meine ganze Seele hat sich in mir aufgetan. Sie kennen ja auch diese zarten Regungen des Herzens, Sie werden mich verstehen, und mich keine Schwärmerin nennen. Mit Männern kann man überhaupt nicht so sprechen, sie sind viel zu sehr in die Geschäfte des Lebens verwickelt, um ihre Gefühle rein und hell in ihrem Busen zu behalten, sie handeln und denken und eben dadurch wird alles übrige in ihnen verdunkelt. Nur der Mann, von dem ich Ihnen erzählen wollte, nur er, vielleicht unter seinem Geschlechte der einzige, ist fähig mich ganz zu verstehn, aber er kommt aus der Schule des Unglücks und der Leiden, die dem Herzen die verlorne Menschlichkeit wiedergeben.
Zeigen Sie niemanden diesen Brief, liebste Freundin, denn er ist nur für Sie allein geschrieben, jedes andre Auge würde ihn entweihen und nur über meine Schwachheit spotten. So wenige Menschen verstehen es, fröhlich zu sein, und noch weit wenigere zu trauern, der Schmerz redet sie in einer himmlischen Sprache an und sie können nur mit ihren unbeholfenen, irdischen Tönen antworten. Wer sich freuen oder wer weinen will, ziehe sich ja zu Blumen und zu Bäumen zurück.
Der Unbekannte redete sehr herzlich und bald schien mir seine Sprache so bekannt. Es kamen wunderbare Erinnerungen in meine Seele; ich betrachtete ihn genauer, und auch seine Gesichtszüge schienen mir nun nicht mehr fremd. – O Amalie, welche Empfindung ergriff mich, als ich in dem armen Verstossenen, in dem kranken Bettler einen alten, wohlbekannten Freund von mir entdeckte – und wie er sich mir nun selbst zu erkennen gab und viel von den Menschen und ihrer Grausamkeit sprach – wie Tränengüsse aus seinen Augen stürzten und er zu meinen Füssen sank und um Vergebung flehte – o Freundin, ich wusste nicht, ob ich lebte, oder tot sei – ob ich mich nicht plötzlich im land der wunderbarsten Träume befände – ach, ich kann immer noch nicht zu mir selber kommen.
Seinen Namen darf ich Ihnen noch nicht nennen, so wie er auch unserm ganzen haus ein Geheimnis ist, aber bald, bald will ich Ihnen alles auflösen, und Sie werden ebensosehr erstaunen. – Alle Gegenstände flimmern mir seit diesem Augenblicke vor den Augen, ich kann nichts recht fest angreifen, und mein Gemüt ist zu den seltsamsten Vorfällen und Verwandlungen vorbereitet. Meine Augen wollen unaufhörlich weinen und jeder freundlich lachende Mund rührt mich innig: eine grosse Wehmut hat mir alle Gegenstände der Welt in die Ferne gerückt und der Schreck beim erkennen zittert immer noch in mir fort.
wunderbar gehen die Schicksale und Leiden der Welt und noch nie ist mir dieser fürchterliche gang so deutlich vor die Augen getreten. Ich habe noch wenig gelitten, und ich möchte nun fürchten, dass ich noch viel zu leiden habe.
sehen Sie, liebe Amalia, so melancholisch hat jener Unglückliche Ihre Freundin gemacht; der ganze Brief ist ein Beweis von der Spannung meiner Phantasie. – Leben Sie recht wohl und glücklich.
8
Karl Wilmont an Mortimer
London.
Ich habe doch hier, bei aller meiner Philosophie manche ungeduldige Stunde, und ich glaube, ich habe so gut wie jeder andre Verliebte ein Recht dazu.
In den ersten Tagen kam es mir so ausserordentlich leicht vor, von Emilien entfernt zu sein, dass ich wohl gar im stillen wünschte, man möchte mir eine schwerere probe auflegen. Es ging mir grade wie dem Kranken, der eine gefährliche Krisis überstanden hat, sich in den ersten Tagen nach dieser schon für genesen hält, und sich nicht genug darüber wundern kann, wie ihn die übrigen Menschen noch bedauern: aber bald fühlt er die Krankheit und Mattigkeit in allen seinen Gliedern von neuem, er wird von neuem ungeduldig und vergisst die schmerzhaften Tage gänzlich, die jetzt hinter ihm liegen. Du wirst mir wenigstens zugeben, dass der Mensch immer bei dieser kuriosen Einrichtung seiner natur die herrlichsten Ursachen hat, unzufrieden zu sein.
Wie unermesslich lang kommt mir jetzt oft bei meinen arbeiten ein Bogen vor, den ich vollschreiben ziergang war. Alle dummen und klugen Streiche laufen in der Welt doch wahrhaftig auf eins hinaus. Du nennst es nun selbst einen vernünftigen Plan, dass ich beim Minister angestellt bin, und wie wenig hab ich daran gedacht, als ich mich anstellen liess? Wahrlich, ich liess mich eben mit der phlegmatischen Unbefangenheit zu ihm schleppen, als wäre die Reise nach einem Weinhause gegangen; meine allerdummsten Streiche haben mir weit mehr Kopfbrechens gekostet. Ich glaube, ich könnte der edelste und tugendhafteste Mann von der Welt werden, ohne dass ich ein Wörtchen davon wüsste. Lieber Mortimer, wenn das irgendeinmal der Fall sein sollte, so mache mich doch um des himmels willen aufmerksam darauf, damit ich nicht so in meiner Dummheit hin ausserordentlich edel bin und selbst gar keine Freude daran habe.
Du bist mir zum ersten Male in Deinem Leben mit Deinem neulichen, so überaus ernstaften Briefe ein wenig närrisch vorgekommen. Seit Du ein Ehemann bist, führst Du einen gewissen altklugen Ton und übst Dich an mir zum künftigen Erzieher Deiner Kinder. Du bist bei weitem nicht mehr so launicht als ehedem, ich wette, dass Du jetzt nie einen Perioden anfängst, ohne zu wissen, wie Du ihn endigen willst; und doch gefiel mir eben das sonst so sehr an Dir, dass Du selbst einen weisen Spruch zuweilen anhubst, ohne zu wissen, wie er schliessen solle. Du verlierst vielleicht nach und nach das wahre Leben und wirst am Ende nur eine Ruine vom ehemaligen Mortimer. Wenn