oder Rosaline, um alles, wie mit einem Zauberspruche, wieder zum Leben zu erwecken, aber auch die Erinnerung ist abgeblüht, und wenn ich mein ganzes Leben hinuntersehe, so ist mir, als wenn ich über ein abgemähtes Stoppelfeld blicke; ein trüber Herbst wandelt näher, der Nebel wird dichter, und der letzte Sonnenschein erlischt auf den fernen Bergen.
Ich möchte in manchen Stunden von hier reisen und eine seltsame natur mit ihren Wundern aufsuchen, steile Felsen erklettern, und in schwindelnde Abgründe hinunterkriechen, mich in Höhlen verirren, und das dumpfe Rauschen unterirdischer wasser vernehmen, ich möchte Indiens seltsame Gesträuche besehen, und aus den Flüssen wasser schöpfen, deren Name mich schon in den Kindermärchen erquickte; Stürme möchte ich auf dem Meere erleben, und die ägyptischen Pyramiden besuchen; – o Rosa, wohin mit dieser Ungenügsamkeit? und würde sie mir nicht selbst zum Orkus und in Elysium folgen? –
Und lern und erfahr ich denn nicht hier in Rom genug? Genügt mir nicht dies tiefe wunderbare Leben, in dem die Wunder mit den Stunden wechseln? Wohin von hier? Das Gewand der ganzen Erde ist kahl und dürftig – o Balder, ich möchte Dich in den tiefen Gebirgen aufsuchen, um von Dir zu lernen und mit Dir zu leben.
Mein Geist knüpfet sich immer vertrauter an Andrea; ich verstehe ihn, soviel sich zwei Menschen verstehen können, die immer das nämliche meinen und ganz etwas anders sprechen; in jedem Körper liegt die Seele, wie ein armer Gequälter in dem Stiere des Phalaris, sie will ihren Jammer und ihre Schmerzen ausdrücken, und die Töne verwandeln sich und dienen zur Belustigung der umgebenden Menge. –
Doch ich vergesse ganz, was ich erzählen wollte. Man vergisst über Worte sich und alles übrige, wir sprechen selten von uns selbst, sondern meist nur darüber, wie wir von uns sprechen könnten; jeder Brief ist eine Abhandlung voll erlogener Sätze mit einem falschen Titel überschrieben, und so möchte ich denn gern fortfahren zu schwatzen, wenn mich mein Gefühl nicht zu sehr ängstigte und zur Erzählung einer seltsamen Begebenheit hinrisse.
Es war vorgestern, als ich mich im Korso unter dem Gedränge des Karnevals umtrieb; das Geräusch der Menschen und Wagen, das Geschrei, die tausendfältigen Verunstaltungen des menschlichen Körpers und endlich der Glanz der Lichter versetzten mich in einen angenehmen Rausch: am Abend fuhr ich nach dem Festino, in welchem viele der Masken, mit neuen vermehrt, sich wiederfanden.
Eine weibliche Gestalt strich zu wiederholten Malen bei mir vorüber. Ich hatte schon oft das Rauschen ihres seidnen Gewandes gehört und ward jetzt erst aufmerksamer. Mir war, als wenn sie mich recht geflissentlich vor allen übrigen Masken auszeichnete und eine Bekanntschaft mit mir suchte. Wir näherten uns mit den gewöhnlichen Formeln, und mir ward es wunderbar leicht, recht abgeschmackt zu sein; es sammleten sich daher bald mehrere Karikaturmasken, die mich ungemein witzig fanden.
Ich verfolgte die unbekannte Maske bald durch das dickste Gedränge, ich begleitete sie, als sie in eins der Zimmer ging, um sich mit Gefrornem zu erquicken.
Hier sah ich den schönen Wuchs genauer und die zarten arme; ich bat und flehte, aber sie wollte um keinen Preis die Maske abnehmen. –
Ich verlor sie im saal wieder aus den Augen, dessen Getön und Gebrause mir jetzt nach der augenblicklichen Ruhe, nach der stillen Erleuchtung des Zimmers innig zuwider war. Ich ging daher fort, um in meinen Wagen zu steigen. Zu meinem Erstaunen finde ich dieselbe Maske vor der Tür, sie vermisst ihren Wagen, ich biete ihr den meinigen an, und sie schlägt das Anerbieten nicht aus. –
Nun waren wir allein im Wagen, und ich wandte alle meine Beredsamkeit an, um sie zu bewegen, die entstellende Maske abzunehmen. Sie tut es endlich mit einer kaltblütigen Bewegung – und oh – die Haare richten sich mir noch empor – – Rosaline sitzt neben mir!
Sie warf mir einen drohenden blick zu, und wie ein lauter Donnerschlag warf es sich in den Wagen hinein. – Nun hört ich bloss das Rasseln der Räder, wie eine ferne Kaskade – ich fand mich am Morgen in meinem Zimmer wieder.
Meine hände zittern noch, wenn ich daran denke, und doch ist es vorüber und ich zweifle jetzt selbst daran, dass es war. Weiss ich doch kaum, was ich jetzt tue und denke.
13
Andrea Cosimo an William Lovell
Rom.
Freilich, lieber William, täuscht uns alles in und ausser uns, aber eben deswegen sollte uns auch nichts hintergehen können. Wo sind denn nun die Qualen, von denen ich so oft muss reden hören, die unsre Irrtümer, unsre Zweifelsucht, der erste Sonnenstrahl unserer Vernunft uns erschaffen? Es ist die Zeit, die auf ihrem Wege durch die grosse weite Welt auch durch unser Inneres zieht, und dort alles auf eine wunderbare Weise verändert. Veränderung ist die einzige Art, wie wir die Zeit bemerken, und weil wir die Fähigkeit haben zu denken, haben wir auch zugleich die Fertigkeit verschiedenartige Gedanken hervorzubringen. Weil eine Gedankenfolge uns ermüdet und am Ende nicht mehr beschäftigt, so macht eben dies eine andere notwendig; und dies nennen die Menschen gewöhnlich eine Veränderung ihres Charakters und ihrer Seele, weil sie sich immer viel zu wichtig finden, und sich gern über und über so mit Lichtern bestecken möchten, dass man sie aus dem Glanze nicht herausfinden kann. Kann sich denn aber das Wesen veränvon ihm losgerissen, oder die ihm angesetzt werden?