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verliess, diesen auf eine erzwungene und halb gewaltsame Art ersetzen müsse, und er erstaunte, da er fand, dass die Begeisterung sich auf die Art, sogar wider ihren Willen, vom Himmel ziehen lasse. Denn im Menschen liegt ein seltsamer und fast unbegreiflicher Vorrat von Gefühlen, dicht neben der Ahndung liegt die Empfindung und die idee, die wir ahndeten; der Lügner kann auf seine eigene Erfindungen schwören, ohne einen Meineid zu tun, denn er kann in diesem Augenblicke völlig davon überzeugt sein. Die wunderbarste Geistererscheinung kann vor mir stehen, und doch nur von meiner Phantasie hervorgebracht sein. – Auf die Art musste der grosse Mann bald zweifelhaft werden, was in ihm wahr, was falsch, was Erdichtung, was Überzeugung sei; er musste sich in manchen Stunden für nichts als einen gemeinen Betrüger, in andern wieder für ein auserwähltes Rüstzeug des himmels halten. Wie durcheinander musste sich bei ihm alles das verwirren, was die gewöhnlichen Menschen ihre Moralität nennen! Kann man nun wohl dieselben Forderungen an ihn machen, die man an jene tut? –

Das Glück folgte ihm auf seinen Fussstapfen, und welcher Sterbliche kann sich wohl von der Schwachheit losreissen, den glücklichsten Erfolg seiner kühnsten Plane nicht für den wahren Orakelspruch der natur und der Gotteit zu halten? Fast jeder Unglückliche zweifelt an seinem Werte, er hält nur gar zu oft sein Unglück für seine Strafe. So glaubt der Sieger im Glück seinen Lohn zu finden, seine Bestätigung von oben her. Vom Erfolge begünstiget, schrieb er neue Zirkel in seine Plane, und alles erfüllte sich immer auf die wunderbarste Weise. Durch ein unruhiges tatenreiches und glückgekröntes Leben, sah er sich plötzlich wie durch einen muntern Traum an die Spitze des staates gestellt, und sein ganzes voriges Leben war nur Zubereitung und Gerüst zu diesem grossen Momente.

An ihm war die Wohlfahrt seiner Partei gekettet; und was war natürlicher und einem Menschen verzeihlicher, als dass er jetzt seine Persönlichkeit mit seiner Sache verwechselte? Er glaubte für seine Partei zu kämpfen, wenn er nur noch für seine eigene Sicherheit stritt, und aus dem Wege räumte, was ihn in seinem Gange hindern könnte. Er musste sich gleich gross und gleich wunderbar vorkommen, er mochte sich nun als einen Liebling des himmels betrachten, oder als einen Helden, der alles durch seine eigene Kraft gewonnen und in Besitz genommen hatte, ja, diese beiden Gedanken mussten sich in seinem kopf beinahe begegnen. Er vertraute sich jetzt mehr als jemals, und trauete den Menschen, die ihn umgaben, noch weniger als vordem. Fortuna hatte ihre volle Urne gleichsam in seinen Schoss geschüttet, und er glaubte nun das Glück selbst zu sein; sein Stolz und seine Eigenliebe, die Bewundrung seiner selbst ist daher ebenso denkbar als verzeihlich.

Er konnte gegen seine Freunde nicht dankbar sein, denn er glaubte durch eigne Kraft alles errungen zu haben, er konnte sie nicht achten, da er sie nicht kannte. Ihre Verehrung seiner aber, so wenig Autorität sie auch für ihn hätte haben sollen, trug er doch gern und ganz zu seinen Verdiensten über, denn denen Menschen, die uns loben, übertragen wir gern die Beurteilung unsers Werts; ja wir glauben oft, dass diejenigen ihn am besten zu schätzen wissen, die selbst am meisten ohne Verdienste sind. Die grösste Inkonsequenz der Menschen, die Gegend, in der vielleicht in jeder Seele die meisten Verächtlichkeiten liegen, ist das Gebiet der Eitelkeit. Jede andre Schwäche ist unzugänglich, oder man muss wenigstens fein und behutsam die brücke hinüberschlagen, um das Ufer nicht selbst einzureissen; aber die Eitelkeit verträgt selbst die Behandlung der rauhesten hände.

Ich will mir heute ernstaft vornehmen, nie daran zu glauben, wenn man meinen gang, meine Häuser, meinen Scharfsinn, oder meine Gesichtsbildung lobt, und wer weiss, ob ich nicht darauf falle, mir einzubilden, dass in meinem Garten die besten Blumen stehen, und dass hier dann ein elender Schmeichler seine volle Ernte findet! Der Himmel ist vielleicht so grausam mir in den Kopf zu setzen, ich hätte mehr Geschmack als andere Menschen. – Oh! statt memento mori sollte man in seine Taschenuhr setzen lassen: Hüte dich vor der Eitelkeit!

Cromwell war so glücklich viele wirkliche Freunde zu finden, ob er gleich keinen liebte; er konnte sie zu Aufopferungen auffordern, und keiner wagte es, ihn um ähnliche Opfer zu mahnen, da ihn keiner in seiner Gewalt hatte. Alle fürchteten ihn, und er wusste, wie weit er jene nicht zu fürchten hatte; er war daher nicht tollkühn. Er hatte es empfunden, wie fein die Grenzen im Menschen zwischen Empfindungen sind, die wir Extreme nennen, weil wir sie uns wie den Nord- und Südpol gegenüber denken: aber zwischen gut und böse, zwischen Freund und Feind, dem Pietisten und Gotteslästerer, dem Patrioten und dem Landesverräter liegt nur eine Sekunde. Cromwell wusste dies, und setzte seine Freunde daher in keine Spannung gegen sich.

Je mehr ich seinen Charakter überdenke, je menschlicher finde ich ihn; nur dass er ein grosser Mensch, ein leuchtendes Meteor war. Wer ihn ein Ungeheuer nennt, hat nie über ihn, oder über sich selber nachgedacht.

Er hatte das Unglück, einen einfältigen Sohn zu haben.

drei Jahre nachher.

Die Menschen sind Narren, denn obgleich einer den andern betrügt, so nehmen sie doch nichts so sehr übel, als dass sie betrogen werden, besonders wenn man sie auf eine andre Art hintergeht,