sie nicht gesehen habe; ihr Wuchs ist sehr graziös, und ihr Auge klug und sanft.
Sie hat einen gewissen Verstand, den sie besonders an sich schätzt; sie hat viele Bücher gelesen, und manches darüber gedacht, daher ist sie im Leben ihrer Sache immer sehr gewiss, sie meinet, dass es keine kritische Fälle gebe, in denen man zweifeln könne, wie man sich zu betragen habe. Ich brauche Ihnen, Rosa, wohl nicht zu sagen, dass diese Geschöpfe grade am leichtesten zu gewinnen sind, dass sie selber jedem Plane entgegenlaufen, und eben durch ihre Weisheit einfältiger sind als die Dümmeren.
Ich ging trübsinnig in dem Gange auf und ab, der an ihre Laube stiess, und sie bemerkte mich sehr bald. Sie konnte ihre Neugierde nicht unterdrücken, sondern stand auf und trat mir näher. Unser Gespräch nahm eine sehr schwermütige Wendung, und ich sagte vieles über die Welt und über die Menschen, was ich wirklich so meinte: meine Rolle ward mir also dadurch um vieles leichter. Ich bemerkte, dass sie weinen musste, und als sie auf die stärkste Art gerührt war, entdeckte ich ihr, wer ich sei.
Ich konnte auf ihrem gesicht bemerken, dass die wunderbarsten Empfindungen schnell in ihrem inneren wechselten. Sie war auf eine solche Überraschung, auf den Schmerz, der darin lag, nicht vorbereitet; um sie völlig zu verwirren, suchte ich sie daher noch einmal, und am kräftigsten zu überraschen.
Ich warf mich plötzlich zu ihren Füssen nieder, und gestand ihr, dass zu dieser Verkleidung, zu meinem Aufentalt im schloss, mich allein eine heftige Liebe zu ihr vermocht habe; dies solle mein letzter Versuch sein, ob es irgendein menschliches Herz gebe, das sich meiner noch annehme, um mich mit dem Leben und dem Schicksale wieder auszusöhnen. Sie war schön, und wie in einem Schauspiele spielte ich meine Rolle, auf eine wunderbare Weise begeistert, fort; es gelang mir alles, was ich sagte, ich sprach mit Feuer und doch ohne Affektation. – Sie stand unbeweglich vor mir, und wusste immer noch nicht, wie sie alles in ihrem kopf reimen sollte.
Haben Sie mich nicht gehört, schönste Emilie? rief ich aus.
Sie fuhr auf, und gab eine unverständliche Antwort; ich erhob mich, und setzte meine Klagen fort. Sie erweichte sich sehr für mich und mein Unglück traf ihr Herz. Ich klagte über Amalien und ihren Bruder, über die ganze Welt, die mich von sich gestossen habe; ich nahm meine Zuflucht zu ihrem weichen und zärtlichen Herzen, und schwur, dass sie mich nicht verwerfen könne, sondern dass sie mitleidiger sein würde als die übrige Welt.
Nie, Rosa, habe ich so gut gesprochen, und nie so tief empfunden. Es war als wenn sich mein ganzes Herz in mir eröffnete, und ich musste über mich selbst erstaunen. Ach was ist Wahrheit und Überzeugung im Menschen! Ich war jetzt von allem überzeugt, was ich da sagte, ich war schwermütig und in sie verliebt, ich hätte mich wirklich in diesem Augenblicke ermorden können. Oh! man rede mir doch künftig nicht von Menschen, die sich verstellen. Was ist die Aufrichtigkeit in uns?
Emiliens Rührung ward immer heftiger, und sie legte am Ende ihre Hand in die meinige; sie hatte meinen Worten geglaubt, und ihr Herz neigte sich mir unwiderstehlich entgegen. Sie sagte mir: dass sie mich trösten wolle, wenn sie mich trösten könne, dass sie mich gern für mein Unglück entschädigen wolle, wenn es in ihrer Gewalt stehe. Die ganze Szene schloss sich in der Manier, wie sie angefangen hatte.
Jetzt suchte ich sie nun immer mit den Augen: wenn es möglich war, sprach ich sie allein im Garten, da wir aber oft gehindert wurden, suchte ich ihr ein kleines Billet zuzustecken. – Es ward beantwortet, wie ich gar nicht gehofft hatte; nun hatte ich die deutlichsten Proben ihrer Liebe. Das Briefschreiben ging fort, und meine Schwermut machte, dass ich ihr nie weniger interessant erschien.
Gestern war sie ganz allein im Garten, ihr Bruder war ausgeritten, um jemand in der Nachbarschaft zu besuchen. Es war gegen Abend, und ich suchte sie auf. Wir gingen auf und ab, und unser Gespräch ward immer hitziger und verwickelter; wir kamen zur Laube zurück, der Mond schien, und wir setzten uns auf die Rasenbank nieder.
Sie war sehr weich gestimmt, und ich bemerkte die Tränen deutlich, die heimlich aus ihren Augen tröpfelten; rasch umarmte ich sie, und küsste ihre Tränen weg, dann fielen meine Lippen auf ihren zarten Mund. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte, sie war völlig in meiner Gewalt, davon war ich innig überzeugt. Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, und fing laut an zu weinen, dann umarmte sie mich freiwillig, und drückte einen herzlichen Kuss auf meine Lippen. – Ich liebte sie heftig in dieser Minute, ich drückte sie an meine Brust, und unsere Seufzer begegneten sich. Ungewiss war alles umher und in mir, ich wusste nicht, ob ich Amalien, oder sie, oder Rosalinen in den Armen hielt; der ganze Sturm meiner Sinnlichkeit wachte in mir auf, und entzündete sie zugleich.
Als sie wieder ihrer Sinne mächtig wurde, wusste sie nicht, ob sie mir Vorwürfe machen, oder ob sie weinen sollte. Ich tröstete sie durch Küsse, wir gingen stumm