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werden. Unsre neulichen herzlichen gespräche geben mir ein Recht, nicht geheimnisvoll gegen Sie zu sein, ob ich Sie gleich ersuche, diese Blätter in keine andre hände zu geben, denn sie sind von meinem Vater.

Vorn habe ich mehrere Bogen weggeschnitten, die, wie es scheint, zu Exerzitien in der Sprache gedient haben; zufällig hat er in diesem buch dann für sich weitergeschrieben und so sind diese Geständnisse entstanden.

Auch in seiner Krankheit hat er noch daran geschrieben, er suchte das Buch selbst und liess es sehr emsig suchen, weil er mir es geben wollte, aber es war nirgends zu finden. Jetzt hab ich es bei dem Aufräumen der Zimmer von ungefähr unter dem Bette entdeckt, in welchem er starb. –

Schicken Sie es mir zurück, sobald Sie es geendigt haben.

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Einlage des vorigen Briefes

In meinem sechszehnten Jahre geschrieben.

Ja, ja, Herr Wilkens, ich habe Ihre Regeln recht gut verstanden, und vielleicht besser als Sie es glauben. Ihr ganzer Unterricht bezieht sich am Ende dahin, dass ich die Sprache zu meinem Nutzen gebrauchen lerne, und dann ist der Mensch gebildet. Habe ich mich nicht noch gestern an einem schwierigen Briefe üben müssen, in welchem eine gut angebrachte captatio benevolentiae gleich im Anfange mein Hauptaugenmerk sein musste?

Ich bin seit gestern gegen jedermann, besonders gegen die Bedienten sehr auf meiner Hut, denn ich sehe in jedem freundlichen gesicht, in jedem ehrerbietigen Gruss nur eine captatio benevolentiae; und gegen meinen Vater habe ich sie selbst auf die glücklichste Art benutzt, denn ich habe nun endlich die schöne goldene Uhr, nach der so lange mein Sinn trachtete. – Nur muss ich dafür sorgen, dass niemanden diese Betrachtungen über meine Lehrstunden in die hände fallen.

Es ist aber, als wenn der Unterricht aller meiner ich lügen und mit den Worten spielen lernte, wenigstens ist die kluge Schmeichelei gewiss die Poesie, die am unmittelbarsten auf die Seele wirkt. – Ich glaube, alle Komplimente, die meinem Vater gemacht werden, und die er zurückgibt, sind nur Repetitionen aus einem früheren Unterrichte.

Ich muss selbst die probe an den Menschen machen, die mich umgeben, vorzüglich am Koch und am Gärtner. Wenn der Satz richtig ist, so hat vielleicht jedermann eine schwache Seite, die man ihm abgewinnen muss, um ihn nach Gefallen zu benutzen. Das wäre wenigstens ein sehr lustiges Leben, wenn mir plötzlich alle Trauben des Gartens, alle Leckerbissen der Küche, ja selbst alle Goldstücke meines Vaters zu Gebote ständen.

Der Schlüssel zur ganzen Welt könnte wohl gar nichts anders, als die gepriesene captatio benevolentiae sein.

Es muss aber doch Menschen geben, die auf dieselben Gedanken gefallen sind, und ich fürchte, mein Vater, und die mehresten alten Herren, die ihn besuchen, gehören zu diesen. Gegen diese müsste man denn wie gegen einen ausgelernten Schachspieler, sein Spiel maskieren, sich als unbefangen und dumm gutmütig ankündigen, und so ihre Aufmerksamkeit einschläfern. Ich will wenigstens gegen meinen Vater sehr auf meiner Hut sein, denn wenn man einmal die Spur eines Menschen entdeckt hat, so muss es leicht sein, ihm zu seinem versteckten Lager zu folgen.

Wenn Herr Wilkens nur nicht wieder darauf fällt, dass ich Verse machen soll, eine andre Art Lügen zu bauen, die ich verabscheue, weil sie zu gar nichts führt. Man sage mir doch ja nicht vor, dass Empfindungen diese trostlosen abgezirkelten Zeilen hervorbringen; ich habe schon manchen weinen sehen, aber nie auf eine ähnliche Art sprechen gehört. Ich begreife auch nicht, wie ich oder irgend jemand durch ein fingiertes Trauerspiel gerührt werden kann. – Diejenigen, die Tränen vergiessen können, sind wohl wieder eine andere Art von Lügnern vor sich selber, so wie jene, die die herzbrechenden Verse niederschreiben konnten. – So leben wir vielleicht auf einer unterhaltenden abwechselnden Maskerade, auf der sich der am besten gefällt, der am unkenntlichsten bleibt, und lustig ist es, wenn selbst die Maskenhändler, unsere Geistlichen und unsere Lehrer, von ihren eigenen Larven hintergangen werden.

Zwei Jahre nachher.

Gottlob! dass ich endlich von meinen lästigen Lehrern befreiet bin! Nichts als Worte und Phrasen! Ich habe bei diesem Unterricht nur die Menschen kennengelernt, die ihn mir erteilten, die so schwach und blöde und meinem Eigensinne abhingen. Nichts kann mich so sehr aufbringen, als die Unbeholfenheit im Menschen, jene Blindheit, in der sie nicht sehen, welche Talente zu ihrem Gebote stehen, und wie Fremde ihnen plötzlich Zügel und Gebiss anlegen, und aus einem freien Tiere ein dienstbares machen. Durch ein paar unbesonnene Streiche ist der Kammerdiener meines Vaters, der sonst ein gescheiter Mensch ist, so in mein Interesse verwickelt, dass er es jetzt gar nicht wagt, ehrlich oder gegen mich zu handeln. Der Verwalter ist der guterzigste Narr von der Welt, aber er hält mich für einen noch grösseren, und dadurch habe ich sein unbedingtes Zutrauen gewonnen.

In der Sprache muss man sich gewisse Worte und Redensarten merken, die wie Zaubergesänge dazu dienen, eine gewisse Gattung von Leuten einzuschläfern. Auf jeden Menschen wirken Worte, nur muss man ihn etwas kennen, damit man die rechten nimmt, um sein Ohr zu bezaubern. Der Verwalter hört gern von Ehrlichkeit der Menschen reden, er liebt es, wenn man auf die Niederträchtigen schimpft; wenn ich dies tue, und die Worte mit einer gewissen Hitze ausspreche, so weiss er sich vor Freuden nicht zu lassen, und drückt