weiter das Feuer bemerkt hatte, von einem Fremden gerettet, den niemand weiter nachher gesehen hatte.
Das Ganze erhielt aber noch ein weit abenteuerlicheres Ansehn, als man jetzt die erstickte Charlotte fand, die sich in der Angst aus einer verschlossenen tür nicht hatte retten können, ob sie gleich den Schlüssel in der tasche hatte. Man fand zugleich eine Brieftasche bei ihr, die ich untersuchte, und zu meinem Erstaunen aus einigen Papieren sah, dass eben diese hässliche Charlotte die Comtesse Blainville war, die ich in Paris gekannt hatte. – Seit dieser Entdekkung habe ich allerhand seltsame Vermutungen, die auf der einen Seite aber so unwahrscheinlich sind, dass ich sie Ihnen nicht einmal mitteilen mag. – Ich danke Gott, dass der Vorfall sich noch so glücklich geendigt hat.
Amalie weiss noch immer nicht das unglückliche Schicksal Ihrer Schwester, sie will daher durchaus einen Brief an diese einlegen; ich kann ihr ihr Verlangen nicht abschlagen, ohne Verdacht bei ihr zu erregen, ihr aber noch weniger die geschichte ihrer Freundin entdecken, weil es sie jetzt zu sehr erschüttern würde. Sie erhalten also in diesem Briefe zugleich einen andern an Ihre Schwester.
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Einlage des vorigen Briefes (Amalie an Emilie
Burton)
Roger Place.
Schon seit lange, liebe Emilie, habe ich auf Briefe von Ihnen gehofft, ich wollte Ihnen nicht eher antworten, bis Sie mir Ihrem Versprechen gemäss den Namen des interessanten Unbekannten genannt hätten. Ihr Stillschweigen aber und ein Vorfall, den Sie schon durch Mortimers Brief werden erfahren haben, macht, dass ich Ihnen früher schreibe. – Ach, Emilie, ich habe die Furcht des Todes auf eine recht fürchterliche Art empfunden. Ich las am Abend, weil ich allein und Mortimer auf einige Tage verreist war; ich war müde und wollte schon schlafen gehen, als ich in meinem Zimmer einen Rauch bemerkte. Ich konnte nicht begreifen, wo er herkomme; ich ging umher, der Dampf verstärkte sich, ich musste husten, in einem Augenblicke aber ward er so stark, dass ich zu ersticken fürchtete; ich wollte das Zimmer verlassen, allein ich hatte die Tür schon verschlossen, und konnte jetzt in der Dunkelheit, in der Verwirrung den Schlüssel nirgends finden. Das Atmen ward mir schwer, und ich verliess. Ich rief nach hülfe, aber meine stimme war nur schwach. In der grössten Angst öffnete ich endlich das Fenster und Dampf und Feuerflammen fuhren mir entgegen. – Niemand war in der Nähe, ich sah einen unvermeidlichen furchtbaren Tod vor und neben mir: ich sank ohnmächtig nieder. – Wie in einem Wagen fühlte ich mich nun fortgeführt, eine kalte Luft wehte mich an, ich erwachte und lag unter den Bäumen vor meinem haus. Es war finster, die Flammen erhellten die Nacht; Getümmel von Bedienten in der Ferne, und ein Unbekannter kniete neben mir. Ich wusste nicht, ob ich träumte oder wachte; der Fremde, der mich gerettet hatte, schloss mich in seine arme – ich bin Lovell! keuchte er mir mit erstickter stimme entgegen. – Mein Bewusstsein verliess mich wieder; die seltsamsten Bilder, die fernsten Erinnerungen gingen durch meinen Kopf – o Lovell – Unglücklicher – lieber Lovell: rief ich ihm laut nach, denn er war schon davongeeilt –
O was empfand ich nun, liebste Emilie! – Ich habe so oft gewünscht, ihn nur noch einmal zu sehen, und nun kommt er und verschwindet in demselben Augenblicke wieder. – Warum hab ich ihm nicht manches sagen können, was ich schon seit so langer Zeit auf dem Herzen habe? – Warum ist er hiehergekommen, und durch welchen Zufall muss er es gerade sein, der mich rettet? – Ich habe ihm nicht einmal danken können – ach! ich habe viel deswegen geweint, dass ich ihn nicht gesprochen habe.
Die Bedienten trugen mich ins Gartenhaus; ein schreckliches Gewitter tobte jetzt in der Luft; alles vereinigte sich, mich zu betrüben.
Die arme Charlotte hat man in einem Zimmer tot gefunden; o wie bemitleide ich sie, da ich selbst das Schreckliche ihrer Lage empfunden habe! – Sie hat sich gewiss nicht retten können; auch darüber habe ich geweint. – Ach wie viel Unglück, liebe Freundin, gibt es im menschlichen Leben!
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Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie hat mich die Einlage Ihres Briefes von neuem gerührt! Es ist keine Emilie mehr hier, an die ich sie, wie wohl sonst geschah, hätte abgeben können. Und noch immer keine Nachrichten von meiner Schwester? – Wilmont ist umhergestrichen und wiedergekommen; er hat nichts von ihr erfahren können. Er will jetzt von neuem umherreisen; ich fürchte für seine Gesundheit. – Sie haben eine Unglückliche getroffen, die Sie anfangs für meine Schwester gehalten haben, und auch Wilmont hat mir von mehrern erzählt, die ihn oft auf die Vermutung brachten, dass es wohl die arme Emilie sein könnte. sehen Sie, Mortimer, wie viele Menschen noch ausser uns leiden. – Wenn ich doch nur in diesem Gedanken einigen Trost finden könnte!
Das Gefühl der Einsamkeit quält mich fast zu tod, alle Zimmer sind mir zu eng, die Luft im Garten ist mir nicht frei genug. Unaufhörlich träume ich von Emilien; es gibt nichts Schrecklichers, als geliebte Menschen unglücklich zu wissen, der Zweifel nur vernichtet dies doppelte Gefühl.
Ich wünsche es oft innig, krank zu werden, und so zu sterben, denn es ist ja doch niemand, der über mich weinen würde. –