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sehen kann. Die Verächtlichkeit der Welt liegt in ihrer grössten Betrübnis vor mir; ich stosse sie nur um so geringschätzender von mir, je wunderbarer ich mir selbst erscheine. Durch meine Ahndungen und seltsamen Gefühle, hat er mich vom Dasein einer fremden Geisterwelt überzeugt, ich habe eigenmächtig meinen Zweifeln ein Ziel gesetzt, und ich freue mich jetzt innig, dass ich auf irgendeine Art mit unbegreiflichen Wesen zusammenhänge, und künftig mit ihnen in eine noch vertrautere Bekanntschaft treten werde. Unaufhörlich begleitet mich diese Überzeugung, und alle Gegenstände umher erscheinen mir nur als leere Formen, als wesenlose Dinge. Ich ermir, in der Nacht, oder in der Einsamkeit, jene seltsamen schauernden Ahndungen, die uns unwiderstehlich wunderbaren Mächten entgegendrängen.

Alle betrübten Stunden, die ich hier in England erleben werde stehen gleichsam noch hinter den Kulissen und warten nur auf ihr Stichwort, um schnell hervorzutreten, ich muss in meiner Rolle fortfahren, und vor keinem plötzlichen Auftritt erschrecken

Der nördliche Himmel hier, mit seinen grossen und tiefhängenden Wolken, macht einen seltsamen Eindruck auf mich, nachdem ich mich in so langer Zeit in Italien verwöhnt habe. Die Umrisse der Berge und Wälder bilden sich so hart und widrig in dieser rauhen Luft, ich fühle schon jetzt ein Heimweh nach Italiens lauem Himmel, nach Ihnen und Andrea und meinen übrigen Freunden.

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Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Wir haben nun endlich unser gewöhnliches Leben wieder angefangen, nachdem wir von Ihrem schönen Landsitze zurückgekehrt sind, und die Zeit fliesst uns eben und ohne widrige Abschnitte vorüber. Viele Menschen irren darinnen sehr, wenn sie streben, recht viele frohe und glänzende Epochen in ihren Lebenslauf zu bringen, denn jede dieser Epochen zieht mehrere Tage nach sich, die durch ihre Nüchternheit unsere Seele leer und melancholisch machen; je einförmiger und ruhiger die Zeit vorüberfliesst, um so mehr geniesst man seines Lebens. Wir beide, lieber Freund, haben uns in diesen Genuss eingelernt, und ich hasse jetzt das Planmachen, wodurch man immer in einer fernen Zukunft lebt, unsinnigerweise die Gegenwart verschleudert, und sich im Leben gleichsam übereilt, um nur desto früher zu jenem Ziele zu kommen, das man sich aufgesteckt hat.

Gestern kam der alte Willy matt und atemlos hier an, um seinen Bruder Tomas zu besuchen. Er war die letzten Meilen, so alt er auch ist, zu Fuss gelaufen, Mann hat sich eingebildet, er müsse jetzt sterben, und darum will er noch vorher von Tomas Abschied nehmen. Die Ermüdung, so wie sein Aberglaube haben es wirklich dahin gebracht, dass er krank geworden ist. Er hat mich innig durch seine Liebe gegen seinen Bruder gerührt, den seine eingebildete Klugheit hindert, dieselbe Liebe zurückzugeben. Willy spricht viel vom Lovell, und mit einer ausserordentlichen Inbrunst; mir standen die Tränen in den Augen, als ich ihm zuhörte. Meine ganze Seele streckt sich in mir aus, sooft ich diesen Namen nennen höre, es ist jedesmal, als wollte man mir einen Vorwurf damit machen, weil er nicht mehr mein Freund ist. Und konnte ich anders handeln? – Tat ich nicht alles, um mir seine Liebe aufzubewahren? – Aber er hat sein Herz verspielt, und kann mich nicht mehr lieben.

Leben Sie wohl, und ersetzen Sie mir durch Ihre Freundschaft den Verlust der seinigen.

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Tomas an den Herrn Fenton, Gärtner in Kensea

Bondly.

Sie werden es verzeihen, wertgeschätzter Herr und Kollege, wenn mein Bruder vielleicht einige Tage länger ausbleibt, als er sich anfangs vorgesetzt hatte, und Sie indessen die Aufsicht des ganzen Gutes besorgen müssen, denn er ist hier krank geworden, so dass er wohl so bald noch nicht wird zurückreisen können. Er ist ein klein wenig närrisch der alte Mann, und das werden Sie ebensogut wissen als ich. Alte Leute haben, wie man zu sagen pflegt, ihre wunderlichen Launen, und mein Bruder hat sie gewissermassen im vollsten Grade.

Er hat mir viel von Ihrem Garten erzählt, und es tut mir recht sehr leid, dass Sie mit dem wilden Werke so viele Mühwaltung vorzunehmen haben. Ich habe jetzt Gottlob! einen gönner an meinem Herrn, der die Kunst schätzt und viel an die Vortrefflichkeit des Gartens wendet. Ein solcher gönner fehlt Ihnen freilich, und doch ist er gewissermassen unentbehrlich, um etwas Grosses zustande zu bringen, denn ohne Geld, und ohne die nötigen arbeiten lässt sich in die

Mein Bruder glaubt, dass er hier wird sterben müssen, denn er ist noch so sehr von der alten Welt, und wenn ihm etwas träumt, so glaubt er auch immer, dass es eintreffen muss, was denn die vernünftigen Leute mit Recht einen Aberglauben nennen können, denn er weiss wirklich nicht viel von einer bessern Aufklärung, wie man zu sagen pflegt. – Ich denke aber wohl, dass er in einigen Tagen sowohl gesunder, als auch vernünftiger werden wird. Gott gebe seinen Segen dazu, damit er bald wieder an seine Geschäfte gehen könne!

Verzeihen Sie übrigens, wertgeschätzter Herr und Kollege, dass ich mir die Freiheit genommen habe, Ihnen mit meinem schlechten Briefe beschwerlich zu fallen; da aber mein Bruder noch bis dato die Feder nicht führen kann, so habe ich solches für meine Pflicht gehalten. – Ich wünsche eine fortdauernde Gesundheit und langes Leben, und nenne mich Ihr wertschätzender Freund Tomas, Gärtner in Bon

dly.

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William Lovell an Rosa

London.

Ich treibe mich jetzt wie ein abgerissener Zweig in den Fluten und Wirbeln des wühlenden Lebens auf