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mir zu. Der Himmel war dick und schwarz rundumher bezogen.

Wie im Traume ging ich mit ihm fort, keiner von uns liess einen laut vernehmen, wie zwei Gespenster schlichen wir durch den Garten. Es war mir wunderbar, als wir den Lauben und den Bänken vorübergingen, wo ich so oft mit ihm gesessen hatte; die Bäume neigten sich wehmütig, als wir unter ihren Wipfeln hinweggingen. – Arm in Arm war ich sonst hier mit Lovell auf und ab gegangen, hier hatte sich uns mit Entzücken die Welt Shakespeares aufgeschlossen, hier hatte ich ihn am Morgen zuerst gesucht, und noch der Abend traf uns in diesen Gebüschen, wenn die übrigen schon längst zu den Zimmern zurückgekehrt warenhier hatte er mir sein ganzes Herz entüllt, und ich ihm das meinige; – oh! und nun gingen wir mit dicht verschleierten Seelen nebeneinander; kein Mund öffnete sich, keine Hand streckte sich nach einem Drucke aus.

Wir kamen an das Gartentor, und ich benutzte diesen Stillstand, um ihm einige Wechsel in die Hand zu geben. Ich hatte zum Glück eine grosse Summe in meinem Besitz; ich hoffe, sie beträgt mehr als der Wert seiner Güter. Er sagte nichts, sondern steckte die Brieftasche mechanisch ein. – Stillschweigend gingen wir nun wieder den Fusssteig im wald hinab, die Laterne schoss nur einzelne bleiche Strahlen durch die schwarze Nacht des Forstes, alle Bäume sahen seltsam aus. In einzelnen Momenten grauste mir vor der Einsamkeit, mein Herz zitterte, wenn ich mir wiederholte, dass die Gestalt, die neben mir gehe, Lovell sei.

So waren wir an die Grenze von Bondly gekommen. Ich stand still, er ebenfalls. Ich konnte ihn nicht ansehen und nicht sprechen; und doch schien er es zu erwarten, dass ich ihm etwas sagen sollte. Im Herzen arbeiteten tausend Empfindungen durcheinander, und ich wartete nur auf einen laut von ihm, ach! um ihm um den Hals zu fallen, um zu weinen und ihm alles zu vergeben. – Aber er blieb stumm, und jedes Wort blieb in meiner Brust zurückgedrängt. – Wir standen immer noch still, und die Zeit schien mit uns stillzustehen, und nur auf den ersten Ausbruch der Angst zu warten, um alles in einem rascheren Laufe wieder einzuholen.

Hier muss ich zurückgehen, sagte ich endlich mit schwacher stimme, und wandte mich um. Es war als wenn sich die ganze Welt und mein eigenes Herz von mir abwendete, und ich stand wieder und sah nach dem stummen, tief in sich versunkenen Lovell hin. Der Bruder des Missetäters kann in der Stunde der Hinrichtung nicht mehr empfinden als ich jetzt fühlte.

Er redete immer nicht, und es ging plötzlich wie ein eiskalter Wind durch das Innerste meines Herzens; ich hasste ihn jetzt nicht, aber ich wendete mich gleichgültig um, und ging einige Schritte in den Wald zurück. – Das Licht war heruntergebrannt, und die Laterne erlosch; – ich hörte seinen Fusstritt, der sich von mir entfernte. – Dickes Dunkel war umher und der glimmende Docht beleuchtete nur auf einen Augenblick noch eine kleine grüne Stelle auf dem Boden.

Oh! jetzt hätt ich ihn gegenüber haben mögen! ich hätte ihn mit Tränen und Küssen erstickt. – Sein Schritt tönte schon viel schwächerach! ich sehe ihn nicht wieder, sagte ich zu mir selber, und die Tränen rannen heiss und dichtgedrängt über meine Wangen. – Ich sehe ihn nicht wieder, und es ist Lovell! – Ich wollte ihm nach und stiess an einen Baum, ich sank zur Erde, und rief so laut als ich konnte, von gewaltigem Schluchzen unterbrochen: Lebe wohl, recht wohl! – Ich weiss nicht, ob er mich gehört, ob er es verstanden hat.

Ich lag auf der feuchten Erde und streckte mich ganz aus, ich verbarg mein heisses Gesicht in dem nassen Grase.

Kalt und ohne Besinnung suchte ich dann den Rückweg. Wie ein grosses eisernes Gefängnis hing der dunkle Himmel um mich her.

In meinem Zimmer sitze ich nun hier, und die Morgenröte bricht schon hervor. Lovell sieht sie jetzt auch, und unsere trüben Gedanken begegnen sich vielleicht.

Ach Freund, mich quält eine gewaltige Unruhe; – habe ich nicht dem Armen zu viel getan? – Bin ich nicht verführt worden, schon seinen letzten Brief an mich zu ernstaft zu nehmen? – Warum habe ich ihn nicht so wie die vorigen beantwortet? Alles wäre dann vielleicht anders geworden. – Oh! es war unrecht, es war schlecht, Mortimer, wenn Sie aufrichtig sind. Ich bin nun schuld an Lovells Verzweiflung und an seinem Unglücke; ich verdiene seinen Hass und seine Verachtung, und das war es auch, warum er nicht mit mir sprechen wollte. – Oh! wenn ich nur einen Händedruck von ihm mitgenommen hätte: so könnte ich mich doch zufriedengeben.

Jetzt geht er nun einsam auf dem kalten feld, und weicht den Menschengesichtern aus, und ich bin die Ursache, dass er sich vor ihnen fürchtet! – Sein Eduard, der Freund seiner Kindheit, ist von ihm abgefallen, jedes Menschen Auge kündiget ihm nun Krieg an. – Wohin soll ich mich vor mir selbst verbergen? –

Wenn er nur gesagt hätte: Eduard, lebe wohl, oh! so hätt ich doch die Hoffnung, dass er mir vielleicht vergeben habe. – Aber ich scheuchte ihn mit meiner Harterzigkeit zurück.

Wie soll ich künftig einem fühlenden Menschen unter die Augen treten