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glücklich sind Sie und Adriano, da Sie sich so ungebunden fühlen, da Sie überzeugt zu sein glauben!

Sie können sich meine Lage vielleicht gar nicht vorstellen. In einer Ungewissheit, dass ich darüber würfeln möchte, wie ich von Andrea denken soll, bald zu einer tiefen Verehrung hingerissen, bald von einem niedrigen Argwohn angelocktmir bewusst, wie sehr ich gegen mich selbst geheuchelt und wie viel ich ihm zu danken habe – o Francesco, es wäre um wahnsinnig zu werden, wenn man diesen Gedanken nachhängen wollte. Was habe ich je gedacht, was nicht ursprünglich aus Andreas kopf gekommen wäre? Ich fühle und bekenne meine Schwäche. Sollte ich ihn mich zusammenhält, ich habe so vieles getan, um ihm nahezukommen, und alles sollte nun vergeblich sein!

Und dann ist es unmöglich! Ich kann Ihnen nicht sagen, warum, aber glauben Sie mir, es ist unmöglich. Wenn der Mensch wüsste, zu welchen Folgen ihn ein ganz gleichgültig scheinender Schritt führen könnte, er würde es nicht wagen, den Fuss aus der Stelle zu setzen.

Am wenigsten kann ich mir jene Lügen vergeben, die ich mir selber vorsagte; in einer gewissen Spannung sucht man das Wunderbare und stellt selbst das Gewöhnliche auf eine seltsame Weise. Diese Übertreibung drückt mein Herz schwer nieder, ob ich gleich nicht ganz Ihrer Meinung sein kann, dass Andrea nicht in einem hohen Grade Verehrung verdiene; wenn wir ihn auch nicht begreifen können, so berechtigt uns das noch gar nicht, ihn gänzlich zu verwerfen.

Ich habe oft abgesetzt und war sehr oft ungewiss, ob ich den Brief abschicken sollte. Mögen Sie ihn indes nehmen, wie Sie wollen, bei einem billigdenkenden mann wird er mich entschuldigen.

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William Lovell an Rosa

Paris.

Ich bin auf der Rückreise nach Italien, ich schreibe Ihnen diesen Brief aus Paris. – Hier befinde ich mich besser, als auf der Reise hieher; wenn man die Menschen in einem dicht gedrängten Gewühle sieht, so sind sie weit erträglicher. Man sieht sie dann so einzeln und abgerissen, und jede Armseligkeit an ihnen erscheint dann vergrössert. Wie sie alles nur auf sich, einzig auf sich beziehn! Wie der armseligste Bauer meint, dass man ihm sein Haus und seinen wüsten Garten beneidewie jeder von der Narrheit und von den Schwächen des andern spricht, ihn mustert und sich so unendlich über ihn erhaben fühlt! – Wie keiner daran denkt, dass er einst mit den Würmern und den wilden Blumen des Kirchhofs verwandt werden wirdach! wie sie den ekelhaften Körper, jeglicher auf seine eigene Art, ausputzen und verherrlichen! –

Hier in den betäubenden Zirkeln, in denen sich alle Maschinen auf die lebendigste Weise bewegen, und jeder den andern durch witzige Einfälle, oder durch Reichtum, oder Glück, oder Schönheit verdrängt, hier vieles besser. Man rührt sich mit unter den beweglichen Puppen, man lacht, trinkt und spielt, und vergisst dabei, dass man ein Mensch ist; eben je mehr man unter ihnen ist, je mehr vergisst man, dass man zu ihnen gehört.

Ich spiele viel und ich habe bei weitem nicht so viel Glück, als in England. – Tadeln Sie mich nicht, denn ist nicht alles, was wir Genuss der Seele nennen, etwas, das darauf hinausläuft? Ob ich mit Worten oder Karten, Definitionen, Würfeln oder Versen spiele, gilt das nicht alles gleich? – An die Karten und ihre wunderbaren, unerwarteten Abwechselungen kann man alle Empfindungen knüpfen; das Glück steigt und fällt, wie Ebbe und Flut, mit jedem Spiele beginnt ein neues Schicksal und unser Innres bewegt sich harmonisch mit den Abwechselungen der bunten Bilder. Die Seele interessiert sich für diese gefärbten Zeichen und wird vertraut mit ihnen, und das Leben bleibt in einem unaufhörlichen muntern Schwunge, die Leidenschaften sinken nie unter, Freude und Schreck wechseln und jagen immer schneller und schneller das Blut durch die Adernwas kommt gegen diese Empfindungen das unbeholfene Geld in Rechnung? Jeder Mensch braucht eine Erschütterung; der eine sucht sie im Teater, der andere in irgendeinem Steckenpferde, dem er sich mit der innigsten Liebe hingibt; ein andrer macht Plane, ein vierter ist verliebtdas Spiel ersetzt mir alles, es entfernt mich vom Bewusstsein meiner selbst und taucht mich in dunkle Gefühle und wunderbare Träumereien unter. Es ist oft, als käme man dem eigensinnigen Gange des Zufalls auf die Spur, als ahndete man die Regel, nach der sich die durcheinandergezogenen Kreise bewegen.

Auf der Fahrt von Soutampton nach Guernsei hatten wir einen heftigen Sturm. Der Blitz zersplitterte den einen Mast und die Wogen donnerten und brausten fürchterlich. Wir alle kämpften mit der Furcht des Todes und dicke Nacht lag um uns her. Die Winde strichen pfeifend über das empörte einsame Meer hin, und beim Leuchten des Blitzes sahn wir den Aufruhr der Flut; das Geschrei der Matrosen dazwischen, das Wehklagen der Geängstigtenes waren fürchterliche Stunden! Nie hab ich mich so verlassen gefühlt und dem blinden ungefähr so gänzlich preisgegeben. Mit der Kälte der Verzweiflung erwartete ich riesengrosse Wogen, die das Schiff verschlängen, krachende Blitze, die es zerschmetterten, den Orkan, der es auf eine Klippe schleuderte. Eine fremde, bis dahin unbekannte Gewalt, die Liebe zum Leben, der Instinkt alles Lebendigen stand in meiner Brust auf und beherrschte mich und mein Bewusstsein. Ich lernte zum ersten Male die Furcht, die Angst vor dem tod kennen; ich klammerte mich an den Mast