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. Man sollte es schon in den schulen lernen, was man von der Welt und den Menschen fordern kann, um sich und andre nachher nicht zu peinigen. Ich war keiner von den Menschen, wie sie ihr einige Dichter geschildert hatten; diese luftigen, bestandlosen Wesen hatte sie ihrer Phantasie fest imprimiert, und an diese Schimären mass sie alle wirkliche Menschen, die ihr aufstiessen. Dass sich die Menschen aus diesem wirklichen prosaischen Leben so gern einen bunten, schön illuminierten Traum machen wollen, und sich dann wundern, wenn es unter den Rosen Dornen gibt, wenn die Gebilde umher ihnen nicht so antworten, wie sie es mit ihrem träumenden Sinne vermutet hatten! – Wer kann es mit diesen Narren aushalten? Man gebe mir den abgefeimtesten Schurken, den Menschen, der in einem Atem zehn Lügen sagt, den Eiteln, der hoch von seinem eigenen Werte aufgeblasen ist, den rohen, ungebildeten Menschen, dem die gemeinste Lebensart fehlt, und ich will mit allen fertig werden, nur nicht mit dem, der allentalben die reine Bruderliebe erwartet, der mit den Menschen, wie mit Blumen oder Nachtigallen, umgehen will.

Nach einem Jahre.

Mein Sohn Eduard fängt an, mir in einem hohen Grade zu missfallen. Er wird altklug, ehe er noch Verstand genug hat, um listig zu sein. Solche frühreife Tugend ist gewöhnlich nichts, als ein Gefühl des Unvermögens, eine Empfindsamkeit, die späterhin zur völligen Schwachheit wird.

Emilie ist halb das Bild ihrer Mutter, und halb eine Kopie nach ihrem Bruder. Ich hoffe, beide werden noch richtigere Ideen über das Leben gewinnen. Stolz darf man nicht auf sich sein, denn das erzeugt eine Menge empfindsamer Torheiten, aber man muss sich schätzen, um sich nicht unter die übrigen Menschen zu erniedrigen, um ihnen nicht dadurch unmittelbar gelegenheit zu geben, dass sie Vorteile über uns ge

Nach mehrern Jahren.

Mein Sohn wird mit jedem Tage ein grösserer Tor und er lässt es mich sogar merken, dass er mich und meine Grundsätze nicht achtet. Er schliesst sich mit Innigkeit an jedes übertriebene und unnatürliche Gefühl. Es schmerzt ihn nicht, dass er sich dadurch von meinem Herzen entfernt, denn er ist unter Luftgestalten einheimisch.

Die Erfahrungen, die mir aus dem Gewühle der Welt hiehergefolgt sind, haben mich nun völlig beruhigt. Ich habe es deutlich erfahren, in wie hohem Grade die Menschen verächtlich sind. Alle meine jugendlichen Vermutungen haben sich erfüllt, und es war heilsam, dass ich so ausgerüstet unter die boshafte Schar trat. Argwohn ist die Wünschelrute, die allentalben richtig zeigt, man irrt sich in keinem Menschen, wenn man gegen jeden misstrauisch ist, denn selbst die Einfältigsten haben Minuten der Erleuchtung, in denen sie uns Schaden zufügen.

Wenn man mit Leuten umgeht, die aus Unwissenheit, oder weil sie selbst keinen Grund davon anzugeben wissen, rechtschaffen sind, so muss man ihre Tugend nie auf die probe stellen, wenn sie uns dadurch nützlich bleiben sollen; denn in dem Augenblicke, in welchem sie darüber nachdenken, werden sie verwangegenwärtigen Gedränge bringen, so kann man sich im nächstfolgenden zweifelhaften Falle niemals auf sie verlassen. – Wie viel ist aber die Ehrlichkeit wert, wenn sie nur darin besteht, dass der Mensch gar nicht weiss, dass man ihm diesen Vorzug beilegt? Selbst der Pöbel hat diese Armseligkeit der Tugend bemerkt und ein Sprichwort darüber gemacht, dass der ein Dieb bleibt, der nur einmal gestohlen hat. – Scheint es nicht, als wenn es völlig etwas Physisches wäre, was wir im Menschen immer zum Geistigen erheben wollen, dass sich die Erscheinung durch eine einzige Umwälzung in einem einzigen Momente verlieren kann?

Ich bin darum nur wenig hintergangen, weil ich den Betrug immer als möglich voraussetzte. Ich fühle mich sehr matt, und meine Gedanken werden schwach und unstet. Dies unnütze Buch ist mit mir alt geworden, es läuft zu Ende, so wie vielleicht mein Leben. Alles hat für mich heute dunkle und melancholische Umrisse; Lovell ist vor einem Monate gestorben und ich bin nicht viel älter, als er.

Ich habe nur schlecht geschlafen, und ihn bleich und abgefallen beständig in meinen abgerissenen Träumen gesehen. Sein Andenken verfolgt mich noch nach seinem tod und mattet meine Kräfte ab. Ich bin wieder gesund gewesen und dachte, es würde nun jahrelang so bleiben, und doch bin ich von neuem krank geworden. Eine seltsame Wehmütigkeit hat mich ergriffen. Der Mensch hängt mit allen seinen Empfindungen bloss von seinem Körper ab.

Sollte ich Dir doch vielleicht Unrecht getan haben, alter Lovell? – Warum richtet sich mein Gedanke so unaufhörlich nach Dir hin, wie die Magnetnadel nach Norden? – Ich habe Dir vergeben, vergib Du mir auch, unsre Spiele und Kämpfe sind jetzt geendigt. Ich fühle mich freundlicher nach meinem Sohne und nach allen Menschen hingezogen. – Wer weiss, in welchem gesundern Teile meines Körpers meine vorige Empfindung lag, wer weiss, aus welchem umgeänderten meine jetzige entspringt. Das Leben und alles darin ist nichts, alles ist verächtlich, und selbst, dass man die Verächtlichkeit bemerkt – – –

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William Lovell an Rosa

Paris.

Ich bin nun wieder in Paris, das zuerst die Bühne meiner Irrtümer war.

Ob Amalie noch lebt, und wie sie leben mag! – Mir kommt alles frisch und neu in die Erinnerung, was ich ehemals für sie empfand.

Die Blainville ist mit einem Chevalier de Valois von hier fortgegangen, der sich nach einigen Erzählungen in England erschossen