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und ab. Ohne Ruhe bin ich bald hier, bald dort, bald in einem gemeinen wirtshaus, unter den niedrigsten, aber originellsten Menschen, bald in einer Gesellschaft von Spielern, bald auf den öffentlichen Spaziergängen, bald in den vollgedrängten Teatern.

In manchen Stunden verlier ich mich selber. Sagen Sie mir, Rosa, ob meine innere Ahndungen recht haben. Mein Vater, Pietro und Rosaline starben durch mich, Amalie ist durch mich vielleicht unglücklich geworden; wer weiss, wie manches Auge meinetwegen nass ist, von dem ich nichts weiss, und dem ich mittelbar und unbekannt Schmerzen übersendet habe. – Ich kann manchmal alles vergessen, was ich vormals darüber dachte, und eine heisse Röte breitet sich dann von innen heraus über meine Wangen. – Und dochwie wenig sind alle diese Menschen wert! Wen unter ihnen kann man bedauern? Von wem sollen wir uns in unserm Wege zurückhalten lassen? – Ich richte Gefühle wieder auf, deren die übrigen Menschen entbehren müssen.

So wenige Menschen mich hier auch kennen, so hüte ich mich doch sehr, erkannt zu werden. Neulich sprach ich einen Bekannten des jungen Valois, der mit der Blainville hierhergereist war; dieser Valois hat sich erschossen, aber von der Komtesse wusste er mir keine Nachricht zu geben.

Manche Strassen hier reden mich mit einer wunderbaren Sprache an, vorzüglich die, in denen Amalie wohnt. Ich bin schon mehrmals ihrem haus vorübergegangen; aber weder am Fenster noch auf irgendeiner Promenade habe ich sie gesehen. Auch noch keine Nachrichten habe ich von ihr erhalten können, aber sie muss hier in London sein. – Gestern war ich im Teater. Es wurde Macbet gegeben, und ich war mit einer echten Jugendempfindung in die Darstellung vertieft. Im letzten Akte zog ein Gesicht in einer Loge meine ganze Aufmerksamkeit auf sich, denn es glich Amalien vollkommen. Ich vergass das Stück, und suchte mir nur die Erinnerung ihrer recht gegenwärtig zu machen, um sie mit diesem Bilde zu vergleichen.

Ich war noch immer verwirrt und in tiefen Gedanken, als das Stück schon geschlossen war. Ich drängte mich mit den andern hinaus, und erwartete an der Treppe die Herunterkommenden. Viele Gesichter liefen durcheinander, und meine Augen wurden müde sie zu bemerken, um dasjenige, was ich erwartete, herauszufinden. Endlich erschien die Dame, die ich für Amalien hielt, und in einem Augenblicke schoss mir die Überzeugung durch den Kopf, dass sie es auch wirklich sei. – Und bei Gott sie war es! – Hundert Menschen liefen mir vor und wieder zurück, es war mir unmöglich, näher zu kommen. Man stiess und drängte mich, und ich stiess und drängte ebenfalls, und die Gestalt war verschwunden. Meine Augen fanden sie nachher nicht wieder.

Es muss Amalia gewesen sein, es ist nicht anders möglich. Ihre Schleppe und der Saum ihres Kleides war mir in dem Momente heilig, als ich ihm nachzufolgen strebte. Ich hasste die Menschen recht innig, die mich durch ihr wildes widriges Gedränge hinderten, ihr zu folgen.

5

William Lovell an Rosa

Bondly.

So bin ich denn endlich wieder hier, hier, wo der Frühling meines Lebens zu blühen anfing. Jede Hecke und jeder Teich erinnert mich an meine damaligen Empfindungen.

Hier war's, wo Melodieen aus jedem Baumwipfel sumseten; hier hing der Morgenhimmel voll goldener Hoffnungen; jeder Ton in der natur klang mir Gesang, und ich ging unter einem ewigen lautrauschenden Konzerte. – Und was ist nun aus allem dem geworden? – Und was war es auch, das ich hoffte? Jugendlich und unbesonnen kannt ich mich selbst nicht, und wusste nicht, was ich von mir und der Welt verlangte.

Ich sass wieder in demselben Zimmer des Wirtshauses, in dem ich damals einen traurigen Brief an Eduard Burton schrieb, wohl gar, wenn ich nicht irre, Verse machte. Es ist eine niedrige unangenehme stube, und mir würde jetzt kein poetischer Gedanke dort einfallen. Die Gegend umher, die mir im Mondschein damals so romantisch vorkam, ist nichts als ein Ferne sieht man Wald.

Auch die Stelle im wald habe ich wiedergekannt, auf der ich damals von Amalien Abschied nahm, als sie von Bondly nach London reiste. Alle diese Plätze sind stumm geworden, ich finde sie widerwärtig und armselig, da sie mir damals so teuer, so überaus teuer waren. Manchmal ist es, als liefe noch durch die Gebüsche säuselnd eine der lieblichen Erinnerungen, aber sie können nicht zu mir, sie treten scheu vor mir zurück.

Verkleidet bin ich schon einigemal im Garten hier in Bondly auf und ab gegangen. Hier hatten alle Empfindungen, alle Erinnerungen in den grünen Lauben, auf den schönen Rasenstellen, unter den dichten Zweigen der Alleen geschlafen; sie wachten auf, als mein Fuss den Garten betrat, und kamen mir alle stürmend entgegen. Alle haben mich begrüsst, und jeder Baum scheint mich zu fragen: wo ich so lange geblieben sei? Ach Rosa! die Tränen stiegen mir in die Augen, und ich konnte keine Antwort geben.

Ach! ich bin ein Träumerich möchte sagen: Die leblose natur hat inniger an mir gehangen, als je die Menschen.

Lange stand ich vor der Linde still, in der ich meinen und Amaliens Namen eingrub. Nur wenig haben sich die Züge durch den Wachstum des Baumes verändert. – Wie vieles nahm ich mir damals vor, als ich diese Züge langsam und bedächtlich dem Baume einschnitt! –