meine übertreibende Empfindung an einen Freund macht; er ist sanft und gefühlvoll, sein Herz wird leicht von der Schönheit und Erhabenheit erwärmt, fast allentalben treffen sich unsre verwandten Geister in einem Mittelpunkte, ohne dass doch unsrer natur jene Nuancen mangeln, die, wie man behauptet, in der dauerhaft zu machen. Ich habe nicht, wie er, diesen tiefen Hang zur düstern Schwärmerei, diese Kindlichkeit, mit der er sich an jeden Charakter schmiegt, den er liebt; ich bin kälter und zurückgezogener, meine Phantasie ist mehr in süssen, lieblichen Träumen zu haus, er ist mit der Unterwelt und ihren Schrecknissen vertrauter. Alles macht auf ihn einen tiefen bleibenden Eindruck, sobald er nur eine schwermütige Seite auffinden kann, die Freude kann ihn nur aus der Ferne beleuchten, wie ein sanfter untergehender Abendschimmer. Sein Äusseres hat daher beim ersten Anblicke etwas Zurückscheuchendes, aber kaum kam ich ihm einen Schritt entgegen, als er sogleich die ganze zwischenstehende Wand niederwarf, die so oft auch die innigsten Freunde noch in manchen Stunden trennt. – Mortimer ist mir um so fremder, er kann kein empfindendes Herz haben, er lacht beständig, oder lächelt in seiner Kälte über meinen Entusiasmus, auch Balder scheint ihm nicht zu gefallen. Ich zweifle nicht an seinem Edelmute, er spricht, so scheint es mir, oft mit vielem verstand, er ist älter als ich und kennt die Welt mehr – aber ich zweifle, dass er den holden Einklang jener zarten Gefühle versteht, die sich nur den feinern Seelen offenbaren. – Zuweilen quält er mich wirklich, wenn ich eben unter goldenen Träumen der Zukunft und Vergangenheit wandle, von Deinem Bilde, und der holdseligen Gestalt Amaliens angelächelt; mit ihm zugleich ein andres feindseliges Wesen, das sich zu mir hinandrängt: ein Italiener, ein sogenannter feiner und ausgebildeter Mann – mein Herz kann ihm nicht vertraulich entgegenschlagen, mir ist in seiner Gegenwart ängstlich und beklemmt; ich mag lieber viele Stunden mit dem alten ehrlichen Willy zubringen, sein gutmütiges Geschwätz kommt aus seinem Herzen, ich weiss, dass er nicht über mich spottet, dass er mich nicht studiert, um seine Menschenkenntnis zu vermehren. –
Du wirst mir vielleicht wieder Bitterkeit und Übertreibung vorwerfen – mag's! aber ich wünsche nichts so sehnlich, als den Tag, an welchem ich Paris verlasse. Ich finde hier nichts von allem, was mich interessiert. – Die Stadt ist ein wüster, unregelmässiger Steinhaufen, in ganz Paris hat man das Gefühl eines Gefängnisses, die Pracht des Hofes und der Vornehmen kontrastiert auf eine widrige Art mit der Armseligkeit der gemeineren Klassen; alles erinnert an Sklaverei und Unterdrückung. Die Gebäude sind mit kleinlichen Zieraten überladen, man stösst auf kein Kunstwerk, in welchem sich ein erhabener Geist abspiegelte, die Göttin der Laune und des lachenden Witzes hat alles Grosse zum Reizenden herabgewürdigt, und so sind aus den männlichen, kraftvollen Urbildern Roms und Griechenlands gezierte und unnatürliche Hermaphroditen geworden. Von dem grossen Zwecke, von der erhabenen Bestimmung der Künste, von jenem Gefühle, aus welchem die Griechen ihren Homer und Phidias an die Halbgötter richten – davon ist auch hier die letzte Ahndung verlorengegangen; man lacht, man tanzt – und hat gelebt. – Ach, die goldenen zeiten der Musen sind überhaupt auf ewig verschwunden! Als sich noch die Götter voll Milde auf die Erde herabliessen, als die Schönheit und Furchtbarkeit noch in gleichgefälligen Gewändern auf den bunten Wiesen verschlungen tanzten, als die Horen noch mit goldenem Schlüssel Auroren ihre Bahn aufschlossen und segnende Gotteiten mit dem wohltätigen Füllhorne durch ihre lachende Schöpfung wandelten – ach damals war das Grosse und Schöne noch nicht zum Reizenden herabgewürdiget. Versinnlicht stand die erhabene Weisheit unter den fühlenden Menschenkindern, an mitfühlende Götterherzen gelangte das Gebet des Flehenden, Götter hielten Wacht an dem Lager des schlafenden Elenden, keine Wüste war unbewohnt, seine Götter landeten mit dem Verirrten an fremde Gestade, Sturmwinde und Quellen sprachen in verständlichen Tönen, in der schönen natur stand der Mensch unbefangen da, wie ein geliebtes Kind im Kreise seiner zärtlichen Familie – aber jetzt, o Eduard, schon oft hab ich es gewünscht und ich sag es Dir ungescheut – ich bedaure es, dass man den entzückten Menschen so nahe an das schöne Gemälde geführt hat, dass die täuschenden Perspektiven verfliegen: wir lachen jetzt über die, die sich einst von diesen grobaufgetragenen Farben, von diesen verwirrten Strichen und Schatten hintergehn liessen und Leben auf der toten Leinwand fanden – wir haben den Betrug mit einem dreisten Schritte enträtselt – aber was haben wir damit gewonnen? Die Gestalten sind verschwunden, aber unser blick dringt doch nicht durch den Vorhang – und wenn er es könnte, würden wir mit diesen körperlichen Augen etwas wahrnehmen? Ist der Mensch nicht zur Täuschung mit seinen Sinnen geschaffen – wie ist es möglich, dass sie jemals aufhöre? – Ich liebe den Regenbogen, wenn man mir gleich beweist, dass er nur in meinem Auge existiere – ist mein Auge nicht ein wirkliches Wesen und darum für mich auch die Erscheinung wirklich? – Ich hasse die Menschen, die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche Dämmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphantome verjagen, die so sicher unter der gewölbten Laube wohnten. In unserm Zeitalter ist eine Art von Tag geworden, aber die romantische Nacht- und Morgenbeleuchtung war schöner, als dieses graue Licht des wolkigen himmels; den Durchbruch der Sonne und das reine Äterblau müssen wir erst von der Zukunft erwarten. –
Wie mich alles hier anekelt! – Man spricht und schwatzt