ganze Tage, ohne auch nur ein einzigmal zu sagen, was man denkt; man geht ins Konzert, ohne die Absicht zu haben, Musik zu hören; man umarmt und küsst sich, und wünscht diese Küsse vergiftet. Es ist eine Welt voller Schauspieler und wo man überdies noch die meisten Rollen armselig darstellen sieht, wo man die fremdartigen Maschinerien der Eitelkeit, Nachahmungssucht oder des Neides so deutlich durchblicken lässt, dass bei manchen keine Täuschung möglich ist. –
Ich bin aus Langeweile einige Male ins Teater gegangen. Tragödien voller Epigrammen, ohne Handlung und Empfindung, Tiraden, die mir gerade so vorkommen, wie auf alten Gemälden Worte den Personen aus dem mund gehen, um sich deutlich zu machen – diese hertragiert, auf eine Art, dass man oft in Versuchung kommt, zu lachen; je mehr sich der Schauspieler von der natur entfernt, je mehr wird er für einen grossen Künstler gehalten, Könige und Königinnen, Helden und Liebhaber sind mir noch nie in einem so armseligen Lichte erschienen, als auf der Pariser Bühne – kein Herz wird gerührt, keine Empfindung angeschlagen, genug, man hört Reime klingeln, und der Vorhang sagt einem am Ende doch, dass nun das Stück geschlossen sei, und so hat man, ohne zu wissen wie, ein chef d'oeuvre des grössten tragischen Genies gesehen. – Oh, Sophokles! und göttlicher Shakespeare! – Wenn man den Busen mit euren Empfindungen gefüllt, von eurem geist angeweht diese Marionettenschauspiele betrachtet!
Und dann die frostigen, langweiligen Lustspiele! wo ein sogenannter witziger Einfall das ganze Parterre wie mit einem elektrischen Schlage trifft, wo nicht Menschen, sondern ausgehöhlte Bilder auftreten, in welche sich der Dichter mit seinem Witze verkriecht! – Ein schales, leeres Wortgeschwätz, alles ein Wesen, alles eine wiederkehrende, alltägliche idee; doch ist für diese Possen das Schellengeklingel ihrer Reime etwas angemessener. –
In der grossen, weltberühmten Pariser Oper bin ich eingeschlafen. – arme und Füsse eines Giganten an den Körper eines Zwerges gesetzt, machen doch wirklich ein vortreffliches Ganzes aus! Musiker, Maler, Tänzer, Dichter arbeiten sich ausser Atem, um ein armseliges Ungeheuer zustande zu bringen, das nicht einmal das Verdienst der Unterhaltung hat.
Doch hinweg von diesen Kleinigkeiten! Seit ich Frankreich kennenlerne, fang ich an, mein Vaterland um so höher zu achten – dort wohnen Freundschaft und Liebe, dort schämen sich die Menschen nicht, ein Herz zu haben und ihre Gefühle zu bekennen – oh, Amalie! unaufhörlich denke ich an dich! – An diesen Namen knüpfen sich tausend süsse und bittre, schwermütige und frohe Empfindungen: diese Hoffnung ist eine Sonne, die meine neblichten Tage vergoldet, in Amaliens Busen liegt der Schatz, der mich einst glücklich machen muss. –
Ich habe indes schon manche schönere Gestalt gesehen, als Amalie ist, aber ich habe immer selbst in meinem Herzen darüber triumphiert, wie sie in meiner Phantasie über alle übrigen hinwegragt. Sie gehört nicht zu jenen Schönheiten, die das Auge augenblicklich fesseln und die Seele kalt und erstorben lassen. So ist die Nichte eines Grafen Melun hier, vielleicht das reizendste weibliche geschöpf, das ich je gesehen habe, aber das Imponierende ihrer feurigen Lebhaftigkeit ist sehr von jener holdseligen herrschaft verschieden, die aus Amaliens Augen über die Seele gebietet. – Alle Vergleichungen, die meine Gedanken vornehmen, dienen nur, sie mit neuen unwiderstehlichern Reizen als Siegerin in meine arme zu führen. –
Dein ewiger Freund.
3
Willy an seinen Bruder Tomas
Paris.
Da ich Dir nun einmal schreibe, so weiss ich doch wahrhaftig nicht, wo ich anfangen soll, so voll ist mir der Kopf von merkwürdigen Schreibereien, und ich möchte die Feder in beide hände nehmen, um Dich nur recht viel erfahren zu lassen. – Dass der Herr William ein guter Mann ist, das wirst Du Dir wohl schon mit Deinem bisschen verstand zusammenreimen können, aber dass er so gut mit mir umgeht, wie ein Vater mit seinem kind, das die Pocken hat, das wirst Du vielleicht nimmermehr glauben wollen.
Hast Du wohl schon ein ordentliches Puppenspiel mit lebendigen Personen gesehen? Solche sind hier viele und man hat besondre Häuser dazu für die Leute gebaut, die es auch mit ansehn wollen. Man sollte nicht glauben, dass so viele Leute eine solche Neugier in sich hätten. Es ist immer sehr hell bei solchen Gelegenheiten, von den vielen Lichtern nämlich, Tomas, musst Du verstehn, die ringsum in dem ganzen haus brennen, denn sonst würden die Leute, die es gern sehen wollen, wenig sehen, und bei Tage müssen ihre Sachen vorzuspielen, ich wenigstens würde auch ebenfalls am Abende nicht mitspielen, und wenn sie mir selbst die vornehmste Rolle geben wollten. – Eine Art von Stücken gibt es, wo man immer weinen muss, ich habe es aber, bei aller Mühe, noch nicht dahin bringen können; die vornehmen Damen sind darin mehr geübt, aber der gute Herr William nimmt mich manchmal doch wieder mit: er hat auch noch kein einziges Mal darin geweint: ich denke, es macht, weil wir hier nur Fremde sind. –
In einem andern grossen haus lachen die Leute immer aus vollem Halse: es ist doch wirklich viel, dass das die Komödiantenleute nicht übelnehmen. Ich kann hier den jungen Italiener nicht leiden, der meinen Herrn manchmal besucht, er hat ein paarmal angefangen zu lachen, als ich mit meinem Herrn William eine ernstafte Rede anfing; das Auslachen kann