1795_Tieck_095_135.txt

an Rosa

Roger Place.

Ich habe ansehnliche Summen gewonnen, und ich denke bald damit England zu verlassen. Es ist nichts leichter, als eine Rolle in der Welt zu spielen und es gibt tausend Arten sich interessant zu machen. Man riss sich nach mir, weil ich mir in London einen sonderbaren italienischen Namen gegeben hatte und immer viele Seltsamkeiten von mir vermuten liess; ich erzählte zuweilen einigen Freunden abenteuerliche Bruchstücke aus einer erdichteten geschichte, die es dann nicht unterliessen, sie andern wieder unter dem Siegel der Verschwiegenheit anzuvertrauen. Man war in allen Familien neugierig, mich kennenzulernen, in vielen Gesellschaften gab ich den Ton an und entschied, wenn streitige Fälle vorkamen. Man fand mich ungemein klug, weil ich ein paarmal etwas gesagt hatte, was ich selbst nicht verstand, man dachte darüber nach, und es gab mir selbst Stoff zum Spekulieren. Es lässt sich für und gegen jede idee in der Welt sprechen, und es ist daher gar keine Kunst, mit jedermann zu streiten, und da ich nach meiner Überzeumal noch mehr spiele, als ich es bin, so wird es mir leicht, selbst den Gescheitesten scheinbar zu besiegen. Frauenzimmern besonders gefiel ich ungemein, erstlich, weil ich blass und krank aussahe, dann weil sie mich für einen Fremden und für eine Art von Ateisten hielten. Sie mögen nichts in der Welt so gern bewundern, als wovor sie sich fürchten, ja Furcht und Bewunderung ist bei ihnen einerlei. Sie boten immer ihren ganzen Verstand auf, um eben die Gedanken zu äussern, die ich meinte, und stets trafen sie auf ganz verschiedene. Ihr Verstand besteht überhaupt mehr in Schlauheit als Überlegung; sie überlegen, nachdem sie einen Schluss gemacht haben, und ihre Philosophie ist aus Eigensinn entstanden, und wird daher immer mit Hartnäckigkeit verteidigt. Sie kennen die Menschen nie, die sie lieben, weil sie sich keine der Bemerkungen, die sie über diese gemacht haben, eingestehn, und kein Wesen ist daher so leicht zu hintergehn, als ein verliebtes Weib. Wen sie hassen, kennen sie bis auf seine verstecktesten Züge, ja sie kennen ihn besser, als er sich selbst, sie finden seine vorzüglichsten Schwachheiten heraus und beweisen daraus augenscheinlich, dass aus ihnen zugleich das fliesse, was die übrigen Menschen an einem solchen gut und lobenswürdig nennen. Wenn sie neue Gedanken in ihren Kopf aufnehmen, so besteht ihr Denken darin, dass sie selbst ihre vorigen Gedanken überlisten und sie dann despotisch vertreiben, ohne sie nachher auch nur der Mühe wert zu halten, darüber zu sprechen, und wer das Unglück hat, diese Ideen grade zu äussern, den halten sie unter allen Einfältigen für den Einfältigsten. In jedem Lustrum wechseln sie mit einigen Hauptgedanken, die sich ganz verschieden organisieren, je nachdem sie heiraten, oder ledig bleiben; je älter sie werden, je mehr beleidigt man sie durch Nachlässigkeiten und um so weniger durch wirkliche Beleidigungen: aber selbst in der höchsten Vertraulichkeit, selbst in der aufrichtigsten Stimmung kann man es nie dahin bringen, dass ein Weib gegen einen Mann ganz aufrichtig sei, denn das Gefühl verlässt sie nie, dass die Männer ein fremdartiges Tiergeschlecht sind, und diese verletzen durch ihre Unbeholfenheit ihren feinern Sinn auch unaufhörlich. Wer bis in sein zwanzigstes Jahr nur untern Weibern lebte, müsste nachher alle Männer betrügen können.

Wie komme ich aber zu dieser weitläuftigen Charakteristik? – Nichts kam mir in den Gesellschaften so abgeschmackt vor, als das Drängen der jungen und alten Männer, um bei Tische neben irgendeinem weiblichen Geschöpfe zu sitzen, wie sie sich dann glücklich priesen und affektierten, als wenn dies ihnen mehr als alles gälte. Wenn man dies Geschlecht erst gekannt und genossen hat, so kann man durch diese Ziererei ganz schwermütig werden. – Aber unser Leben läuft in einer ewigen Affektation fort, und wer sie nicht mitmacht, den nennen die übrigen einen affektierten Narren.

Manche unter den vorzüglichsten Schönheiten hätten mich vielleicht gar geheiratet, wenn ich hätte darauf schwören wollen, dass ich entweder bald sterben oder zeitlebens so närrisch bleiben würde. Keins von beiden war mein Wille, und ich liess mich daher gar nicht in nähere Traktaten ein.

Ich war endlich des Gewühls müde und reiste ab. Ich konnte es nicht unterlassen, Roger Place zu besuchen, den Ort, wo Mortimer mit Amalien wohnt: von hier erhalten Sie diesen Brief. Es trieb mich fast wider meinen Willen hieher, und nun will ich Amalien noch einigemal sehen und dann abreisen.

Sie geht alle Morgen mit Mortimer spazieren, denn es ist eine angenehme Allee vor ihrem haus, die sich in einen schönen Wald verliert; dann trinken sie Tee. Amalie ist recht heiter und Mortimer hat sich ganz umgeändert, er kommt mir weit menschlicher oder vielmehr weiblicher vor. Amalie sieht älter und verständiger aus. Ich habe einigemal des Abends unter den rauschenden Bäumen gelegen und nach ihren Fenstern hinaufgesehn. Ich war gestern in Versuchung, hineinzusteigen. Mein Herz kocht Hass und Wut gegen Mortimer, und doch wüsst ich jetzt grade nicht warum. Aber ich hatte Amalien nicht vergessen, ich log es nur mir und andern, und Mortimer, der meine Liebe gegen sie so tief verachtete, hätte sie mir nicht entreissen sollen! – O und was ist es denn mehr? Würde ich ihrer nicht ebenso wie Emiliens überdrüssig werden? – Doch nein, denn diese habe ich nie geliebt.

Es ist eine sehr hässliche Aufwärterin im haus, diese will ich zu sprechen suchen; es müsste sonderbar kommen