so fest, als wenn ich das Schiff durch meine eigne Kraft über den Fluten emporhalten wollte. Ich wünschte nur zu leben, und vergass jedes andere Glück und Elend der Erde; der Tod war mir jetzt ein grässliches, riesenmässiges Ungeheuer, das seine Hand kalt und unerbittlich nach mir ausstreckte; von allen Seiten hatten mich seine Wächter eingesperrt und das Entrinnen war unmöglich! Wie lieb gewann ich in diesen Augenblicken den Arm, der mich an den gefühllosen Mast kettete, wie sehr liebt ich mich selbst! –
Das Wetter ward endlich ruhiger und alle erwachten wie aus einem schweren Träume; das Land, das wir erreichten, kam uns so neu und doch wie ein alter Freund vor. –
Ich mag nicht noch eine solche Stunde erleben, und wie leicht ist es möglich, dass sie mich plötzlich überrascht. – Ach, noch weit entsetzlicher ist das einsame Krankenbette, in das der Tod nach und nach mit hineinkriecht, sich mit uns unter einer Decke verbirgt und so vertraulich tut. – Ich entsetze mich in manchen Stunden davor, dass ich irgendeinmal sterben muss; man denkt daran nur so selten ernstaft, und doch ist es wahr. Wie zittert der Sünder vor dem Tage seiner Hinrichtung – und kann einer von uns diesem Schicksale entgehn? – Ach, das Leben ist verächtlich und fürchterlich, aber der Tod ist entsetzlich und abscheulich; der arme, geängstigte Mensch steht in der Mitte und weiss nicht, wonach er greifen soll. – Wie kaltblütig uns die Dichter immer Sterbliche! anreden, und wie wenig wir selbst meistenteils dabei empfinden!
6
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie geht es Ihnen, lieber Mortimer? Ich habe lange keine Nachrichten von Ihnen bekommen. – Der alte Sir Ralph mit seiner Tochter, von denen Sie mir neulich schrieben, in der Sie Emilien zu finden hofften, wohnt jetzt in meiner Gegend, und er scheint sich in seinem einsamen haus recht wohlzubefinden. Es ist eine Erquickung meines Herzens, es ist eine Schuld, die ich abbezahle, wenn ich diesen Leuten wohltue. Ich besuche sie oft, und ich muss Ihnen gestehn, dass ihr Umgang mich fast am meisten getröstet hat.
Der alte Mann, der gut erzogen war, und nun am rand des Grabes in die schrecklichste Armut versinkt, halb blind, mit allen Bequemlichkeiten des Lebens vertraut, und nun plötzlich von allem entblösst, der gern ein Stoiker sein möchte, wenn er nur könnte, der sein Elend so innig fühlt und sich doch, sosehr er hülfe wünscht, davon zu sprechen schämt: er ist mir nach und nach so interessant geworden, dass es mir vorkömmt, als fehle mir irgend etwas, wenn ich ihn an einem Tage nicht gesehen habe. ohne alle Prätension. Sie wundert sich über Glück und Unglück gleich wenig in der Welt, und nicht aus Standhaftigkeit, sondern weil sie so unbefangen ist, dass sie glaubt, es muss so sein. Sie ist ein erwachsenes Kind, das mit allen Gegenständen spielt, die es erreichen kann. O wohl dir, glückliches Wesen! Wie bunt und lustig sieht dir selbst in deinem Elende die Welt aus, du gehst mit neugierigem Auge hindurch, und betrachtest eifrig jede Nichtswürdigkeit als etwas sehr Merkwürdiges. – Sie geniesst das Leben, wie man sonst nur ein Kunstwerk geniesst, es ist ihr ein grosser Jahrmarkt, mit nett ausgeputzten Seltenheiten. –
Ach ich denke an Emilien zurück. Alle meine Sorgen, alle schlaflosen Nächte fallen mir ein, wenn ich ein liebenswürdiges Gesicht sehe. Wo ich mich freuen will, tritt mir eine schwarze Erinnerung entgegen, und wenn ich mich zuweilen vergesse, so mache ich mir nachher über meinen Leichtsinn nur desto schmerzhaftere Vorwürfe. – Als nun ihr Rausch nach und nach entfloh, was muss sie gelitten haben! als sie sich die Entdeckungen in dem inneren ihrer Seele gestand und alles wie nichtiges schales Spielzeug dalag, das sie in der Entfernung mit so vieler Ehrerbietung betrachtet hatte. Ihre hohe Empfindung hatte sie für etwas Einziges gehalten, sie hatte unvollendete schöne Eigenschaften darin geahndet, und sich selbst als ein Wesen betrachtet, das mit seinen grossen und mannigfaltigen Fähigkeiten unbekannt sei. Dies ist der gefährlichste Stolz im Menschen, er macht ihn frech und zuversichtlich auf Gaben, die er nicht besitzt, und unglücklich, wenn die Seele endlich selbst jene eingebildeten Schwingen versuchen will. – Wenn das Sterben ein Erwachen vom Leben ist, so war sie schon vor dem tod auf eine ähnliche Art erwacht, das beweiset ihr letzter Brief. Sie muss es innig gefühlt haben, dass sie nur geträumt und nicht gelebt habe; wie muss sie erschrocken gewesen sein, als sie sich beim Erwachen an einem so fernen und fremden Orte wiederfand?
Ach Emilie! Dein Name tönt in meinen Ohren so süss, meine ganze Kindheit liegt in dem Laute. – Ich schwärme oft und bilde mir ein, dass sie mich hört, dass sie es sieht, wenn ich ihre Papiere küsse und mit meinen Tränen benetze. – Ich habe aus dem Gedächtnis ihr Bildnis gezeichnet, und es ist, nach meiner Meinung, sehr ähnlich; bei jedem zug, der mir gelang, entstürzten Tränenströme meinen Augen, es war als wenn sie selbst plötzlich wieder aus dem Papiere hervorbrechen würde, und mir sagen, alles, alles sei nur eine unnütze Angst gewesen, dass sie mir dann, wie in der Kindheit, den Kopf herumdrehen würde, und ich über den grausamen Schelmstreich lachen müsste.
Was mich in meinen