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ich Dich denn besuche und Du hinter Deinem Tische mit dem ernstaften gesicht sitzest; so muss ich in Gedanken alle Deine ehemaligen Vortrefflichkeiten in Dich hineinlegen, um nicht auf die Meinung zu geraten, dass ich den leibhaftigen Grandison vor mir sehe.

Aber lass uns einmal ernstaft sprechen. – Dein neulicher Brief kann Dir unmöglich ganz Ernst gewesen sein, denn was Du da von den Geschäften und der Elastizität sagst, ist so altfränkisch, so philosophisch und so unwahr, dass ich beinahe Lust hätte, Dir alle meine Geschäfte zu übertragen, damit Du es selber mit Händen griffest, wie sehr Du gelogen hast. Du hast in Deiner ländlichen Ruhe gut sprechen, aber wenn Du nur die langweiligsten, unbedeutendsten Sachen mit einer Emsigkeit und Genauigkeit abschreiben müsstest, als wenn daran die Seligkeit von zehn Märtyrern hinge, wenn Du es nur selber fühltest, wie bei einer solchen Arbeit die Wände umher immer enger zusammenrücken, und das Herz ängstlich klopft und Du nach dem letzten Worte mit der fliegenden Feder hinrennst, als wenn das Haus einfallen wollte, ei, wie anders sprächest Du! Dann holt man Atem, um es von neuem durchzulesen, und kaum ist man eine halbe Stunde ausgegangen, so findest Du schon neue Stösse, die auf Deine Abfertigung warten. Wo da die Elastizität herkommen soll, kann ich gar nicht einsehn. Die Gedanken im kopf werden immer dünner, und gehen am Ende gar aus; statt dass ich sonst Stellen aus dem Tristram Shandy auswendig wusste, übe ich meine Memoire jetzt an den mancherlei Titulaturen.

Ich bin mir in manchen Stunden schon ungemein abgeschmackt vorgekommen, dass ich mir so viele edelmütige Bedenklichkeiten ausgedacht und Emilien nicht auf der Stelle geheiratet habe. Glück! ist das nicht das höchste Wort im Leben, unsre erste Pflicht, ein Wort, gegen das jede Delikatesse albern erscheint? Doch ich bin einmal eingespannt, und so werde ich denn auch wohl aushalten müssen.

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Emilie Burton an Amalie

Bondly.

Ich bin auf Ihre Antwort begierig, da Ihr Herz mit dem meinigen immer sympatisiert hat. Ach liebe Freundin, ich kann Ihnen nicht alles so sagen, wie ich es gern möchte, ich spare dies Vertrauen noch für eine andre Zeit auf.

Welch ein Mensch ist jener Unbekannte, von dem ich Ihnen neulich schrieb! Er ist ganz über das kleinliche Leben hinüber, in dem sich die gewöhnlichen Menschen so ängstlich abarbeiten. Sein Geist ist durch und durch geläutert und gereinigt und er gehört nicht mehr der Erde an. Ich kann es nicht unterlassen, ihn zu bewundern, sooft ich ihn sehe oder spreche, er hat eine andre als die gewöhnliche Menschensprache. Wenn ich an ihn denke, geht eine innige Rührung durch meine Brust, ich möchte beständig in seiner Gesellschaft sein, sein tiefes Urteil über das und über jenes hören, und ihm mit meinem Troste den Gram etwas aus seinem düstern Angesichte schmeicheln.

Niemand kennt ihn hier und niemand weiss, dass ich ihn kenne, ich muss Ihnen seinen Namen auch noch gründete Ursache dazu hat.

Es ist so etwas Wunderbares um ihn her, dass man sich in seiner Gegenwart wie in eine andre Welt entrückt fühlt. Alle, selbst die alltäglichsten Sachen, erhebt er zur höchsten Poesie, so dass er wie ein fremder Geist auf dieser Erde wandelt. Wenn ich dabei an sein Unglück denke, so kann ich nicht müde werden, von ihm zu sprechen; mich freut es, dass er mich seine Freundin nennt, da ihn kein Wesen auf dieser Erde weiter liebt. Denken Sie sich den schrecklichen Gedanken: ich bin das einzige geschöpf, das sich für ihn interessiert!

Wozu sind die Millionen Menschen auf dieser Erde, da so wenige nur einen finden, der sie liebt! – Ach, sie kommt mir wüst und entvölkert vor, sie ist nur eine grosse Masse, voller stummen Leichen, die in und auf ihr sind. Sind sich alle die Armseligen selber genug? Haben Sie kein Bedürfnis nach Liebe und Mitempfindung? Sie sterben alle, ohne gelebt zu haben, sie sind Leichen, die sich bewegen, und denn auch diese Fähigkeit an die natur abgeben und sich hinlegen und verwesen.

nennen Sie mich nicht trübsinnig, liebe Amalie, denn es ist so: Der ganze Lebenslauf des Unbekannten entält nur diese Wahrheit.

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William Lovell an Emilie Burton

Hier sitz ich nun, teureste Emilie, in meinem engen einsamen Zimmer und denke und träume nur Sie. Mein Fenster stösst auf den gang, in welchem ich schon damals mit Amalien so oft an Ihrer Seite sass. Amalie, die mich vergessen, die mich niemals geliebt hat. Ach, Unglücklicher! und du darfst noch klagen? Hat sich der huldreichste Engel nicht deiner mit einem himmlischen Mitleid angenommen? Kannst du von dieser irdischen Erde noch mehr Glück, noch eine höhere Wonne erwarten?

Ach, Emilie, immer, immer möchte ich bei Ihnen sein und den süssen Ton Ihrer tröstenden stimme hören, immer den sanften Augen begegnen, die dem Verstossenen, dem Elenden so kostbare Tränen schenkten. Die ganze Welt verkennt und verlässt mich. Ihr harter Bruder hat mir seine Freundschaft aufgekündigt. – Oh, mag er sie zurücknehmen, wenn ich nur das Herz seiner göttlichen Schwester behalte. – Was kümmern mich die Augen der übrigen Welt, wenn mich nur die Ihrigen bemerken und nicht zürnend auf mich blicken!

Sie kennen, Sie dulden und lieben den Menschen, o das hab ich daran erfahren, dass Sie mich nicht verstiessen, als