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esich erkannte ihn und taumelte aus dem Zimmer.

Wie schwer mein Herz in mir pochte! – Mir ward leichter, als die Tränen endlich ausbrachen. – Aber ganz leicht wird mir nie wieder werden.

Willy ist gestorben. –

Ich habe die Vorhänge heruntergelassen, denn das Licht beleidigt meine Augen. – Mein Kopf schmerzt heftig. – Ich fühle ein inniges Mitleiden mit mir selberund doch möchte ich mich hassen und verabscheuen.

Ist es denn möglich: dass dies aus dem Menschen werden kann? – O Freund! ich möchte sterben. In einzelnen Sekunden fühle ich eine selige Ruhe durch mein Herz gehen, und dies habe ich schon einigemal für den Anfang des Todesschlafes gehalten. – –

Aber ich muss mich ermannen. – Ich muss den ganzen Vorfall meiner schwachen reizbaren Schwester zu verbergen suchen; ich muss für Lovells Sicherheit bedacht sein! – Wo werde ich den Mut hernehmen, nur die Augen aufzuschlagen? – Aber es muss sein. –

Leben Sie recht wohl, lieber Freund. – Was ist so plötzlich aus mir und meinem haus geworden!

Ach! die arme Amalia! – Es ist wohl am besten, Sie verschweigen ihr alles; wie soll ihr Herz das ertragen, da schon das meinige bricht? –

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Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Mein Brief hat Sie gewiss recht sehr erschreckt; auch Sie müssen trübe und melancholisch sein, da auch Sie sein Freund waren. – Jetzt bin ich etwas mehr gesammelt, ich habe ihn gesprochen, und ich zwinge mich ruhiger zu sein.

Ich ging auf sein Zimmer, er war finster und in sich verschlossen, er wollte mich nicht ansehen. – So musst ich ihn nach so langer Zeit wiederfinden!

Lovell! rief ich unwillkürlich aus. –

Was verlangen Sie, sagte er schwer und mit einem unterdrückten Tone.

Es fiel eine dichte Scheidemauer zwischen uns. Ich hatte ihn nicht so erwartet. Er war mir plötzlich ganz fremd geworden, und ich konnte unmöglich darauf kommen, ihn um seine Absichten zu fragen, und um die Gründe seiner Verkleidung oder Niederträchtigkeit.

Dies ist also der Mensch, in welchem mein Geist den Bruder ehemals zu entdecken glaubte; diesem wollt ich mein ganzes Leben widmen? und entstellt, sein Auge unruhig, sein blick starr, ganz das Bild eines Menschen, der mit sich selber zerfallen ist.

Willys Tod ist ruchtbar geworden, und ich muss ihn noch in dieser Nacht fortzuschaffen suchen, um ihn den Gerichten und dem Gefängnisse zu entziehen.

Wär es zu verwundern, wenn ich in dieser Situation alle Besinnung verlöre? – Ach, ich sagte Ihnen, ich wäre ruhiger, ich bin bloss noch verwirrter, und das hat meinen scharfen Schmerz etwas abgestumpft.

So ist meine Jugend wiedergekehrtso sind meine Träume in Erfüllung gegangen! Er sollte hier nahe bei mir in Waterhall wohnen, wir wollten uns täglich sehen, wir wollten nur ein Leben geniessen, und gleichsam mit einer Seele haushalten, und nun! – Warum hat das Schicksal alles so umgeändert, und mir nichts, gar nichts übriggelassen? – Wenn meine Augen noch weinen könnten, würde ich unaufhörlich weinen.

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Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Er ist fort; es ist Nacht, und ich will Ihnen noch schreiben, weil ich doch nicht schlafen kann.

Die Erde kommt mir vor wie ein dunkles Reich von Schatten, wie ein Traumland, worin nichts wesentlich, nichts beständig ist; der Schein des Tages ist ein betrügerisches Licht, nur das Dunkel der Nacht ist die wahre Farbe dieser düstern Kugel. – Wir sehen dunkle Schatten in der Ferne stehen, und nennen sie Freundschaft und Liebe, als Fremdlinge ziehen sie vorüber, und ein schwärzeres Dunkel folgt ihnen nach. Die Menschen sehen in dieser schwarzen Nacht nur aus wie eine dichtere Finsternis, kein Strahl in ihrem Herzen, ach! kein Funke in ihrer Brust. Dies Gefühl, das mich jetzt durchdringt, hatten gewiss die Einsiedler, die sich in schwarzen einsamen Wäldern anbauten, und mit Felsen und Bäumen die Gesellschaft der Menschen vertauschten. – Die stillste Einsamkeit ist mir jetzt erwünscht, der ferne Gesang der Nachtigall stört mein Gemüt, das Rauschen der Bäume tönt mir zu froh und heiter. Ich glaube nicht, noch einmal überlese, so scheint es wie ein goldener Traum in meine Seele hinein. – Alles Schöne und Poetische in der natur ist plötzlich für mich untergesunken, ich sehe nur Tod und Verwesung, ich kann an keinen Edelsinn mehr glauben, ja ich kann meinem eigenen Herzen nicht vertrauen. Die Blumen und Kräuter, die Pflanzen, von denen sich der Mensch nährt, kommen mir vor wie verführerische Winke, wie bunte Nichtswürdigkeiten, die aus der finstern kalten Erde ein boshafter Dämon emporstreckt, um uns wie Kinder zutraulich zu machen; wir folgen nach, argwöhnen nichts, und werden so in unser schwarzes, enges Grab gelockt.

Um Mitternacht eröffnete ich Lovells verschlossenes Zimmer. Es war alles still im haus, die Bedienten schliefen, ich hatte die Schlüssel zu mir gesteckt, und eine Laterne angezündet. Ich sagte ihm, er solle mir folgen, weil er in meinem haus nicht mehr sicher sei. Er antwortete nichts, sondern betrachtete mich mit einem düstern Blicke und stand auf.

Wir gingen über die schallenden Gänge, und ich sah mich zuweilen nach ihm um; ein bleicher Schein meines Lichtes fiel auf sein Gesicht, und entstellte es auf eine wunderbare Weise. Ich schloss das Haus auf, und wieder hinter