Hand in Hand aus dem Garten, am Eingange küsste ich sie noch einmal, dann ging sie fort.
Ich ging im Mondlicht durch die dichtbelaubten Gänge; jetzt fiel mir ein, dass sie mit dem jungen Wilmont so gut wie verlobt sei. Ich wusste nicht, sollte ich lachen, oder heisse, brennende Tränen vergiessen: mein Mund zog sich zum höhnischen Lächeln, und grosse Tränen fielen aus meinen Augen.
Ist das der Mensch, und der edlere Mensch? – Was mag sie jetzt denken, wenn sie überlegt, wohin sie von ihrer regen Empfindsamkeit geführt ist?
Ich könnte meine Eitelkeit sehr nähren und mir einbilden, sie liebe mich ganz unbeschreiblich, und nur diese grenzenlose Liebe habe den Fall ihrer Tugend verursacht. Aber die Schwäche des Menschen allein hat sie dortin getrieben. Und wenn sie mich auch liebte, wie könnt ich eitel darauf werden? – Denn was ist Liebe? – Ein vorübergehendes dunkles Gefühl, und ein Wort. – Sie liebt vielleicht auf einige Tage den Begriff des Unglücklichen in mir, und hasst mich, wenn sie mich näher kennenlernt. –
Burton bringt mich auf, sooft ich ihn nur sehe; schon mehr als einmal war ich im Begriffe, mich ihm zu entdecken, um meiner Hitze nur freien Lauf zu lassen, aber bald, bald muss ich ihn für das strafen, was er gegen mich verbrochen hat.
Leben Sie wohl! Da ich diesen Brief jetzt nicht gut fortschicken kann, so will ich ihn so lange liegen lassen, bis Sie ihn zugleich mit einem zweiten erhalten.
16
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Wie soll ich diesen Brief anfangen, mein Freund, wie soll ich ihn endigen? Noch nie bin ich auf diese Art erschüttert gewesen, noch nie so sehr aller meiner Besinnung beraubt. Ich sitze hier einsam auf meinem Zimmer und weine, und bin noch immer erstarrt. – Dass ich das erleben musste! – Haben Sie Geduld mit mir, ich kann mich noch immer nicht trösten.
Seit einigen Tagen hatte ich einen armen Kranken in meinem haus aufgenommen, der mich durch einen meiner Leute um eine Freistätte auf einige Tage bitten liess. Man beschrieb ihn mir als so schwermütig und unglücklich, dass ich mich lebhaft für ihn interessierte.
Ich liess mir heute am Morgen wie gewöhnlich, ein Glas Wein vom Bedienten bringen, er stellte es hin, und ich wollte eben zu frühstücken anfangen als der alte Willy plötzlich bleich und mit weinenden Augen hereinstürzte und mich beschwur, den Wein nicht anzurühren; ich wusste nicht, was ich sagen sollte; und Willy stand immer noch wie in einer Begeisterung vor mir. er sei wahnsinnig geworden: er wollte nicht bestimmter antworten, er zitterte am ganzen Körper, er stammelte und vermochte nicht ein Wort deutlich hervorzubringen. – In den Wein ist etwas hineingeschüttet! rief er endlich laut. – Ich weiss selbst nicht, wie mich die Verwirrung darauf brachte, dass ich ihn fragte: ob er es getan habe? Aber sein Zittern, seine Angst, seine bleiche Gestalt schienen mir ein solches Geständnis vorzubereiten. – Da weinte der alte Mann, und schluchzte laut, sein Gemüt ward durch diesen Argwohn noch verwirrter; ehe ich es bemerkte, fasste er zitternd das Glas, und trank es aus.
Seine Kräfte verliessen ihn, er sank in einen Stuhl; ich rief um hülfe, und es währte nicht lange, so offenbarten sich die Wirkungen des Giftes. Er war fast ohne Besinnung, und wollte doch noch immer nicht sprechen; sein Bruder warf sich auf ihn, und bedeckte ihn mit Tränen und Küssen, alle weinten und drangen in ihn, dass er reden sollte. Ich konnte bei diesem Anblicke meine Tränen nicht zurückhalten, ich konnte nicht begreifen, wie sich das Rätsel auflösen würde. Wie von einer hohen Angst gedrückt, rief er nun plötzlich den Namen Lovell aus. Ach! und der Ton schnitt durch mein Herz, er sagte seinem Bruder ein paar Worte heimlich – alle erstarrten – jener fremde verstellte Kranke – niemand anders als Lovell war es – er hatte den Wein vergiftet.
Was ich in dieser Minute empfand, kann ich nicht beschreiben. Wie dürftig ich mich plötzlich fühlte, dass ich ein Mensch war! Ach, Mortimer, es gibt Stunden im Leben, deren Hefen selbst das höchste Glück nicht aus dem Herzen wieder wegspülen kann, das fühle ich jetzt innig. Mein ganzes künftiges Leben ist durch diesen Augenblick krank geworden; ein Pfeil ist in meine Brust gedrungen, den ich nicht wieder werde herausziehen können, ohne zu verbluten.
Es war schrecklich, wie dem alten Willy jetzt seine zu rasche Tat gereute, wie er dann weinte und schluchzte, weil er den Namen seines Herrn genannt hatte, und wie er wieder nicht leben wollte, wie er sich freuete, dass er sterben müsste, weil sein Lovell die Bahn der Tugend so ganz verlassen habe. Dann phantasierte er wieder und war mit seinen Gedanken weit weg, und kam nur wieder zu sich, um über Lovell von neuem zu weinen.
Wie wenn ich aus einem Traume erwacht wäre, so stand ich unter ihnen, ich konnte jetzt nicht an die Menschheit, nicht an die Freundschaft glauben. – Ach! und mein Kopf schwindelt noch jetzt.
Endlich verlangte der sterbende Willy seinen Herrn noch einmal zu sprechen. Man holte ihn. Alles im Zimmer ging mit mir herum. Ich sah wie Willy niedersank, sich auf seine Hand beugte und sie küsste – er war