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, grade so kamen mir diese Sekunden vor. Ich konnte nicht begreifen, wo die Blainville so lange zögerte: ich ging heftig auf und ab und stand dann wieder still, ich traute meinen Augen und meinen Ohren nicht, dass alles, gegen die Abrede, noch still blieb und sich die Tür noch immer nicht eröffnete, und dennoch rückte die Zeit unaufhaltsam und fürchterlich weiter. Die Flammen brannten hell zum dach hinauf, Ziegel stürzten herunter, der Widerschein zitterte in den grünen Bäumen, das ganze Haus war mit Rauch umgeben und jetzt glaubte ich eine schwache stimme zu hören, die nach hülfe rief. Als ich noch ungewiss war, was ich tun sollte, eröffnete sich Amaliens Fenster, sie sah heraus und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens wieder zurück: lauter und geängstigter rief sie dann um hülfe; das Zimmer war voller Rauch, ich sah es deutlich. Da fiel mir plötzlich eine Stelle aus einem ihrer Briefe ein, den sie mir Unwürdigen noch nach Paris schickte, und in dem sie mit liebenswürdiger Besorglichkeit schrieb, weil sie seit lange keine Nachrichten von mir erhalten hatte:

Ich sehe Sie ohnmächtig gegen die Wellen kämpfenoder in einem brennenden haus vergebens nach Rettung rufen. –

Das schrieb sie mir damals, als ich sie über die elende Blainville vergessen hatte, dieselbe Blainville, die jetzt die verzehrenden Flammen gegen ihre Wohltäterin ausschickte. – Wie ein Wirbelwind fasste es mich nun an, es war das Schicksal selbst, das mich allmächtig ergriff; – ich nahm eine grosse Leiter und legte sie an das Fensterich wusste nicht, was ich tat. – Ich stand in Amaliens Zimmer, sie lag ohne Besinnung auf einem Sofa. Ich drückte sie an meine Brust, meine arme umschlossen ihren zarten Körper und so trug ich sie die Leiter hinab und legte sie auf eine Rasenstelle unter den Bäumen nieder. – Sie sah mich mit einem matten Blicke an, ich kniete neben ihr nieder. – Alle meine Sinne wandten sich um, ich dachte nichts, und sah sie nur vor mir liegen, und die holden blauen Augen und den sanften, menschenfreundlichen Mund, der sonst meinen Namen so oft getönt hatte. – Sie zitterte und ich stammelte einige Worte, ich weiss selbst nicht was, dann drückt ich mein Gesicht an ihren Busen, ich wünschte zu sterbenmeine heisse Wange ruhte dann an der ihrigen, und sie war kaltich hielt sie für tot und umarmte sie noch einmalein verworrenes Getümmel umgab das brennende Hausdann stand ich auf und eilte fortsie rief mir etwas nach, ich habe es nicht verstanden. Ich wollte umkehren, aber mir selbst zum Trotze ging ich weiter. –

Im wald sank ich unter einem alten Baume nieder. – Ich hörte ein Geschrei aus der Ferne und grosse Funken stiegen zum Himmel und erloschen dann: ich sah ihnen kalt nach, und weinte endlich laut und heftig. Die Winde rauschten durch den Wald und wie Millionen scheltender und verhöhnender Zungen bewegten sich die Blätter tönend umher. Verlassen von allem was lebt, verlassen von der leblosen natur stiess ich meinen Kopf verzweifelnd gegen den Stamm des Baumes: eine wüste Dunkelheit erfüllte mein Inneres, ich war von mir selbst abgetrennt, und betrachtete und bemitleidete mich als ein fremdartiges Wesen. – O ich hätte nur einen Hund haben mögen, der sich winselnd an mich gedrückt hätte, er hätte mich getröstet, ich hätte ihn für meinen Freund gehalten.

Das Gewitter brach jetzt herein. Laute Donnerschläge hallten den Wald hinab und Regengüsse rauschten durch die Bäume. Die ganze natur schien zu erwachen und sich zu entsetzen. Blitze flogen durch das Dunkel und schienen mich zu suchen, Tiere winselten aus der Ferne, Eulen flogen scheu umher, und die grossen Wolken arbeiteten sich mühsam durch den Himmel. – Vom Regen durchnässt schlief ich endlich ein, als sich das Getöse vermindert hatte.

Der Morgen grauete als ich erwachte, der Traum verflog und übergab mich meiner eigenen Existenz wieder. – Ich wandte keinen blick zurück, sondern ging in gerader Richtung fort; jedem Menschen ging ich aus dem Wege, ich schlich um die Dörfer herum. –

Ich freue mich jetzt darüber, dass ich Amalien gerettet habe; – aber für Mortimer! – Doch ich will fort; sie soll mich weiter nicht kümmern, ich will sie und alles vergessen. –

Sie sehen mich bald wieder. –

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Mortimer an Eduard Burton

Roger Place.

Ich schreibe, um Ihnen einen sonderbaren Vorfall zu melden. Ich bin innig erschüttert und ich wünsche nur, dass diese Begebenheit für Amalien keine üblen Folgen haben möge.

Vorgestern ritt ich nach einem dorf, ungefähr dreissig Meilen von hier, weil ich gehört hatte, dass sich dort seit einiger Zeit ein Frauenzimmer aufhalte, von der man nicht genau wisse, wer sie sei. Manches in der Beschreibung passte auf Ihre unglückliche Schwester, so dass ich sogleich hineilte, sie selbst zu sehen. Es war aber die Tochter eines armen Edelmanns, die sich nach vielen erlittenen Unglücksfällen mit ihrem armen Vater in das Dorf niedergelassen hatte. Ich war von ihrer Erzählung gerührt, und kehrte schon gestern wieder zurück. – Wie erstaunt ich aber, als ich näher kam und mein Wohnhaus so ganz verwüstet fand! Allentalben die deutlichsten Spuren eines Brandes und ein Nebengebäude rauchte noch. Amalie war krank.

Ich erfuhr, dass an dem Abend meiner Abwesenheit Anstalten und durch einen einfallenden Regenguss gelöscht worden sei. Amalie war als noch niemand