1795_Tieck_095_111.txt

.

Die Rechnungen der Wirte braucht man nie zu überrechnen, denn richtig addiert werden sie selbst vom Einfältigsten; man spart beim Einsteigen in den Wagen damit einige Zeit.

Ihren Bedienten behandeln Sie ja recht schlecht, sonst ist er auf der Reise Ihr Herr. In einem fremden land können Sie ihm am meisten bieten, weil er schon Gott dafür danken wird, wenn Sie ihn nur wieder zurückbringen.

Ich halte Sie für meinen wahren Freund, denn ich bin wenigstens der Ihrige, und darum habe ich Ihnen einige Kenntnisse mitgeteilt, die ich mir ehemals auf meinen Reisen abstrahiert habe. Der ganze Brief macht wenigstens, dass Sie auf der Reise vielleicht an mich zuweilen denken; damit habe ich schon genug und übergenug gewonnen, und gegen unsern Andrea will ich recht damit prahlen, dass ich Ihnen manchen vortrefflichen Rat auf den Weg gegeben habe.

Besuchen Sie mich aber noch morgen abend, Sie werden eine Gesellschaft von lustigen Freunden finden.

5

William Lovell an Rosa

Chambery.

Ich habe mich nirgend aufgehalten, und darum haben Sie bis jetzt noch keinen Brief von mir erhalten; hier aber will ich einige Tage von den Beschwerlichkeiten der Reise ruhn.

Ich hätte nicht noch jenen lustigen Abend bei unserm Francesco geniessen sollen, denn die Einsamkeit, die Entfernung von Ihnen und allen unsern Freunden drückt mich nun um so schmerzhafter. Schon unter der Munterkeit, unter dem lauten lachen sah ich in Gedanken meinen einsamen Wagen zwischen düstern Bergen fahren, und nun sitz ich hier in einer fremden Stadt, so ganz abgesondert, tief in Betrachtungen und Erinnerungen mancherlei Art versenkt.

Nichts ist für mich widriger und betrübter als jeder Abend vor einer Abreise, man ist ermüdet und verwirrt vom Einpacken und Anordnen, wobei endlich die Finsternis hereinbricht, und man mit dem Lichte bald in dieses, bald in jenes Zimmer wandert, um nur nichts zu vergessen; Koffer und Mantelsäcke werden dann zugeschlossen, und wir werden so recht darauf elenden Bedürfnissen zusammengeflickt ist, wie wir mit einem Prass von unnützen Notwendigkeiten beladen, wie wir an uns selbst so wenig, ja fast nichts sind. Das ängstliche Herumtreiben der Aufwärter, die grössere Leere der Zimmer, der Gedanke der Reisealles gibt dann eine dunkle Allegorie von der widrigen Maschinerie des menschlichen Lebens, wo alle Räder und alle Getriebe so kreischend hervorschrein, wo das Bedürfnis die erste bewegende Kraft ist. Dann gehen Berge und Täler wie Schatten meinem Sinn vorüber, ich erwarte den Anbruch des Tages mit einer Ängstlichkeit, als wenn ich sterben sollte.

Mit dem ersten Ruck des Wagens hören gewöhnlich meine Beklemmungen auf, ich vergesse dann, dass ich den Ort, den ich verlasse, vielleicht nie, oder mit ganz umgeänderten Gefühlen wiedersehe.

In den wildesten Gegenden der Piemontesischen Gebirge fühlte ich mich oft auf eine seltsame Art glücklich, ich dachte an den Vorfall mit den Räubern, der mir vor mehr als zwei Jahren hier begegnete. Ich glaubte oft, dass Balder jetzt aus einem dunkeln Gebirgpfad heraustreten müsste, oder dass niemand anders als Amalie in der Kutsche vor mir fahren könne; oft hatten auch die Gesichter, denen ich begegnete, eine auffallende Ähnlichkeit mit jenen, die ich suchte.

Mit trübem Auge

In finstrer Nacht,

Geht durch das Leben

Das Kind, geleitet

Vom ernsten Führer,

Den es nicht kennt.

Im Tal, am lauten Wasserfall,

stehen beide Wandrer still,

Der Führer spricht zum Horchenden:

Sieh, hier blühen alle Blumen,

Alle Wünsche, alle Freuden,

Pflücke, denn wie fliessend wasser

Rauscht das Leben dir vorüber.

Fort weicht die Gestalt

Und tiefbekümmert

Sieht ihr mit langem Blicke

Der einsam Verlassene schmachtend nach.

Wind säuselt in den Blumen,

Wellen murmeln wie zum fröhlichen Tanz,

Da beugt sich der Fremdling

Und mäht mit raschen zitternden Händen

Die kleine Stelle,

Auf der er steht.

Und Blumen und Gräser

Und giftiges Unkraut

Und stachlicht Gewürme

Fühlt zitternd die Hand.

Und halb erschrocken

Und halb entschlossen

Wirft Gräser und Unkraut,

Gewürme und Blumen

Das Kind mit Gewinsel

In die Fluten des lauten abrollenden Stroms.

"Wo sind die Freuden?

Wo sind meine Wünsche?

Du hast mich betrogen,

Und einsam, verlassen,

Zittr' ich noch einmal

Die Hand nach den täuschenden Blumen zu

strecken."

Da fliesst des Mondes goldnes Licht

Durch Tal und Wies und über den Strom

Und rätselhaft steht rings die Gegend

Im Glanz des Abends.

"Wo find ich die Heimat?

Wo find ich gefährten?

Ich sehe nur Schatten,

Die dunkel und dunkler

Vom Strom herüber,

Bald hierhin, bald dortin

Wie Wolken gehen.

Liegt alles jenseits,

Was ich mir wünsche

Und herzlich suche?

Ich höre Töne

Sind's ferne wasser?

Sind's tönende Wälder?

Sind's Menschenstimmen?

So fremd und vertraulich,

So ernst und so freundlich

Klingt's fern herüber.

Ach wie trotzig braust der Strom sein Lied fort,

Ziehende Vögel spotten meiner in der Ferne,

Wolken sammeln sich um den Mond und nehmen

ihn mit sich,

Ach kein Wesen, das meiner sich erbarmte."

"Ist dies das Leben,

Voll Lieb und Freude?

Wo find ich die schöne,

Verlassene Heimat?" – –

Wie mag sich in meinem vaterland jetzt alles verändert haben? – Wie habe ich mich selbst verändert! –

Das Wetter ist sehr trübe und ich will mich niederlegen, um zu schlafen.

6

Eduard Burton an Mortimer

Bondly.

Ich schicke Ihnen hier einige Papiere, die Sie, wie ich glaube, mit Interesse lesen