohren zuhielt, oder meinte, dass er die fragen, die man an ihn tat, wohl noch nicht verstehn möchte. lich zu sein pflegen; der Anblick des Kindes macht mich sehr ernstaft. Kann ich wissen, von welchen Zufälligkeiten, die schon jetzt eintreten und die ich nicht einmal bemerke, sein künftiges Schicksal abhängt? Die ganze unendliche Schar der Gefühle und Erfahrungen wartet auf ihn, um ihn nach und nach in Empfang zu nehmen. Glück und Unglück wechselt, er wird in alle Torheiten eingeweiht und glaubt sich in jeder verständig. So treibt er den Strom des Lebens hinunter, um endlich wieder, wie wir alle, unterzugehn.

Nein, das Leben kann nicht das Letzte und Höchste sein, da wir so oft das Leere und Unzusammenhängende darin empfinden. Jedesmal, wenn wir ernstaft werden, ohne zu wissen warum, erinnern wir uns vielleicht dunkel eines besseren ehemaligen Zustandes. Dem Schwärmer ist es vielleicht gegönnt, diese flüchtigen Erinnerungen festzuhalten, und er entfernt sich daher mit jedem Tage mehr vom gewöhnlichen Leben.

Auf diesem Wege könnte man aber auf eine recht vernünftige Art verrückt werden, und dieser Zustand mag nun in sich selbst so vortrefflich sein, als er will, so sieht er doch in der Entfernung zu abschreckend aus, als dass ich ihm sollte näherkommen wollen.

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Adriano an Rosa

Florenz.

Sie irren, Rosa, wenn Sie vielleicht glaubten, dass Ihre Spötterei mich aufbringen würde, noch mehr aber, wenn Sie der Meinung waren, mich dadurch zu überzeugen. Ich mag und kann Ihnen hier meine Gründe nicht weitläuftig auseinandersetzen, warum ich jetzt noch nicht nach Rom zurückkehren werde. Ich wünschte durch mein ganzes Leben einen geraden Weg vor mir zu haben, den ich übersehn kann, von dem ich weiss, wohin er mich führt. Ich mag lieber nicht weit kommen, als mich aufs Ungewisse einem unbekannten Fusssteige vertrauen.

Das Gleichnis wird Ihnen vielleicht lächerlich dünkenaber mag's! Es ist vielleicht notwendig, dass manche Menschen uns verachten, damit uns andre wieder schätzen. – Ich besitze freilich nicht jene Fähigkeit, jede Meinung sogleich zu verstehn und in ihr zu haus zu sein, ich bin ungelenk genug, manches für Unsinn zu halten, weil ich es nicht begreifen kann, aber verzeihen Sie mir meine Schwäche so wie ich Ihre Grösse bewundre. – Ich spotte jetzt nicht, Rosa, selbst nachgedacht und gefunden, dass alle meine Schwächen mit meinen bessern Seiten zusammenhängen, wie es vielleicht bei jedem Menschen ist: die gewaltsamen Änderungen sind auf jeden Fall immer ein sehr missliches Unternehmen, es gibt keine so geschickte Hand, die mit dem Unkraute nicht zugleich die guten Pflanzen ausraufte. Lassen Sie mich darum lieber so, wie ich bin, Sie mochten mich sonst ganz verderben.

Auch dass ich dies fürchte, ist eins von den Vorurteilen, die Sie verlachen. Aber, lieber Freund, entkleiden Sie den Menschen von allen Vorurteilen, und sehen Sie dann, was Ihnen übrigbleibt. Die Sucht, ganz als freier Mensch zu handeln, führt am Ende wieder den schlimmsten Vorurteilen, oder dem Wahnsinne entgegen. Ich will lieber manches glauben, um nur mit mir selbst zur Ruhe zu kommen. Sagen Sie mir aufrichtig, ob es auf Ihrem Wege möglich ist?

Doch lassen Sie mich lieber die ganze Untersuchung abbrechen, denn sie führt doch zu nichts.

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Bianca an Laura

Rom.

Besuchen Sie mich doch, liebste Freundin, ich habe den ganzen Tag geweint. Der Arzt hat mir heute morgen endlich angekündigt, dass ich die Schwindsucht habe. Ich weiss vor Betrübnis nicht zu bleiben. – Ich habe gebeichtet, allein ich bin nur wenig getröstet; kommen Sie und heitern Sie mich durch einige lustige Erzählungen auf. Wen haben Sie denn jetzt zum erklärten Liebhaber? O erzählen Sie mir doch von ihm recht viele Torheiten, damit mir die Welt nur wieder etwas lustig vorkömmt. – Ob denn die Schwindsucht immer so gefährlich sein mag, als man sagt? – Ach, liebe Freundin, der Gedanke an den Tod ist sehr bitter. – Wenn Sie nicht kommen, weiss ich nicht, wie ich den Abend zubringen soll. Ich werde dann wieder weinen und beten. – Aber kommen Sie ja, ich beschwöre Sie.

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Laura an Bianca

Ich kann Sie heute unmöglich besuchen, aber morgen. Alle unsre Bekanntschaften haben mich verlassen und ich habe eine Zeitlang recht einsam gelebt; aber seit gestern habe ich wieder einen guten Freund angetroffen. – Mit Ihrer Krankheit wird es mit der Zeit wohl besser werden, Sie müssen nur nicht die Hoffnung verlieren, denn die Hoffnung ist die beste Arznei. – Wenn Sie