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Ich suche den Armen wohlzutun, aber was ist das dagegen, wenn ich Emilien wohltun, wenn ich den unglücklichen Lovell wieder zu meinem Freunde machen könnte? – Jedes Almosen, das ich gebe, jede Linderung, die ich verschaffe, ist nur ein kleiner Abtrag von meiner grossen Schuld.

Ich war vor einiger Zeit schwach genug, dass ich Emilien und Lovelln an dunkeln Stellen meines Gartens Denkmäler errichten wollte; ich vergass über diese kindische Spielerei meinen Schmerz während eines halben Tages, aber da ich wieder einige ihrer Kleidungsstücke sah, da ich meinen Schreibtisch öffnete, und mir etwas Geschriebenes von ihr in die hände fiel, o da kam der Jammer von neuem über meine Seele, und ich empfand es, dass mein armes, zerrissenes Herz keiner Denkmäler brauche, um zu trauern. Es ist betrübt, dass wir alles gern putzen und verschönern mögen und oft über den Putz und die Zufälligkeiten die Sache selbst vergessen. – Dein blosser Name, Emilie, ruft alles in meine Seele zurück; alle Erinnerungen ehemaliger Freude, jede Liebkosung von Dir, jeden Scherz, die Spiele der Kinderjahre- ach Mortimer, ich möchte manchmal verzweifeln, wenn es mir so ganz frisch wieder einfällt, dass alles nun wirklich vorüber ist, dass es nicht ängstliche Einbildung von mir, sondern dass es wirklich ist. – O ich glaube, dass ich nicht genug leiden, dass ich nicht laut genug klagen kann.

Könnt ich doch die Vergangenheit zurückrufen! O ihre zärtlichste Liebe sollte mir nun gewiss nicht entgehen, sie sollte jetzt gewiss nicht vor mir fliehen! – Aus übelverstandener Männlichkeit, mit einem schlecht angebrachten Ernste war ich von je zu kalt gegen sie: ich fühlte oft die schönste brüderliche Liebe, die wärmste Zuneigung gegen sie, dass ich hätte an ihre Brust sinken mögen und sie umarmen und küssen, als wäre sie eben von einer schweren Krankheit genesen, oder als wäre sie von einer langen Reise zurückgekommen. Aber dann überraschte mich wieder die kleinliche Furcht, für affektiert oder sonderbar zu gelten, und ich blieb in dem gewöhnlichen Tone des Umgangs; ich war oft gegen ihre herzlichen Äusserungen zurückstossend, und das hat sie mir am Ende fremd gemacht; sie hat mir ihre Gefühle nicht zugetraut und aus Verdruss und Schmerz hat sie ein näher verwandtes Herz suchen wollen. – Auch gegen Lovell war ich immer zu kalt, ich fühlte seine Übertreibung in der Freundschaft, und um nicht in denselben Fehler zu fallen, war ich frostig. – O die Menschen wissen es gar nicht, sie können es nicht wissen, wie sehr ich sie liebeund darum möchte ich sie wieder hier haben, um ihnen alles zu sagen und mich zu erkennen zu geben, um wie ein Verirrter die Heimat wiederzufinden. – Aber, ach! der Rückweg ist mir verschlossen; ich bin in meinen gegenwärtigen Gefühlen eingekerkert und sie werden meine Heimat bleiben.

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William Lovell an Rosa

Soutampton.

Sie erhalten jetzt aus England meinen letzten Brief, denn in einigen Tagen will ich abreisen. Ich habe meinen Mut wieder, den ich neulich ganz verloren hatte; ich bin wandelbarer wie Proteus oder ein Chamäleon, das gebe ich Ihnen gern zu. – Die Nichtswürdigkeit des ganzen Menschengeschlechts hat mich von neuem getröstet, ich gebe mich über mich selbst zufrieden, weil ich so sein muss und nicht anders sein kann.

Die Betrübnis ist so gut eine Trunkenheit, wie die Freude, beide verfliegen, und um so früher, je heftiger sie sind: im Augenblicke des Affekts aber will man nur schwer daran glauben, und dies ist auch sehr gut, denn sonst würden wir nur immer ein träges phlegmatisches Dasein schleppen, das nicht aus der Stelle will; alle Leidenschaften werden wie muntre Pferde angespannt, um die schwerfällige Masse über Hügel und Berge, durch Täler und Ströme, immerzu und unaufhaltsam fortzureissen: wohin? – daran denkt man nur, wenn man wieder Schritt vor Schritt weiterschleicht. ich bin mit den Menschen zu bekannt, als dass sie noch Interesse für mich haben könnten. Sie täuschen mich nicht mehr, und alles Vergnügen an diesem Schauspiele ist dahin, es erscheint mir fade und abgeschmackt. Die Menschen sind weit besser dran, die sich und ihre sogenannten Brüder noch gar nicht kennen, denn ihnen sieht das Leben bunt und angenehm aus, sie trauen jedem und werden von jedem betrogen; eine Überraschung folgt dicht auf die andere, und sie bleiben in einer beständigen Verwickelung, in einem unaufhörlichen Erstaunen. – Aber jetzt lächle ich und drücke die Hand, ich mache Gebärden, wie man es verlangt, und sammle andre von andern ein und doch bin ich dabei nicht beschäftigt. Ich schwöre, wie die übrigen, auf tausend Sachen, und weiss nicht, wovon die Rede ist, ich bejahe und verneine und bin dieser und dann wieder jener, eine Kugel, die sich nach allen Seiten wenden kannaber wie langweilig, wie zuwider ist mir nun auch jedes Gesicht! Keiner erreget meine Aufmerksamkeit, weil ich ihn bis auf seinen kleinsten Gedanken auswendig weiss.

Ich sprach in einem meiner Briefe über die Weiberaber o Himmel! – was sind denn die Männer? – Wenn ich die Menschen achten müsste, so würde ich mir doch nur die Weiber auswählen, denn dies unbeholfene, linkische, aufgeblasene und kriechende Tier, das wir Mann nennen – o ich kenne nichts Verächtlichers, als diese widersprechende Mischung von Verstand und Narrheit, Festigkeit und veränderlichem Wesen. – In der Jugend hängen die Männer