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keine Vorwürfe zu machen, lieber, unbefangener Mensch. Liegt es denn nicht in unserer natur, dass wir das Glück willkommen heissen, wo wir es finden? Deine Seele hat ihre Unschuld behalten und Du wirst nie schlecht empfinden, und wenn auch bei der Betrübnis andrer Dein Mund sich zum frohsten lachen zieht.

Mit Deinem Plane bin ich ebenfalls sehr zufrieden, die Tätigkeit wird Dich zum mann machen, denn das ist der grosse Vorteil der Beschäftigung, dass sie unsern Geist reift, wenn sie gleich in sich selbst oft keiimmer nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, wenn sie nicht von einer geordneten Tätigkeit mitgenommen werden; sie werden dann nur gar zu leicht auch im geist müssig und faul und sind nachher für jede Arbeit unbrauchbar, wenn sie auch gerne arbeiten wollten, ihr Dasein wird dann durch ewige unbedeutende Zerstreuungen zerschnitten und sie werden sich selbst zur Last. Du wirst bald fühlen, wie Dein Geist durch eine nicht übertriebene und verworrene Tätigkeit elastischer wird und Emilie wird mehr als einen Gewinn davon haben.

Alle Deine Wünsche mögen in Erfüllung gehen, nur erliege nicht unter Deinen Vorsätzen.

3

Bianca an William Lovell

Rom.

Ich sehe Dich jetzt nur so selten, Du eigensinniger Träumer! und dann nur auf einzelne flüchtige Augenblicke! Umsonst werden alle Scherze und jeder Mutwille wach, wenn Du bei mir bist; Du bleibst in Deiner Verschlossenheit, und lächelst nur zuweilen halb mitleidig, halb erzwungen, um mich nur nicht rasend zu machen. – Ist das derselbe Lovell, den sich vor einem Jahre mein lüsternes Auge wünschte?

Laura ist bei mir und wir haben eben von Deiner unerträglichen Laune gesprochen. Dass wir uns so an Dich gewöhnt haben, ja dass wir Dich so lieben, ist um zu verzweifeln! Es fehlt nicht viel, dass wir Sonette auf Dich machten; aber nimm Dich in acht, dass es nicht Satiren werden!

O ihr Männer! seid ihr nicht unbegreifliche Toren, dass ihr erst mit so vielen Erniedrigungen um unsre Gunst bettelt, und sie verachtet, wenn ihr endlich erhört seid! Müsstest Du Dich nicht hoch glücklich schätzen, dass zwei römische Mädchen, ich und meine Freundin, Dich so lieben? nicht für Dein Geld, sonnördlicher Teufel, der mich martert und mich mit meiner innigen Liebe verächtlich stehnlässt und vorübergeht! – Ich will auch nicht mehr an Dich denken!

Hast Du Verdruss, Händel und Prozesse vielleicht in Deinem vaterland? – O lass alles fahren und freue Dich des Lebens und der Liebe! Was ist alles übrige? – Nicht der Mühe wert, um davon zu reden. – O das habe ich Dich so oft an meinem Busen beschwören hören, Du Ungetreuer! Komm und sei jetzt nicht meineidig, sondern wiederhole Deinen Schwur.

Sehr närrisch macht sich die Feder in meinen zum Schreiben ungelenken Fingern, aber möchten die ungeschickten verwirrten Striche doch Zaubercharaktere sein, die Dich unaufhaltsam herbannten!

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Francesco an William Lovell

Rom.

Sie waren gestern ganz ohne Zweifel böse auf mich, weil ich Sie mit Adriano bei Ihrer Bianca störte, aber ich hoffe, ich habe mich doch schnell genug wieder entfernt, dass Sie nicht unversöhnlich sein werden. Ich reiche Ihnen mit aller meiner Gutmütigkeit die Hand zum Frieden, denn es wäre unverzeihlich, wenn wir beide noch vor Ihrer Abreise Feinde werden sollten.

Wenn ich nicht etwas zu fett wäre, so würde ich Sie begleiten und bei der gelegenheit auch einmal andre Länder, als Italien zu sehen bekommen; aber so bin ich in mir selber gefangen, denn das Reisen bekömmt mir nie. sonderbar, dass wenn man es sich gut schmecken lässt, man es nachher mühsam findet, einen Berg zu erklettern. – Indessen es lassen sich nicht alle Genüsse und alle Vortrefflichkeiten verbinden.

Wenn ich mir meine neugierige Seele denke, die so in schweren unbeholfenen Fesseln sitzt, und doch gern manches Neue lernen und erfahren möchte, so bekomme ich ein wahres Mitleiden mit mir selber. Als ich noch zuweilen weit zu fuss ging, nahm ich trachten, und jetzt habe ich nun alles im verjüngten Massstabe, in Kupferstichen vor mir und muss mich daran begnügen. – Doch, was hat man von einer ganzen Reise, wenn man wiederkömmt?

Trinken Sie ja nicht gleich kalt wasser, wenn Sie aus dem Wagen oder vom Pferde steigen, denn ich habe es aus eigner Erfahrung, dass das sehr schädlich ist.

Bleiben Sie einem Frauenzimmer zu Gefallen nie einen Tag länger an einem Orte; man hat nur Undank davon.

Lassen Sie fleissig nachsehn, ob keine Linse am Wagen fehlt, damit Ihnen nicht plötzlich ein Rad abläuft und Sie einen gewaltigen Stoss bekommen.

Nehmen Sie auf jeden Fall einige Flaschen vorzüglich guten Wein mit, man weiss sonst manchmal nicht, was man in den schlechten Wirtshäusern anfangen soll, wo man oft in den miserabelsten speisen die Zähne bewegt, um nur mit dem Wirte keine Händel zu bekommen.

Die Postillione sind am besten, wenn sie halb betrunken sind.

Wenn Sie Ihren Freunden Naturseltenheiten mitbringen sollen, so ist es am bequemsten, dass Sie diese auf der letzten Station kaufen, und dann schwören, Sie hätten sie mit eigenen Händen aus dem oder dem Berge gebrochen; man kann manchen Leuten damit eine sehr fröhliche Stunde machen.

Nehmen Sie sich besonders vor dem Morgentau in acht; es ist widerwärtig, auf einer Reise krank zu werden.

Unterlassen Sie es nie, an die Aufwärterinnen einige Liebkosungen wegzuwerfen, Sie bekommen durch dieses Hausmittel allentalben weit bessere Suppen