Vieles im Garten ist geändert, und seit dem tod des alten Burton mit mehrerem Geschmacke angelegt. – Aber alle Veränderungen hier haben mir wehe getan. Ich wollte manche der alten Anlagen besuchen, und fand eine neuere, bessere. Der Gärtner ist ein Bruder von meinem Willy.
Willy selbst ist hier zum Besuche, und ich erschrak, als ich ihm gestern plötzlich begegnete, aber er hat mich nicht erkannt.
Ich habe mich nach allen Sachen genau erkundiget, und darauf einen Plan gegründet, um in das Haus zu kommen. Dass ich nicht erkannt werde, dafür will ich schon sorgen, und diese Schwierigkeit ist im grund die unbedeutendste.
Wie schwach ist der Mensch! – Seit wie lange glaubte ich nun schon, über alle diese Eindrücke erhaben zu sein, und doch haben sie mich nun mit neuer Gewalt angefallen, und dann lach ich wieder über mich, und finde mich selbst kindisch.
6
Mortimer an Eduard Burton
Roger Place.
Ich schicke Ihnen hier das Manuskript Ihres Vaters zurück, das ich mit grosser Aufmerksamkeit gelesen habe. Wie viele Wege gibt es in unserm verstand, die den Menschen so leicht auf eine falsche Bahn bringen können! Die Sucht über uns selbst zu grübeln, liegt in uns, und doch lernen wir beim aufmerksamsten Studium nichts, und alles Einfache und Gute verliert sich aus uns bei diesen Betrachtungen. Der Mensch gewöhnt sich dabei gar zu leicht, sich nur als ein spekulierendes Wesen anzusehen, und mit eben den Augen die übrigen Geschöpfe zu betrachten. – Ich sage Ihnen für Ihr Zutrauen vielen Dank; solche Aufsätze sind Wegweiser und Leuchttürme für andere Menschen.
In mir ist wieder die Sucht aufgewacht, eine kleine Reise zu machen, und wenn ich durch nichts gehindert werde, will ich auch diese Neigung nächstens befriedigen. Dann besuche ich zugleich Sie und Ihre liebenswürdige Schwester. – Amalia ist auf ein paar Tage in der Stadt gewesen, um ihre Eltern und ihren hoffe ich Vater zu sein, und ich bin neugierig, wie mich diese neue Würde kleiden wird.
7
Emilie Burton an Amalie
Bondly.
Liebe Freundin, ich fühle mich zum Schreibtische ordentlich mit Gewalt hingezogen, um mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie haben so oft Ihren Kummer in Briefen gegen mich ausgeschüttet, und ich denke eben darüber nach, ob jetzt vielleicht an mich die Reihe ist. Ich habe oft von Rührung reden hören und selbst gesprochen, aber bis jetzt ist es nur ein Wort für mich gewesen, dessen eigentliche Bedeutung ich erst heute habe kennen lernen.
Schon seit einigen Tagen hält sich ein kranker armer Mensch in unserm haus auf, dem mein Bruder aus Mitleid ein kleines Zimmer hat einräumen lassen, weil der Gärtner für ihn bat. Die Bedienten haben ihn bis jetzt verpflegt, und wir bekamen ihn fast gar nicht zu sehen, denn er hielt sich immer ausserordentlich still und eingezogen, und jedermann im haus glaubte, dass seine Krankheit vorzüglich in einer tiefen Melancholie bestehe.
Mein Bruder war gestern ausgeritten und ich sass allein im Garten. Sie kennen die Laube, in der ich am hinuntersehn kann und allentalben von dichten Hekken eingeschlossen ist. Ich las und arbeitete, und bemerkte nach einiger Zeit den Kranken, der tiefsinnig im Gange auf und ab ging, bald mit verschränkten Armen stille stand und den blick starr auf den Boden heftete, bald Blumen abriss und sie mit seinen Tränen benetzte. Ich war auf alle seine Bewegungen aufmerksam, denn aus jeder schien ein tiefer Kummer zu sprechen. Ich weiss selbst nicht, auf welche wunderbare Weise mein Herz in mir bewegt ward, es war mir ganz wie bei einer guten Tragödie zumute, wo ein unbekannter Elender unsre ganze Teilnahme an sich reisst.
Ich konnte es nicht unterlassen, ich musste aufstehn und ihm näher treten. Er schien bewegt und erschreckt, als er mich erblickte, er wusste nicht, ob er gehen sollte, oder bleiben. Ich redete ihn freundlich an, um ihn über seinen Kummer zu trösten. Er antwortete und jedes Wort war ein tiefes Gefühl seines Unglücks, mit jeder Antwort ward meine Rührung grösser und ich konnte am Ende meine Tränen nicht verbergen.
Was ist es doch, was unser Herz oft so gewaltsam zusammenzieht? Wer kann jene Gefühle beschreiben, die wir Rührung nennen, und wer kann ihre Entstehung begreifen? – Wenn das Mitleid in unser Herz eintritt, o Freundin, dann breitet es sich gewaltsam wie mit Engelschwingen darin aus, dass unser armes irdisches Herz erzittert und sich zu klein für den göttlichen Fremdling fühlt, dann möchten wir in diesem schönen Augenblicke sterben, weil wir empfinden, dass unser voriges Leben kalt und dürr dagegen war, weil wir es wissen, dass die Zukunft nach diesem schönen Augenblicke nur leer und nüchtern sein wird: wir möchten ganz in wollüstigen Tränen zerfliessen, wir können uns nicht darüber zufriedengeben, dass wir nach dieser Seligkeit noch leben sollen. Das Herz begehrt zu brechen, und die Seele den Flug aufwärts zu nehmen – nein, ich kann keine Worte für diese Gefühle finden, ob mir gleich auch jetzt die Augen voll von grossen Tränen sind. – Kann es denn wirklich Menschen geben, die nie das Mitleid empfunden haben, die nie Tränen vergossen? – O denen sei es erlaubt, die Unsterblichkeit ihrer Seele zu bezweifeln, ihnen sei es vergönnt, die Menschen zu hassen, denn sie müssen es nicht begreifen können warum man sie liebt. –
Ich kann nicht dafür, liebe Freundin, dass ich hier deklamiert habe, denn