Erde legt? Rafft Krieg und Pest nicht Tausende hinweg? Werden nicht Tausende Schlachtopfer ihrer Leidenschaften? Und wenn ich unversehends die Hand ausstrecke und plötzlich einer zu Boden stürzt, das sollte mich kümmern und mir Ruhe und Schlaf rauben? – Man sollte gar nichts in der Welt ernstaft nehmen. Eine schreckliche Seuche kommt mir vor wie ein ungeschickter Spieler, der unter dem Spiele die Schachfiguren mit dem Ärmel durcheinanderwirft. Man kann nur darüber lachen.
Am andern Tage kam Eduard auf mein Zimmer. O wie verhasst war mir seine kalte, philosophische Miene, der mitleidige blick, mit dem er mich von oben herab betrachtete! Wie zerreissen die Menschen unser Herz, die sich für edel und vollendet halten und nie etwas erfahren und gelitten haben! die in ihrer sichern Landheimat von den Wogen und Stürmen des Meers, von Schiffbruch und schrecklichen Gefahren, wie von Fabeln reden hören und lächelnd den Kopf schütteln! – Welche Geduld ist hier eisern genug, um nicht zu brechen? Man möchte bei einem solchen Anblicke rasend werden!
O ihr Sichern und Überzeugten! ihr richtet und wisset nicht, was ihr tut. Ihr würfelt mit plumpen Händen darum, was ihr gut und was ihr böse nennen wollt, ihr seid kalte und alberne Zuschauer, die eine Tragödie in einer Sprache spielen sehen, die sie nicht verstehen, und die sich nur zunicken und bedeutende Winke geben, um einer vor dem andern seine Unwissenheit zu verbergen.
Eduard sprach nur wenig mit mir, er spielte den gnädigen Herrn; es war mir lieb, dass er bald ging. Er verdiente nicht, dass ich ihm antwortete, und er bemerkte es recht gut, wie sehr ich ihn verachtete.
Es nahte sich die Nacht, in der ich mit Emilien entfliehen wollte. Ich war eben im Begriffe aus dem Fenster zu klettern, als sich die tür eröffnete und Burton mit einer kleinen Laterne hereintrat. Er sagte mir, ich solle ihm folgen, weil ich in seinem haus nicht mehr sicher sei. Wir gingen stillschweigend durch den Garten und er gab mir Papiere, die, wie ich nachher gesehen habe, viele sehr ansehnliche Wechsel waren. Hinter dem Garten liegt ein Wald und wir gingen auf einem schmalen gewundenen Fusssteige. Ich wartete immer darauf, dass Burton sprechen solle, aber er war heimtückisch und still. In meinem inneren war ich dürr und ausgestorben, und aus einer gewissen Furcht hätt ich ein paarmal die Stille beinahe durch ein lautes Gelächter unterbrochen.
Wir standen endlich still. Wir schwiegen und wie drückende Gewitterluft ängstigten mich diese Minuten. Ich suchte nach Gedanken, um das Grässliche, das darin lag, zu verscheuchen – ich wollte fort, und verzögerte dann gern wieder den Moment der Trennung – es war eine von jenen seltsamen Pausen, in denen die Seele unschlüssig ist, ob sie über den Körper gebieten soll, in denen sie an ihrem Willen zweifelt und sich an der trägen Maschine nicht auf eine bedenkliche probe stellen will.
Durch ein paar Worte unterbrach Eduard das Stillschweigen und ging zurück; er kehrte wieder um, als wenn er etwas vergessen hätte; dann ging er wieder, und eine grosse Träne presste sich in mein Auge, eine Angst drängte fürchterlich aus der Brust zur Kehle hinauf; mir war, als wenn ich ersticken sollte. Ich ging einige Schritte und suchte durch meinen lauten gang mein Schluchzen zu übertönen. – Ich sah zurück, er hatte die Laterne schon ausgelöscht, damit ich ihn nur desto früher aus dem gesicht verlieren möchte.
Was empfand ich in diesem Augenblicke! – Rosa, Sie können es nicht begreifen. – Ich habe ihn noch vor einigen Jahren so innig geliebt, ich glaubte damals, dass es ihm eine Kleinigkeit sei, sein Leben für mich zu versprützen – und jetzt, in dieser Stunde meines Lebens, in der er wusste, dass er mich nie wiedersehen würde, jetzt liess er mich gehen, ohne ein Wort zum Abschiede zu sagen, ohne meine Hand zu nehmen, ohne ein Lebewohl! Ich habe ihm so oft die Hand gedrückt, ohne dass er es verdiente, er hätte es ja wohl auch jetzt tun können, und wenn es auch nur Verstellung gewesen wäre.
Doch besser, dass es nicht geschehen ist. Ich war zu weich; hätt er nur ein gutes Wort gesagt, so wär ich ihm an die Brust gestürzt, und hätte ihm alles bekannt, ich wäre wieder in meine Kindheit zurückgesunken, ich hätte alle meine Erfahrungen abgeschworen; ich hätte ihm die Flucht Emiliens, und alles entdeckt, ich wäre in der gewaltigen Rührung vielleicht zugrunde gegangen. Er verdiente es nicht, wie sehr ich ihn liebte; alles kam mir zurück, was er mir einst gewesen war, und was ich von ihm gehofft hatte; – es war mir als wenn er mich riefe, und ich stand stille und wollte umkehren, aber es war nur der Schall des Windes im Forste.
Ich wusste immer noch nicht, ob ich nicht dennoch zurückgehen sollte; je weiter ich fortschritt, je ängstlicher klopfte mein Herz – ach und er hat sich nicht nach mir umgesehen, er hat nicht weiter an mich gedacht.
Ich war zweifelhaft, ob ich nach dem Orte hingehen sollte, wo Emilie auf mich wartete. Alles war mir jetzt zuwider. Ich hätte mich niederwerfen mögen, und weinen und sterben. Aber mein Hass kehrte endlich zurück. sonderbar! dass er mich selbst auf den Weg nach Emilien hatte bringen müssen, den ich ohne ihn in