, wenn ich sie nicht auf meine Seite brächte. Wenn ich erst die genauern Umstände weiss; so lässt sich auf diese vielleicht ein kluger Plan gründen.
Ob Amalie auch zu den Weibern gehört, von denen ich vorher sprach? Ich habe sie damals zu sehr geliebt, um sie zu beobachten und damals hasst und liebt ich die Menschen überhaupt noch, ohne sie vorher zu kennen. Jeder Mensch hat eine Periode im Leben, in der Liebe und Freundschaft mit der Selbstliebe zusammenfallen; von beiden weiss er sich dann keine Gründe anzugeben.
Leben Sie wohl und grüssen Sie Andrea. –
27
William Lovell an Rosa
Roger Place.
Es gibt Stunden im Leben, Rosa, in denen Zufälle zusammentreten, so kindisch wunderbar aneinandergereiht, dass wir die Welt umher auf einzelne augenblicke für ein Hirngespinst halten müssen. Ich bin noch immer in dieser Stimmung, wenn ich an alles zurückdenke; es kommt mir oft in der Welt nichts so seltsam vor, als dass irgendein Zufall mit einem früheren zusammenhängt, so dass wir oft wirklich auf die idee von dem geführt werden, was die Menschen gewöhnlich Schicksal nennen.
Ich habe nämlich in jener hässlichen Aufwärterin, von der ich Ihnen sagte, eine alte Bekannte wiedergefunden. Ich suchte sie auf, und wir waren bald miteinander vertraut, sie nannte meinen wahren Namen, und ich erschrak. Es war, als wenn ein böser Genius aus ihr sprach, der mich nun meinen Feinden verraten würde. Ich betrachtete sie genauer, und konnte mich doch durchaus nicht erinnern, sie irgendwo gesehen zu haben. – Endlich entdeckte sie sich mir, und o Himmel! – es war niemand anders, als die Comtesse
Lange wollte ich es nicht glauben. Die Blainville, jenes junge, lebhafte, reizende Weib – und hier stand ein Ungeheuer vor mir, von Pockengruben entstellt, einäugig, mit allen möglichen Widrigkeiten reichlich ausgestattet – und dennoch war sie es, selbst unter der groben Hülle lagen einige ihrer ehemaligen Züge, wie fern, verborgen.
Ihre geschichte kann ich Ihnen mit wenigen Worten sagen. Der Graf Melun starb bald, nachdem er sie geheiratet hatte, sie liess sich durch ihren Liebhaber, den Chevalier Valois, zu jeder Verschwendung verleiten; sie verliess mit ihm Paris und ging nach England, ihr Vermögen war bald vom Valois verspielt, sie ward krank, denn die Blattern offenbarten sich an ihr, der Chevalier erschoss sich, sie genas, aber ihre Schönheit, ihre Jugend war jetzt zugleich mit ihrem Vermögen dahin. Sie suchte hülfe bei den Menschen, weil sie diese nicht kannte, und diese stiessen sie verächtlich von sich, wie sie es auch in ihrer Stelle getan haben würde; zur drückendsten Armut erniedrigt, suchte sie endlich Dienste, und Amalie, hier in Roger Place, nahm sich ihrer an. Und hier muss ich sie nun treffen; meine beiden Geliebten in einem seltsamen Kontraste nebeneinander.
Ich habe ihr das strengste Stillschweigen gelobt, so wie sie mir: Mortimer, der sie einst so schön fand, weiss es nun nicht, dass sie in seinem haus wohnt.
Es ist schauderhaft, wenn ich überlege, dass dies Ungeheuer doch schon damals verlarvt in dem schönen weib lag, das ich umarmte – bei jedem weib und Mädchen fällt mir jetzt der Gedanke ein: Die Alte, die mit grauen Haaren, abgefallen, mit roten Augen und auf einer Krücke vorüberhinkt, war auch einmal jung und hatte ihre Anbeter, sie dachte damals nicht daran, dass sie sich ändern könne; ihrem begeisterten Liebhaber fiel es nicht ein, über sich selbst zu lachen, denn er kannte die Gestalt nicht, gegen die er seine Deklamationen richtete. – O hinweg davon! – Aber was sind alle Freuden dieser Welt? – Es ist mir ein widriger Anblick, wenn ich ein Paar gehen sehe, das zärtlich gegeneinander tut. In der Kindheit wünschen wir uns Glasperlen, dann Liebe, dann Reichtum, dann Gesundheit, dann nur noch das Leben; auf jeder Station glauben wir weitergekommen zu sein und fahren doch im Kreise herum, so dass wir nie sagen können: jene Gegend liegt jetzt fern von mir.
28
William Lovell an Rosa
Soutampton.
Ich muss zurückkehren, denn ich weiss mich hier in England nicht mehr zu lassen. – O es gibt Menschen, die noch unendlich tiefer stehen, als ich, die Schandtaten mit einer Kälte begehn, als wenn sie gar nicht anders könnten und müssten.
Ich zittre noch, wenn ich daran denke, wie tief ich hätte sinken können, wie nahe ich dem Versuche war, der mich ganz aus der Reihe der Menschen ausgerottet hätte. – Ich fühle es, dass ich bisher in meiner Frechheit zu weit ging, ich war meiner selbst zu sehr versichert, und dachte nicht daran, wie nahe jedes Verbrechen, wie dicht es mir vor den Füssen lag. Meine Empfindung verabscheut das Laster, ob mir gleich die Sophismen des Verstandes beweisen wollen, dass es kein Laster gibt, und auch Sie, Rosa, und auch Andrea – es ist unmöglich, Sie können nicht davon überzeugt sein.
Ich will England verlassen, um wieder zu mir selbst zu kommen. Oh, lieber Rosa, ertragen Sie heute noch einmal meine Stimmung, so wie Sie es schon so Mute verlassen, der gewöhnlich aus mir spricht. Alles ist noch die Folge einer Begebenheit, die mich in Roger Place zu Boden geworfen hat.
Ich kann Ihnen die Empfindungen nicht beschreiben, mit denen ich dort umherging;