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von den Blicken, von dem Lächeln der Weiber ab: sie suchen zu gefallen und formen sich nach hingeworfenen Winken, sie halten sich für die Herren der Welt und lassen sich einer Nichtswürdigkeit wegen tyrannisieren. Ihre kühnsten Wünsche, ihre frechsten Plane sind nur Lakaien und nachtretendes Gefolge der sinnlichen Begierde. – Der stupide Bauer schätzt sich glücklich, wenn der vorbeifahrende Minister seinem Grusse dankt, er glaubt einfältig, es sei ihm nur allein geschehn, und er unterlässt nicht, es der ganzen Dorfschaft zu erzählen: und der Minister sieht dreimal öfter in den Spiegel, wenn ihn ein Mädchen angelächelt hat, das ihn bis dahin kalt betrachtete. – Nach jedem Betruge glaubt der Mann, das sei nun auch das letzte Weib, das ihn hintergangen habe: er hält am folgenden Tage eine andere für vollständig tugendhaft, er schwört darauf, alle übrigen wären nichts wert gewesen, aber diese nur, diese sei ordentlich für ihn geboren, dann ist er auf jeden blick eifersüchtig, dann fängt er jedes ausgesprochene Wort auf, damit es ja kein anders Ohr, als das seinige, beglücke. – Ein ewiger, rastloser Kampf, beständige Disharmonie, alle Kräfte und Anlagen widersprechen sich, er will herrschen, und ist Sklave, er will lieben und hasst, Blicke lenken ihn gegen seinen Willen, er verachtet die Eitelkeit und ist selbst eiteler – o er verdient wahrlich am Ende nicht, dass man sich die Mühe gibt, über ihn zu sprechen! –

Wenn nun das Blut langsamer durch die Adern fliesst, dann treten die Leidenschaften nach und nach in den Hintergrund zurück. Das Hirngespinst des Stolzes besetzt den Tron allein. Vorher konnte der Mann nur von Weibern regiert werden, jetzt aber von jedermann. Kinder haben ihn in den Händen und werfen sich ihn abwechselnd, wie ein Spielzeug, zu. Wer ihm schmeichelt, ist sein Freund, und selbst wenn er das Grobe, das Unzusammenhängende in der Schmeichelei bemerkt, so beleidigt sie ihn doch nicht, er lässt sich freiwillig fangen, er glaubt selbst an alle Vortrefflichkeiten, die ihm der unverschämteste Poet in einem Geburtstagsgedichte beilegt. Er ist eine Blume, die von allen Insekten ausgesogen wird, er denkt über sich selbst nie mehr nach, sondern hat sich völlig unter fremden Urteilen gebeugt, er kennt sich selbst nur vom Hörensagen, und meint, andre Leute hätten für unsre Vorzüge und Fehler ein schärferes Auge, als wir selbst. Der grösste Dummkopf kann dann diese Maschine zu seinem Vorteile regieren, und der klügere Mensch wird die ganze Welt nur für eine grosse Fabrik ansehn, in der diese Maschinen hingestellt sind, und die er zu seinem Vorteile in den gang bringen muss.

Ich will fort, und zu Ihnen zurückkehren, ich brenne vor Begierde, von Andrea mehr zu erfahren und zu lernen; je mehr ich diese Welt hasse und verachte, je mehr fühle ich mich zu jener überirdischen hingezogen, die mir Andrea aufschliessen will. Diese Bekanntschaft ist die letzte frohe Aussicht, die ich habe.

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Emilie Burton an Mortimer

C.... bei Nottingham.

Sie werden erstaunen, indem Sie diesen Brief eröffnen; Sie werden vielleicht unwillig, wenn Sie die Unterschrift sehen, aber der Freundschaft wegen, die Sie für meinen Bruder haben, würdigen Sie mich, meine Worte anzuhören. – Mein unglücklicher Irrtum wird Ihnen schon bekannt sein, verschonen Sie mich mit der Erzählung, wie ich elend ward. O teurer Freund, (wenn ich Sie so nennen darf) wüssten Sie, wieviel ich gelitten habe, Sie würden mir gern vergeben.

Ich scheue mich an meinen Bruder zu schreiben, ich schäme und fürchte mich ihn zu sehen; ich habe ihn zu sehr beleidigt. Seine Liebe würde mir weh tun. Ich verliess ihn in einer Trunkenheit, in einer Raserei, ich gegen, dem ich mein ganzes Herz gegeben hatte. – Ich bildete mir mancherlei ein; ach, schon auf dem Wege, schon eine Stunde nachher, als ich das Haus verlassen hatte, erwacht ich; der glänzende Irrtum, die Täuschung, die Eigenliebe, alles verschwand; ich sah ein, dass Lovell mich nicht liebte, ach! und ich entdeckte in meinem eigenen Herzen, dass es ihn nie geliebt hatte. Ich sah meine Verächtlichkeit ein, die erzwungene Spannung einer hochfliegenden Phantasie, die Sucht etwas Eigenes und Besonderes zu empfindenoh, wie ich mich seit der Zeit verachtet und gehasst habe! – Aber ich habe hinlänglich dafür gelitten. – O teureste, teureste Amalie, vergib mir, dass ich mich immer über Dich erhaben fühlte, dass ich Dein Betragen und Deine Gefühle unaufhörlich meisterte. – O Gott! wie gross, wie heilig erscheinst Du mir jetzt in Deinem einfältigen Wandel!

Ich kann die Feder kaum haltenich fühle mich sehr schwach. – Er hat mich verlassen, unter fremden Menschen lieg ich hier ohne hülfe, krank auf dem Totenbette, das fühl ich; der Gram, die Verzweiflung, sie haben die Kraft meines Lebens hinweggenommen. Oh, er hätte mich doch nicht so verlassen sollen, das hatte ich doch nicht um ihn verdient!

Warum verliess ich jenes ruhige, schöne Glück, das bei mir wohnte? Liebe und Wohlwollen, die mich von allen Seiten umgaben? – Ach! mein Bruder! wenn er mir nur vergeben hat! wenn er nur keine Träne um seine unwürdige Schwester vergiesst! – Doch wünscht ich ihn zu sehen, ihn um Vergebung zu bitten: ach