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bald im Hass gegen Mortimer, der mir unauslöschlich schien und doch bald wieder von einer tiefen Selbstverachtung verdrängt ward, dann war mir alles gleichgültig und ich stand wie ein müssiger Zuschauer in der Welt da, der an ihren mannigfaltigen Rollen keinen Anteil bekommen hatte. Wenn ich denn Amalien wieder sah, o so ergriff mich eine so heisse, so inbrünstige sehnsucht, sie in meine arme zu schliessen, an meinen Mund, an mein schlagendes Herz zu drücken, sie nur in einem armseligen Augenblicke mein nennen zu können, dass mich ein Zittern und eine Fieberhitze ergriff. Es war, als gehörte es zu meinem Leben, als sei es der letzte und einzige Zweck, weswegen ich bisher gelebt hätte, ihr nur noch einmal zu sagen, dass ich noch lebe, dass ich sie noch, wie ehemals, liebe. Ich glaubte, dass ich nach diesem Augenblicke ruhig und zufrieden sein würde, dass ich dann Tod und Leben mit gleich festem Auge betrachten könnte. Alle Empfindungen meiner früheren Jugend kamen zurück, ich wünschte im Momente der Erkennung an ihrem Halse zu sterben, kein Gefühl und keinen Gedanken weiter nach diesem Stillstande meiner Seele zu erleben. O wär ich, wär ich gestorben! Tod und Grab sind das einzige Asyl der verfolgten Elenden. Dürft ich diese wohnung der Ruhe besuchen, losgeschüttelt vom wilden Getümmel der lebendigen Welt: aber alles, worauf ich mich freute, kommt mir kalt und freudenleer näher, und geht so vorüber, ich bleibe einsam zurück, und sehe dem zug nach, der sich nicht weiter um mich kümmert. Ich will auch auf keine Freude weiter hoffen, ich will die kalte Luft als meinen Freund umfangen, ich will tot sein, in der toten Masse, die mich umgibt, kein Gefühl soll mir nähertreten, ich will alle sehnsucht, alles Schmachten nach Liebe in diesem Busen vertilgen und mir wie ein frecher, hohnsprechender Bettler selber genügenach, meine sehnsucht ist jetzt nach der Verwesung hingerichtet, nach der kalten Erde, die endlich dies klopfende Herz zur Ruhe bringen wird. Mir ist, als sollt ich mit dem Messer dem siedenden Blute einen freien Ausweg machen, das in meinem Hals drängt und nach dem Gehirne strömt.

Was werden Sie zur Blainville sagen? Was empfinden, wenn Sie es hören, wie tief der Mensch sinken kann? – Seit sie mich erkannt hatte, verfolgte sie mich unaufhörlich mit ihren freundschaftlichen Liebkosungen, sie erinnerte mich an unsere Vertraulichkeit in Paris und auf welche Art sie mich damals hintergangen habe; ich spottete über mich selbst, und wünschte doch innerlich die Unschuld und Unbefangenheit jener Zeit zurück. Ich entdeckte ihr meinen Wunsch, Amalien nur einmal zu sehen und zu sprechen, und sie versprach mir ein Mittel auszufinden, wenn ich mich dazu verstehen wollte, ihr eine Nacht hindurch Gesellschaft zu leisten. O Freund, wie kamen mir in dieser Nacht Liebe, Wollust und alle Freuden dieser Welt vor!

"Ein ungesäuberter Garten, wo alles in Samen schiesst und mit Unkraut und Disteln überwachsen ist; – o pfui, pfui der Welt!"

Ich erröte noch jetzt, wenn ich daran zurückdenke; es ist, als wenn ich von je alle Gelegenheiten begierig ergriffen hätte, um mich selbst zu erniedrigen. In dieser Nacht versprach mir die Blainville, eine gelegenheit zu verschaffen, Amalien im Garten hinter dem haus allein zu sprechen. Mortimer reise am folgenden Morgen fort, und sie wolle dann auf den Abend einen gewaltigen Rauch und ein unschädliches Feuer erregen, ein lautes Geschrei erheben, alle Bedienten würden mit den Anstalten beschäftigt sein und Amalie würde sich auf ihren Rat nach dem Garten retten; dann wolle sie mir das Haus eröffnen und mich zu Amalien führen.

Schon früh am Morgen sah ich Mortimer zu Pferde steigen und wegreiten. Mit welcher Unruhe erwartete ich den Untergang der Sonne! Amalie liess sich nicht blicken, und ich konnte auch die Blainville nicht wieder sprechen. Endlich ward es Abend; ich ging in der Allee vor dem haus auf und ab, die Bäume rauschten gewaltig und verkündigten ein herannäherndes Gewitter, ich sah ein Licht in Amaliens Zimmer brennen und mein Herz klopfte ängstlich und ungestüm. Die letzte Blume meines Glücks sollte jetzt gewaltsam hervorgetrieben werden, und meine ganze Seele war nach diesem Augenblicke hingespannt.

Der Himmel war dunkler, der Wind sauste stärker und ich sah bange und unverwandt nach dem haus hin. Kein laut von innen, vom dorf aus der Ferne hört ich den Nachtwächter und das Bellen der Hunde.

Endlich sah ich einen starken Rauch aus dem Fenster von der Seite dringen. Es blieb noch immer ruhig. – O wie beklommen ward mir, als jetzt eine Nachtigall über mir in den Bäumen laut zu schlagen anfing. Sie können es nicht fassen und nicht begreifen, Rosa, kein Mensch kann mir dies Gefühl nachempfinden.

Die Bedienten mussten schon schlafen gegangen sein, denn es regte sich nichts im ganzen haus und doch stieg schon eine helle Flamme aus dem Fenster zum dach hinauf, der Rauch stieg in grösseren Wolken zum Himmel und wälzte sich nach der Vorderseite hin. Es entstand noch immer kein Geschrei, die Blainville eröffnete mir auch nicht die Tür; das Licht in Amaliens Zimmer blieb ruhig an seiner Stelle. Ich zitterte vor Ungeduld, vor Angst und Vergnügen. Wie man im Traume zuweilen auf einer schwindelnden Höhe steht, sich vor dem Abgrunde entsetzt und dennoch weiss, dass man hinunterstürzen wird, wie man denn in unbeschreiblicher Angst den Augenblick des Hinabfallens wünscht, so