Lovell, ich würde untröstlich sein.
Ich habe schlimm geträumet, denn es war mir im Schlafe als habest Du mich verlassen, und ich hörte Dich ganz deutlich über meine Schwäche und meine Liebe lachen. Da tat sich die ganze Welt wie ein Gefängnis eng und immer enger über mir zusammen, alles Helle wurde dunkel, die ganze Zukunft war schwarz und ohne Morgenrot. – Aber nein, Du liebst mich? nicht wahr Lovell? – Oh, die Träume werden uns nur geschickt, um unser armes Leben zu ängstigen; schon von Kindheit auf haben sie mich dadurch gequält, dass sie mir alles als nichtig und verächtlich zeigten, was ich so innig liebte. Ich will mich dadurch nicht irremachen lassen.
Aber warum bist Du noch nicht gekommen? – O Lovell, wenn Dir meine Liebe zur Last gefallen wäre! – Mir fällt jetzt so manches ein, was ich wohl ehedem in Büchern gelesen, und nachher wieder vergessen habe. Oh, es wäre schrecklich! – Aber wie könnte Liebe und Wohlwollen Dich ängstigen, wie könntest Du es vergessen, dass ich Dir alles aufgeopfert habe? – Ach nein – wär es möglich, o so würde ich wünschen, dass ich dann auch alles vergessen könnte.
Du siehst, wie schwermütig ich geworden bin; das macht bloss die Einsamkeit und weil ich Dich nicht sprechen höre. Du hast mir Deine Liebe aufgedrungen, und jetzt solltest Du mich vergessen? – Ich habe um Dich Tage und Nächte hindurch geweint, und Du solltest jetzt nicht kommen, um meine Tränen zu trocknen? – Nein, es ist nicht möglich; wenn ich daran glauben könnte, o so wäre mir besser, ich wäre nie geboren worden.
Meine Schwachheit nimmt zu, ich fühle mich sehr krank; glaube ja nicht, William, dass ich übertreibe, komm ja sogleich; und findest Du mich denn vielleicht etwas besser, als Du glaubtest; so sei nur, ohne dass ich es sage, überzeugt, dass mich die Hoffnung, Dich wiederzusehn, stärker machte.
25
Karl Wilmont an Mortimer
Bondly.
Himmel! was habe ich hier erfahren müssen! – Unbefangen reist ich von London hieher, weil es mir dort keine Ruhe mehr liess, und nun bin ich hier, o Mortimer, nicht wie im Traum und doch nicht wie wachend, mit kochendem Herzen und ohne Besinnung, entschlossen etwas zu tun, und doch nicht wissend, was. – O der schönen Reise! – meiner Aussichten, meines Glücks!
Kann ich Worte finden, um Dir zu sagen, was ich denke und fühle? – Ich bin bis jetzt wie ein Kind durch die Welt gegangen, und ich nehme nun mit Entsetzen wahr, dass sie weit seltsamer, weit abgeschmackter und weit unglückseliger ist, als ich geglaubt hatte. – O ich möchte mir den Kopf an einen Baum zerstossen, ich möchte mich selbst zerreissen, dass es so und nicht anders ist. – Wer konnte nun diesen Schlag erwarten? Hab ich hierbei irgend etwas verschuldet? Eine unsichtbare Gewalt greift nach meinem Herzen und zerquetscht es, und ich kann nichts weiter tun, als an der Wunde sterben. Ende, mit meinem Glücke, vielleicht mit meinem Leben. – Emilie hat mich also nie geliebt? – Oh, was ist doch der Mensch! Wer kann ihn verstehn, wer darf über ihn urteilen? – Und ich hätte sie nicht geliebt? Das ist eine schreckliche Lüge! Ich konnte nicht weinen und ich schämte mich, die Empfindungen meines heissen Herzens bei jeder gelegenheit zu äussern; o ich war zu gut, um Emilien zu gefallen, ich putzte meine Empfindungen zu wenig auf, ich konnte nicht lügen, so wie der niederträchtige Lovell – o Emilie! so warst Du denn auch nur eins der gewöhnlichen Weiber, die es nicht unterlassen können, sogar ihre Empfindungen zu schminken, die die natürlichen guten Menschen verachten, und ihre Zuneigung den Elenden schenken, die sie durch Grimassen und studierte Seufzer, durch teatralische Stellungen und auswendig gelernte Worte unterhalten!
Nie hab ich einen Menschen so wie diesen Lovell gehasst! Sein Name brennt schmerzhaft in meiner Brust, wenn ich ihn nur nennen höre. Es flimmert mir alles vor den Augen, wenn ich an ihn denke; ich könnte ihn mit den Zähnen zerreissen, den nichtswürdigen Komödianten! – Aber ich werde ihn irgendeinmal finden und dann soll er mir standhalten und Rechenschaft ablegen: dann soll er mir nicht entfliehen, und er soll mir alles doppelt bezahlen.
Dass uns der Gedanke der Rache im Unglücke nicht erquicken kann! – O ich Tor! dass ich in London sass und mit dem Fleisse einer Ameise arbeitete! – Dies ist mein Lohn. – Sie hat mich nie geliebt – o wenn ich mich nur davon überzeugen könnte! Aber ich werde von meinen unsteten Gedanken hiehin und dortin geworfen, kein Gedanke wird in meinem kopf einheimisch. – Ach, Emilie! Wo bist Du jetzt vielleicht und sprichst reuig meinen Namen aus? – Könnt ich Dich finden und dann mich rächen!
Ich möchte so lange Wein trinken, bis ich alle Besinnung verlöre und mich dann zum festen Schlafe hinwerfen, denn mir ist wie einem Mörder, der von allen Seiten verfolgt wird. Ich kann mir selber nicht entfliehn.
Ich muss sie suchen, ich muss ihn finden, ich will das ganze Land nach ihnen durchstreichen; irgendwo müssen sie sein. – Lebe wohl, bis ich Dich selbst auf meinem zug besuche.
26
William Lovell