zu meinem Freunde zu mafleissig liest, und ich möchte wetten, er macht selber Verse. Er hat mir schon in den ersten Tagen alles anvertraut, und es ist schade, dass seine Geheimnisse so unbedeutend und kindisch sind. Sein Vater ist ebenfalls ein einfältiger Mensch, aber er scheint mir doch nicht ganz zu trauen; es mag wohl irgend etwas in meinen Mienen oder Gebärden liegen, was ich noch wegzuschaffen suchen muss. Unser Körper soll in allen unsern Wendungen mit unserer Sprache korrespondieren, und das ist dann die eigentliche Lebensart.
Freundschaft ist eines von den Worten, die im Leben am häufigsten genannt werden, und man muss ebensowohl Freunde als Kleider haben, und von ebenso verschiedener Art. Freunde, die mit uns spazierengehn, und uns Neuigkeiten erzählen; Freunde, die uns mit Leuten bekannt machen, mit denen wir gern in Konnexion kommen möchten; Freunde, die uns gegen andere loben, und uns Zutrauen erwerben; andere Freunde, von denen wir im gesellschaftlichen gespräche manches lernen, was zu wissen nicht unnütz ist; Freunde, die für uns schwören; Freunde, die, wenn wir es so weit bringen können, und die gelegenheit es erfordert, sich für uns totschlagen lassen. Aus dem Lovell könnte vielleicht einer von den letzten gemacht werden, denn er gibt mir selbst freiwillig alle die Fäden in die Hand, an denen er gelenkt werden kann. Ich halte es für eine notwendigkeit, dass ich mich hüte, mich irgendeinem Menschen zu vertrauen, weil er in demselben Augenblicke über mir steht.
Lovell ist etwas jünger als ich, und er macht vielleicht noch dieselben Erfahrungen, die ich schon jetzt gesammelt habe. Das Alter ist bei gleich jungen Menschen oft sehr verschieden, und ich bin mir durch einen Zufall vielleicht selbst um viele Jahre vorausgeeilt; ich fühle wenigstens von dem Jugendlichen und Kindischen nichts in mir, das ich an den meisten Jünglingen und an Lovell so vorzüglich bemerke. Mich verleitet die Hitze nie, mich selbst zu vergessen; ich werde durch keine Erzählung in einen Entusiasmus versetzt, der mir schaden könnte. Mein blick richtet sich immer auf das grosse Gemälde des verworrenen menschlichen Lebens, und ich fühle, dass ich mich selbst zum Mittelpunkte machen, dass ich das Auge wieder auf mich selbst zurückwenden muss, um nicht zu schwindeln.
Jeder redet im grund eine Sprache, die von der des andern völlig verschieden ist. Ich kann also mich, meine Lage, und meinen Vorteil nur zur Regel meiner denke- und Handelsweise machen, und alle Menschen treffen zusammen, und gehen einen Weg, weil alle von demselben Grundsatze ausgehn. Ein buntes Gewebe ist ausgespannt, an dem ein jeder nach seinen Kräften und Einsichten arbeitet, ein jeder hält das, was er darin tut, für das Notwendigste, und doch wäre der eine ohne den andern unnütz. Inwiefern mein Nachbar wirkt, kann ich nur erraten, und ich muss daher auf meine eigene Beschäftigung achtgeben.
Viele Menschen wissen gar nicht, was sie von den übrigen fordern sollen, und zu diesen gehört Lovell. In Gedanken macht er sehr grosse Prätensionen an meine Freundschaft. Ich fordre von den Menschen nicht mehr, als was sie mir leisten; und dies vorher zu wissen, ist der Kalkül meines Umgangs; je gewisser ich diesen rechne, je mehr kenne ich die Menschen, und das ganze übrige Wesen von Zuneigung und Wohlwollen, uneigennütziger Freundschaft, und reiner Liebe, ist nichts als poetische Fiktion, die mir gerade so vorkömmt, wie die Gedichte an die Diana und den Apollo in unsern Dichtern. – Wer sich daran erlustigen kann, dem gönne ich es recht gern, aber allen diesen Menschen, die im Ernste davon sprechen können, ist die Binde der Kindheit noch nicht von den Augen genommen. Diese sind nützliche Mobilien für den ältern und klügern, der sie auf eine gute Art anzustellen weiss.
Bald nachher geschrieben.
Immer ist es mir zuwider gewesen, wenn ich den Namen Cromwell nennen höre, oder ihn lese, um das aufzustellen, denn es wird mir fast bei keinem Charakter so leicht und natürlich, mich in ihn hineinzudenken, und so für mich alle seine seltsamen Widersprüche aufzulösen. Alle die Laster, die man ihm gewöhnlich vorwirft, sind es nur deswegen, weil die Menschen nicht die Fähigkeit besitzen, ihre Seele in Gedanken mit einem andern Charakter zu bekleiden; sie sind zu sehr in sich selbst eingesperrt, und dies macht ihren blick beschränkt. Vielleicht dass die Unterschiede überhaupt aufhörten, wenn sich die Menschen die Mühe gäben, den Erscheinungen näherzutreten, die ihnen in der Ferne ganz anders geformt zu sein scheinen.
Cromwell war vielleicht der reinste und eifrigste Schwärmer, als er sich im Anfange zur Partei der Puritaner schlug. Wider sein Erwarten fand er, dass es leichter sei, die Menschen unter seinen Geist zu beugen, als er im Anfange gedacht hatte. Er durchdrang mit seinem scharfen Blicke die Gemüter aller derer, die ihn umgaben, er bemerkte es, auf welchen Armseligkeiten meistenteils das Ansehen beruhte, das er unter seinen Freunden hatte, und er schämte sich vor sich selber, und verachtete die Menschen. Seine Schwärmerei und sein Entusiasmus waren es vorzüglich, die die Menge an ihn band, denn der Schwärmer zieht einen weiten Feuerkreis um sich her, und selbst in die kälteren Menschen gehen Funken über, dass sie sich unwillkürlich mit Liebe und Wohlwollen zu ihrem Anführer drängen. Er sah ein, dass er in einzelnen Stunden, wenn ihn jener glückliche Entusiasmus