Schmerzen am meisten niederschlug, war, dass die natur und alle Gegenstände umher so kalt und empfindungslos schienen. In mir selbst war der Mittelpunkt aller Empfindungen, und je mehr ich aus mir hinausging, je weiter lagen die Empfindungen auseinander, die in meinem Herzen dicht nebeneinander wohnten. – Aus dieser Ursache fühlt sich der Unglückliche in der Welt unter allen Geschöpfen so fremd, denn man nimmt auf seinen Schmerz nie Rücksicht genug, man achtet ihn nie so, wie er es wünscht. – Die Menschen, die mich umgaben, trockneten bald ihre Augen, andre hatten nie geweint, noch entferntere Emilien nie gekannt. – Ich schalt auf alle und war ungerecht. Dieses mannigfaltige und widersprechende Interesse der grossen Menschheit sollte uns im Gegenteile im Unglücke trösten.
7
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Es ist im Leben nicht anders, es wechselt alles wie Sonne und Mond, wie Licht und Finsternis. Hoffnung und Furcht ist die Lebenskraft, die unser Herz in Bewegung erhält und in jedem Moment der leidenschaft sollten wir schon auf diese Abwechslung rechnen. Das Leben ist nichts weiter, als ein ewiges Lavieren zwischen Klippen und Sandbänken, die Freude verdirbt unser Herz ebensosehr als die Qual, und eine feste Ruhe und gleichförmige Heiterkeit ist unmöglich. Unglück macht menschenfeindlich, misstrauisch, verschlossen, der Mensch wird dadurch ein finstrer Egoist, und indem er auf alles resigniert, hat er den Stolz sich selbst zu genügen. Das Glück ist die Mutter der Eitelkeit, selbst der Vernünftigste wird sich im stillen für wichtiger halten, als er ist; Eitelkeit und Selbstsucht lassen den Menschen vielleicht nie ganz los, im ewigen Kampfe mit ihnen besteht am Ende sein Verdienst.
Ich spreche aus dem Herzen, lieber Burton. Ich bin noch einer von den kältern Menschen, und doch bin Wenn ich einmal melancholisch würde, so könnte ich mit Hamlet sagen:
"Ich bin noch keiner der Schlimmsten, und doch könnt ich mich solcher Verbrechen anklagen, dass es besser wäre, man hätte mich nicht geboren." –
Im Glücke war ich stolz und eigensinnig, beim kleinsten Unglücke glaubt ich, dass dergleichen mir nur allein begegne, jedermann hatte ich dann im Verdachte, dass er mich verfolge und hasse, ich hielt die Menschen sogleich für viel besser und schlechter, als ich war; ich übertrieb alles auf eine kindische Art, um mir nur recht unglücklich, zuweilen, um mir selbst nur recht schlecht vorzukommen. Ich unterschied mich von andern nur dadurch, dass ich weniger sprach und mich mehr verstellte, dass ich einige Philosopheme hersagte, die mir immer zu Gebote standen und die die Augen der Menschen verblendeten. – Wahrlich, wir sind am Ende alle Brüder einer Mutter.
Trauen Sie es mir wohl zu, dass ich lange für mich glaubte, Lovell habe mein Haus angezündet, weil er mir meinen Frieden beneide? Ich hatte eben keine Gründe zu diesem Argwohne, als mein misstrauisches Herz. – Aber ich habe es ihm auch mit diesem Herzen wieder abgebeten.
Ach, ich muss die Feder niederlegen, denn ist nicht auch das, dass ich so über mich spreche, vielleicht wieder Eitelkeit? – Es gibt gewisse Gedanken, die man zu den Kuriositäten der Seele rechnen sollte.
Ich bete alle Nächte für Amaliens Niederkunft – und ist es nicht wieder die Hoffnung, die mir diese Laune gibt, die vielleicht unbarmherzig genug gegen Ihre Melancholie anrennt? – Aber verzeihen Sie mir und dem Menschen, und leben Sie wohl.
8
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Ihr Brief hat mich nicht beleidigt, sondern getröstet. Warum verstand ich jenen, der mich zuerst gegen Lovell aufbrachte, nicht ebenso gut? Bin ich denn nicht aller derselben Schwächen schuldig, ach! und noch vieler andern. – Eben unser Herz, das uns von innen veredelt und bessert, indem Empfindungen auf- und niedersteigen, um es zu erwärmen und zu reinigen, eben dies bewegt uns am Ende wieder, diese Empfindungen für ganz etwas Einziges zu halten, sie viel zu hoch uns selber anzurechnen, und dadurch eine Scheidemauer zwischen uns und den übrigen Menschen zu ziehen. In Lovells Bekenntnissen finde ich jetzt mich selbst wieder, nur dass er übertreibt, wie denn alles übertrieben ist, was man absondert, um es einzeln hinzustellen, damit es andre fassen und begreifen. Unser Sprechen besteht darin, dass wir ganze massen von Gedanken und Bildern als einen Begriff hinstellen, wir nehmen die Phantasie zu hülfe, um der fremden Seele zu erläutern, was uns selbst nur halb deutlich ist; und auf diese Art entstehn Gemälde, die dem scheinen. Es ist ein Fluch, der auf der Sprache des Menschen liegt, dass keiner den andern verstehn kann, und dies ist die Quelle alles Haders und aller Verfolgung: die Sprache ist ein tödliches Werkzeug, das uns wie unvorsichtigen Kindern gegeben ist, um einer den andern zu verletzen. – Ach, habe ich nicht dadurch Lovell und Emilien verloren?
Ich sehe Ralph und seine Tochter täglich. Sie ist in ihrer Unschuld verehrungswürdig, und diese Menschen söhnen mich nach und nach mit der Welt und ihren Bewohnern wieder aus. – Ich wünsche Sie bald als einen glücklichen Vater begrüssen zu können. Es ist doch recht erfreulich, wenn jeder die kleine Stelle, auf der er steht, für die vornehmste auf der Erde hält.
9
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Es ist endlich entschieden, lieber Freund, Amalie ist ausser Gefahr, und ich bin der Vater eines jungen hoffnungsvollen