der finstern Nacht vielleicht verfehlt hätte! – Sie hatte schon seit einer halben Stunde ängstlich auf mich gewartet, ich setzte mich in den Wagen, und wir fuhren davon.
Emilie hielt mich fest in ihren Armen; der Wind ging scharf, und ein feiner Regen trieb in den halboffenen Wagen hinein. Meine Lebensgeister waren erschöpft; ich schlief ein, und erwachte nur, als sich ein blasses Morgenrot am Himmel heraufzog.
Wie nüchtern kam mir die ganze Welt mit ihren Bergen, Wäldern und Menschen entgegen! Ich hatte angenehm geträumt, und die wirkliche natur stand schroff und unbeholfen vor mir da; Emilie neben mir, mit ihrer affektierten hochbetrübten Miene. Wie ein bettelhaftes Winkelteater kam mir die ganze Welt vor, oh! ich hätte aus ihr entlaufen mögen. – Und was würde mich noch auf dieser trüben Dunstkugel zurückhalten, wenn es nicht die Hoffnung wäre, Sie, Andrea und meine übrigen Freunde bald wiederzusehen? mich der unbekannten, geheimnisvollen Welt noch mehr zu nähern, und als der Schüler einer höhern Weisheit mit Recht jede irdische verachten zu können?
Ich bin mit Burtons Schwester unter fremden Namen hiehergereiset, und ich merke es sehr deutlich, dass sie es sich selber nicht gestehen will, dass sie sich nicht mehr so sehr für mich interessieret. Natürlicherweise! weil es wahrscheinlich, ja gewiss ist, dass ich gegen sie kälter geworden bin.
Leben Sie wohl. Sie werden diesen Brief mit einem frühern zu gleicher Zeit erhalten.
22
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie ich mich jetzt hier einsam fühle, lieber Mortimer, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich gehe oft noch in Gedanken nach dem Zimmer meiner Schwester, um sie dort anzutreffen; ich suche sie im Garten auf und weine. Ich fühle jetzt nicht mehr recht deutlich, warum ich lebe, denn alle Wesen, die mit mir in so naher Beziehung standen, sind mir entrissen. – Sollte ich auch meine Schwester niemals wiedersehen? – Wenn ich nur wüsste, wo ich sie suchen sollte, wenn nur nicht ein Fieber meinen Körper erschöpft hätte. – Und dann ist es ja ihr Wille gewesen, mich zu verlassen.
Oh! wie vielen Menschen habe ich Unrecht getan! War ich durch ein kränkendes, menschenfeindliches Misstrauen nicht Ursache, dass der arme, geängstete Willy nach dem Gifte griff, um mich von seiner Unschuld zu überzeugen? Ich habe seitdem oft an den alten frommen Mann gedacht, und ich kann mich recht in seine Seele versetzen: halb wahnsinnig, aus Gram über Lovell, den er so innig liebte, in der doch seinen Herrn nicht zu verraten, überrascht und erschreckt durch meinen Argwohn – von allen Seiten gedrängt, greift er zerstreut und unwillkürlich nach dem tod, um nur seinem Leben ein Ende, und seine Unschuld deutlich zu machen. – Hätt ich ihm nicht mit Liebe entgegengehen sollen, um seinen Jammer zu lindern? – Ach Mortimer, ich war es, der ihm die schrecklichste Minute seines Daseins erleben liess; ich war schuld an seinem tod.
Hab ich nicht durch eigne Schuld Lovells Seele verloren? konnte ich ihn nicht vielleicht mir und sich selber wiedergeben? – Ich war gespannt, und mein Schmerz hatte mich so weit überwältigt, dass ich unmenschlich war. Durch meine Kälte habe ich meine Schwester von hier vertrieben; kein Mensch liebt mich, keiner fragt nach mir, alle fliehen weit von mir weg, um mich nur aus dem gesicht zu verlieren.
Nein, Mortimer! ich will mich nie wieder so überraschen lassen. Ich will alle Menschen, ohne irgendeine Ausnahme, lieben, und mir so ihre Gegenliebe verdienen. Ach! wenn auch Schwächen und Gebrechen an ihnen sichtbar sind, sie sollen mich dadurch nicht wieder zurückstossen, denn eben das sind ihre Kennzeichen, dass sie Menschen und meine Brüder sind. Warum wollen wir denn auch immer die Bessern und die Schlechtern voneinander sondern? Können wir es mit diesen schwachen irdischen Augen? Wenn wir sie alle lieben, so tun wir keinem Unrecht. – Müssen sie nicht alle in einer kurzen Zeit sterben und in Staub zerfallen? Wir sollten uns beständig in acht nehmen, keines dieser gebrechlichen Gebilde zu verletzen. Mögen sie doch lachen und uns hassen und verfolgen; – oh! ich will lieber von Tausenden betrogen werden, als einem Unrecht tun.
Könnt ich nur alles wieder gutmachen! Aber Lovell ist fort, und es ist zu spät. – Wir können unsere Übereilungen gewöhnlich nur bereuen; und eben das sollte uns bewegen, uns mehr vor ihnen in acht zu nehmen.
23
William Lovell an Rosa
London.
Ich bin wieder hier auf dem grossen Tummelplatze einer dichtgedrängten, geräuschvollen Welt. Ich konnte unmöglich länger in Emiliens Gesellschaft bleiben, die mir mit ihrer aufdringlichen Liebe alle Laune verdarb. – Sie ist noch in Nottingham, und ich habe bei ihr eine notwendige Reise nach einer der nächsten Städte vorgegeben. Wenn sie erfährt, dass ich nicht dort bin, mag sie zu ihrem Bruder zurückkehren.
Der Hass und die Liebe der Menschen ist mir jetzt in einem gleich hohen Grade zuwider, es soll sich keiner um mich kümmern, so wie ich nach keinem zurücksehe, um ihn mit einem freundlichen oder verdriesslichen gesicht zu betrachten. Für mich gibt es nichts Widrigers als das Aufdringen der Menschen, um mir ihre Freundschaft, ihre Liebe zu schenken; es sind Narren, die nicht wissen, was sie mit sich selber machen sollen, und daher andere Narren nötig haben, um mit ihnen aus Langeweile