hat. Was aus ihr geworden ist, weiss man nicht.
In wenigen Tagen reise ich von hier ab. – Alle Strassen und alle Gesellschaften sind mir zuwider.
Ich wünsche und fürchte das englische Ufer. – Doch kalt und phlegmatisch dehnt sich die Zeit weiter und kümmert sich nicht um unser geängstigtes, pochendes Herz – es muss doch endlich alles und selbst das Leben vorüber sein.
9
Willy an seinen Bruder Tomas
Kensea.
Lieber Bruder, ich schreibe Dir heute einen Brief und in wenigen Tagen mache ich mich auf, um zu Dir zu kommen; denn ich habe keine Ruhe, ich habe keine Rast, es treibt mich weg und ruft mir in die Ohren, dass ich Dich vor meinem tod noch einmal sehen soll, dass ich unter Deinen Augen sterben soll.
Schon seit einigen Tagen ist mir so gar heimlich und einsam zumute, die Fahne des Kirchturms knarrt so betrübt, und wenn ich am Abend am Fenster stehe, ist es, als wenn ich auf dem Kirchhofe schwarze Männer stehen sehe, die mit den Fingern nach mir hinweisen. Ich habe im stillen geweint und gebetet, und bin mir dabei hier so verlassen vorgekommen, und so auch alle Menschen um mich her, sie waren mir alle fremd. – Der Tod treibt sich hier im haus herum; das ist nicht anders, lieber Bruder, und nach mir sucht er, das ist gewiss, und darum will ich fort von hier und zu Dir hin.
Sieh, ich habe so an Dein altes freundliches Gesicht gedacht und an Deine Art zu reden, und an alles, das Dein Name Tomas so recht ausdrückt und beschreibt. Und da hab ich geweint und mir die weite Reise von neuem vorgenommen. Diese Nacht ist es aber erst recht gewiss geworden.
Sieh, mir träumte, als stünde ich in einer wüsten, schwarzen Gegend, rund mit Bergen eingefasst. Und oben von den Bergen guckte ein Kopf herüber, und das war mein Herr Lovell, ich kannte gleich das alte, blasse Gesicht. Da fing ich vor Freude laut an zu schreien, und ich glaubte, mir hätte nur immer geträumt, dass er gestorben sei, und jetzt käme es nun heraus, dass es nur eine Einbildung von mir wäre. Er sagte ganz freundlich: Guten Tag, lieber Willy! – Ich wollte gleich munter die Berge hinaufklettern und ich nahm mir vor, mich nicht zu schämen, sondern ihm dreist um den Hals zu fallen. Er musste es merken, denn er sagte: Bleib nur, Willy, wir sehen uns bald. Und in demselben Augenblicke wurde sein Gesicht ganz jämmerlich, noch eingefallener und beinahe wie ein Totenkopf. Ich fing an zu weinen, als ich das sah, und streckte die arme nach ihm aus, aber er schüttelte stillschweigend mit dem kopf, und es war nun, als würde er ordentlich recht mit Gewalt heruntergezogen. Da konnte ich's nicht lassen, sondern ich wollte nachsehn, was aus ihm geworden wäre; ich fing an zu laufen, um die Berge hinaufzuklettern; aber sieh, da liefen sie vor mir weg, und ich wurde ungeduldig und rannte immer schneller, und die Berge fuhren weg vor mir, geschwinder wie das beste Pferd im Wettrennen. Jetzt standen sie ganz weit weg, so dass sie nur noch so gross aussahen, wie Kinderköpfe, das war mir bedenklich; ich kehrte mich um, und hinter mir waren die übrigen Berge ebenso weit weggelaufen. Es war alles um mich her so weit, eben und schwarz, wie die See. – Da kam mir ein grosser Schwindel in den Kopf, und ein schreckliches Grausen auf den ganzen Körper, denn ich merkte nun, dass ich den Herrn Lovell als einen Geist gesehen hatte. Es war mir immer, als wollte ein schwarzes Ungeheuer aus dem Himmel herunterschiessen, um mich zu verschlingen, oder als wenn der Himmel selber brechen wollte. Ich vergass alles Vorhergehende beinahe und fürchtete mich doch noch immer fort; meine ganze unsterbliche Seele krümmte sich in mir zusammen und ich rief den allmächtigen Gott um hülfe an.
Da wacht ich mitten in der dunkeln Nacht müde und ermattet auf, und es war mir noch immer, als stünde ich noch in der schwarzen Wüste. –
Siehst Du, Bruder, der verstorbene Herr hat mich gerufen, ich muss kommen und nun will ich nur noch von Dir Abschied nehmen. Es ist ja so nur noch so wenige Zeit übrig, in der wir uns lieben und gut sein können, wir wollen also das wenige noch mitnehmen.
Gott segne meinen Herrn William, ich wünschte, ich könnte auch von dem noch Abschied nehmen, und dass er mir noch zur völligen Versöhnung die Hand drückte, dass ich doch ganz als ein guter Freund von ihm zu seinem Herrn Vater in den Himmel ankommen könnte und einen Gruss von ihm bestellen.
Wie gesagt, in etlichen Tagen bin ich bei Dir, und wenn Du mich auch wieder für etwas närrisch hältst, lieber Bruder, so mache mir doch ein freundliches Gesicht, wenn ich komme.
Achtes Buch
1
William Lovell an Rosa
Dover.
Es ist nicht anders, ich stehe wirklich hier, und sehe nach den weissen, schroffen Klippen hinauf. Ich bin endlich wieder zurückgekommen, und alles vorige liegt hinter mir; es ist nicht anders, und konnte vielleicht nicht anders werden.
Ich danke dem Andrea unaufhörlich, dass ich jetzt in den widerwärtigsten Situationen mit einer grossen Kälte in das Leben