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Der alte Willy ist gegen ihn der seltsamste Kontrast, er ist mehr unser Freund, als Diener, und William hat ihn nur aus Vorliebe mitgenommen. Ein Wesen, so natürlich und ungekünstelt, als wenn es die mütterliche natur nur so eben hätte in die Welt hineinlaufen lassen. Er gafft und staunt alles an, und teilt mir dann oft in langen Gesprächen seine Bemerkungen mit.

William will sich mit dem Eigensinne seiner Empfindung durchaus nicht in den schnell wandelbaren Charakter des volkes finden, auf den Gassen ist er betäubt, in Gesellschaft wird er zu tod geschwatzt, im Trauerspiel ärgert er sich, im Lustspiel gähnt er, in der Oper hat er einigemal sogar geschlafen. Er ist unvorsichtig genug, seine Bemerkungen Franzosen mitzuteilen, und diese finden dann, dass er den Sonderling spielt, dass sein Geschmack noch nicht gebildet istmit einem Worte: dass er kein Franzose ist. Diese Disputen sind mir immer sehr langweilig, ein jeder hält die Gründe des andern für trivial und keiner versteht den andern ganz, und beide haben recht und beide unrecht. –

Unter der Menge von Bekanntschaften haben wir einige sehr interessante gemacht, einige habe ich von meiner vorigen Reise aufgefrischt. Es ist oft unendlich leichter, in einer ganz fremden Familie zu einer Art von Vertraulichkeit zu kommen, als in einem Zirkel, in welchem man ehemals sehr bekannt war, wenn die Zeit die Erinnerung daran und ihre Farben ausgebleicht hat. Alles ist verwittert, die neu aufgetragenen Farben wollen nicht stehen, nichts ist in einem gewissen notwendigen Gleichmass: man fürchtet in jedem Augenblicke zu sehr den Vertrauten, oder den kalt gewordenen Fremden zu spielen, man hat die Fugen der Seele indes vergessen und greift auf dem Instrumente unaufhörlich falsch. Den alten Grafen Melun hab ich wieder aufgesucht, seine Nichte, die damals ein hübsches Kind war, ist ein sehr schönes Weib geworden, ihr Verstand hat sich nicht weniger ausgebildet. Sie hat im vorigen Jahre einen gewissen Grafen Blainville geheiratet, der seit einigen Monaten gestorben ist; sie hat als Witwe das Ansehn des liebenswürdigsten Mädchens, und sie würde noch gefährlicher sein, wenn sich die Kokette in ihr nicht bald verriete. Der alte Graf ist noch ganz der Mann, der er ehedem war, er gehört zu denen Leuten, die, wenn sie sich ändern sollen, notwendig verlieren müssen, das heisst: sie sind auf einen gewissen Punkt der Ausbildung gekommen, über den sie ihre ganze Lebenszeit hindurch nicht wegschreiten, sie sind mit ihrem verstand und allen ihren Begriffen glücklich in den Hafen eingelaufen und wagen nun um alles keine zweite Fahrt. Sein Haus ist noch immer so angenehm, wie vormals, er versammelt gern witzige Köpfe, schöne Geister, Gelehrte und Politiker um sich her: aus mehreren Strahlen wird doch endlich ein Schein, und dadurch würde ihn mancher von unsern Doktoren auf ein ganzes Vierteljahr für einen sehr gescheiten Mann halten. Dort hab ich auch einen Italiener, Rosa, kennen lernen, dessen genauere Bekanntschaft ich suchen werde. Ich habe noch wenige so feine Gesichter gesehen, in welchem mir vorzüglich die sprechenden Lippen auffallen, die sich ebenso willig in das freundlichste Lächeln, wie in die Falten des bittersten Spotts legenich habe nur noch wenig mit ihm gesprochen, aber alles, was er sagte, hat mich zu ihm gezogen; ohne es zu wollen, hat er meine Aufmerksamkeit ganz auf sich geheftet. Er ist kein Entusiast, aber auch kein kalter, verschlossener Mensch, er ist sehr empfindlich für das Schöne, ohne zum Deklamator zu werden. Es freut mich, dass er sich an William schliesst, von solchen Menschen kann dieser viel lernen, wenn er erst den geheimen Hass abgelegt hat, den er gegen Wesen fühlt, die ihm überlegen sind.

Wir sind mit einem jungen, aufbrausenden, sonderbaren Deutschen bekannt geworden, dem sich William ganz und gar hingibt; er heisst Balder und ist auch nur seit kurzem in Paris. Zwei harmonierendere Töne können nicht so leicht ineinanderschmelzen, als diese beiden Seelen: beide sind Entusiasten, beide poetisch gestimmt, beide begegnen sich mit gleicher Liebe. – Ich mag noch jetzt nichts davon merken lassen, dass eine solche Freundschaft, von zweien so ganz gleichgestimmten Wesen geschlossen, sich selbst bald aufzehren muss: es ist ein schnelles aufloderndes Feuer, das aber keine Hitze hat und ohne Dauer ist, denn wo man nicht fremde Fehler und fremde Vorzüge entdeckt, kann man nicht verehren und nicht lieben. – Aber William würde mir doch davon nichts glauben und darum schweig ich lieber, und wenn er selbst mit der Zeit diese Erfahrung macht, so bietet er gewiss seinem eigenen Gefühle Trotz, um sich diese unvermutete Erscheinung abzuleugnen.

Lebe wohl und antworte mir bald.

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William Lovell an Eduard Burton

Paris.

Paris, liebster Freund, missfällt mir höchlich; ich denke oft an Dich und an das einsame Bondly zurück, wenn ich mich hier in den glänzenden Zirkeln herumtreibe; dort war meine Seele in einer steten lieblichen Schwingung, hier bin ich verlassen in Felsenmauern eingekerkert, ein wüster Müssiggang ist mein Geschäft, vom Geschwätze betäubt, von keiner Seele verstanden. Doch nein, ich will mich nicht an dem Schicksal versündigen, ich habe hier einen Menschen gefunden, wie ihn mein Herz bedarf, ich habe auch hier einen Freund, der mich für so viele verlorne Stunden entschädigt. Ich habe die Bekanntschaft eines jungen Deutschen gemacht, er heisst Balder, ein Jüngling, dessen Seele fast allen Forderungen entspricht, die