aus der Knechtschaft, in der uns unsre Menschheit gefangenhält!
Grässlich werden wir zurückgehalten, und die Kette wird immer kürzer und kürzer. Alle täuschenden Freuden schlagen rauschend die Flügel auseinander und sind im Umsehn entflogen. Der Putz des Lebens veraltet und zerfällt in Lumpen; alle Gebrechen werden sichtbar.
Einsam steh ich, mir selbst meine Qual und mein Henker, in der Ferne hör ich die Ketten der andern rasseln. – Schauder stehen vor unserm Gefängnisse zur Wacht. – Da lässt sich keiner bestechen – eisenfest und unwandelbar stehen sie da. – –
Ich habe den Ruf vom jenseitigen Ufer gehört; ich habe den seltsamen Wink verstanden, und das Boot eilt schon herüber, mich abzuholen; ich trage meine Sünden in meiner Hand und gebe sie als Fährgeld ab. – – Die Wogen rauschen, es schwankt das Boot, das Steuer ächzt, und bald tret ich an das düstre fremde Gestade, und in doppelter Vereinigung kommen mir alle meine Schmerzen entgegen.
Gestern war ich bei Andrea und seiner Gesellschaft. Sie sprachen viel durcheinander und sassen in Reihen hinab, wie gefüllte Bilder aus Erde. Alle waren mir fremd und armselig, mit allen, selbst mit dem wunderbaren Andrea hatte ich ein inniges Mitleiden. Sie waren ernst und feierlich, und mir war, als müsst ich lachen. – Dass Gedanken und Vorstellungen den sogenannten Frohsinn aus unserm gesicht verjagen können, ist bejammernswürdig.
Ich streckte meine Hand aus und berührte den Nächstsitzenden, und wie ins Reich der Vernichtung griff ich hinein und war ein Glied der zerbröckelnden Kette. Ich gehörte nun mit zum Haufen, und war mir selber fremd und armselig, so wie die übrigen.
Aller Augen waren starr auf die Wand geheftet, in allen spiegelte sich der Widerschein des Todes. Die Kerzen brannten dunkler, die Vorhänge rauschten geheimnisvoll, das Blut in meinen Adern wollte aufsieden und erstarrte.
Töne schlugen das Ohr mit seltsamer Bedeutung, wie Arabeskengebilde fuhr es durch meinen Sinn; ich erwartete etwas Fremdgestaltetes und lechzte nach etwas Ungeheuerm. Und ich vergass hinter mir zu sehen und stand unter meinen Freunden einsam, wie in einem wald von verdorrten Bäumen.
Schatten fielen von oben herunter und sanken in den Boden. Dämpfe standen wie Säulen im Gemache, Dämmerung wankte hin und wider wie ein Vorhang. Die Seele vergass sich selbst und ward ein Bild von dem, was sie umgab.
Es kreiste und wogte gewaltig durcheinander; wie ein Unding, das zum Entstehen reif wird, so kämpfte die Masse gegen sich selbst. – Es schritt näher und glich einer Nebelgestalt; vor mir vorüber wie ein pfeifender Wind – und oh – Rosaline!
Sie war es, ganz, wie sie lebte. Sie warf einen blick auf mich und wie ein Messer traf er meine Augen, wie ein Berg mein Herz. Ich sträubte mich gegen meine innerliche Empfindung und es zog mich ihr nach; – ich stürzte laut schreiend nach ihrem Gewande und stiess mit dem kopf an die Mauer.
Ich erschrak nicht, verwunderte mich nicht und erwachte auch nicht. Wie andre Elemente umgab mich alles, ich sah die Freunde wieder, ich hörte wieder die Bäume und wasser, die ganze Mühle der gewöhnlichen Welt, mit allen ihren Gängen.
Andrea und die übrigen waren stumm und kalt, aber sie standen fern, fern von mir hinunter, ich kannte sie alle und verstand sie nicht, ich kam zurück und war nicht unter ihnen.
Man öffnete die Fenster; die Morgenluft brach herein, der Himmel war wie eine Platte buntgestreifter Marmor, die Wände der Welt waren wie immer mit ihren seltsamen Gewächsen ausgelegt, und wie ein wildes Tier, so fiel eine nüchterne Empfindung mein Herz an.
Wo steht die letzte Empfindung, dass ich zu ihr gehe? Wo wandeln die seltsamsten Gefühle, dass ich mich unter sie mische? Dass ich von diesem Traume erwache und einen andern noch fester träume!
Wolken fliehn und kommen wieder, das seltsamste Morgenrot wird Tagesschein. – So wird es mit diesem Herzen gehen. – Leider, dass ich das schon jetzt empfinde!
12
William Lovell an Rosa
Rom.
Wie alles mich immer bestimmter zu jenen Schrecken hinwinkt, denen ich entfliehen wollte! Wie es mich verfolgt und drängt, und doch die grässliche Leere in mir nicht ausfüllt! – Wie in einem Ozean schwimm ich mit unnützer Anstrengung umher; kein Schiff, kein Gestade, so weit das Auge reicht! unerbittlich streckt sich das wilde Meer vor mir aus, und Nebel streichen verspottend wie Ufer herum, und verschwinden.
Nebelbänke sind unser Wissen und alles, was unsere Seele zu besitzen glaubt; der Zweifel rauft das Unkraut zusamt dem Getreide aus, und in der leeren Wüste schiessen andre Pflanzen mit frischer Kraft hervor, deren Farben noch schöner und glänzender spielen. Der Mensch muss denken und eben darum glauben, schlafen und also träumen.
Der Wechsel der Jahreszeiten zerstört die Berge und Felsen, die ewigen Pfeiler der Erde zerbröckeln sich durch Regengüsse, der Mensch durch den Lauf seines Bluts, ein Totenwurm in ihm, der ihn von bild zugleich, es erklärt sich selbst und man sollte nie fragen: Wie hängt diese Erscheinung mit jener zusammen? – Der Geist des Forschens ist die Erbsünde, die uns von unsern ersten gefallenen Eltern angestammt ist.
Alles, was ich sonst meine Gefühle nannte, liegt tot und geschlachtet um mich her, zerpflücktes Spielzeug meiner unreifen Jugend, die zerschlagene magische Laterne, mit der ich meine Zeit vertändelte.
Ich nenne mir manchmal den Namen Amalie