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was Vernunft? Alles Sichtbare hängt wie Teppiche mit gaukelnden Farben und nachgeahmten Figuren um uns her; was dahinter liegt, wissen wir nicht, und wir nennen den Raum, den wir für leer halten, das Gebiet der Träume und der Schwärmerei, keiner wagt den dreisten Schritt näher, um die Tapeten wegzuheben, hinter die Kulissen zu blicken und das Kunstwerk der äussern Sinne so zu zerstörenaber wenn – o Rosa, nein ich schwindele, es ist mir innerlich alles so deutlich und ich kann keine Worte finden; aber ich mag sie auch nicht suchen. Sie werden ebenfalls diese Gefühle kennen und mir alles übrige erlassen.

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Rosa an William Lovell

Tivoli.

Manche Ihrer Gedanken über Andrea sind mir aus der Seele geschrieben, in seiner Gegenwart fühle ich mich immer wie in der Nähe eines Überirdischen. Auch manches ist mir begegnet, was ich mir auf keine Art zu erklären weiss. Als ich neulich mit ihm hier in Tivoli war, waren wir fast täglich zusammen und unser Gespräch fiel vorzüglich auf den Aberglauben und die wunderbare Welt, vor der unser Geist so oft steht, und dringend Einlass begehrt. Meine Phantasie ward mit jedem Tage mehr erhitzt, alle meine bisherigen Zweifel verloren immer mehr von ihrem Gewicht; Sie können sich vorstellen, welchen seltsamen Eindruck Ihre Briefe damals auf mich machen mussten, in denen Sie immer mit so vielem Eifer von Rosalinen sprachen. An einem schönen Abende schweiften wir vor den Toren umher, unsre gespräche wurden immer ernstafter und ich vergass es darüber ganz, zur engen unangenehmen Stadt zurückzukehren. Es war indes dunkle Nacht geworden und wir trennten uns. Alle meine Begriffe waren verwirrt, die Finsternis ward immer noch nicht der Stadt. Ich versuchte einen neuen Weg, weil ich glaubte, ich habe mich verirrt, und so ward ich immer ungewisser. Die Einsamkeit und die Totenstille umher erregte mir eine gewisse Bangigkeit; ich strengte mein Auge noch mehr an, um ein Licht von der Stadt her zu entdecken, aber vergebens. Endlich bemerkt ich, dass ich einen Hügel hinanstiege und nach einiger Zeit befand ich mich oben, neben der Kirche des heiligen Georgs. Der Wind zitterte in den Fenstern und pfiff durch die gegenüberliegenden Ruinen, ich glaubte in der Kirche gehen zu hören und ich irrte mich nicht; mit hallenden Tritten kamen zwei unbekannte Männer aus dem Gewölbe und fragten mich, was ich suche. Ihre unbekannte Gestalt, der feierliche Ton ihrer stimme und eine kleine Blendlaterne, die nur mich und den einen von ihnen beleuchtete, machte mich schaudern. Ich fragte furchtsam nach dem Wege zur Stadt, und der eine von ihnen erbot sich, mich bis an das Tor zu bringen, der andere versprach so lange bei der Kirche zu warten.

Die kleine Laterne erhellte sparsam unsern Weg und Bäume und Stauden glitten uns, mit einem durchsichtigen Grün bekleidet, vorüber, mein Begleiter war stumm und ich ging wie im Traume hinter ihm. Jetzt waren wir nahe am Tore und der Mann mit der Laterne stand still; wir nahmen mit wenigen Worten Abschied und ein breiter Schimmer fiel auf sein Gesicht. Ich fuhr zusammen, denn es war ganz das bleiche Antlitz einer Leiche, die Augen waren wie weit hervorgetrieben, die Lippen blass und wie in einem Totenkrampfe verzerrt: ich glaubte ein Gespenst zu sehen, und erschrak nur noch inniger, als ich nach einigen Augenblicken die Züge Andreas erkannte. Jetzt wandte er sich um, und ging zurück, ich stand noch wie versteinert, und rief endlich laut und halb wahnsinnig: "Andrea!" – In demselben Augenblicke verschwand die Gestalt und das Licht, und betäubt und zitternd ging ich in die Stadt.

Aber wie fuhr ich zusammen, als mir Andrea vor meiner wohnung entgegentrat und mich fragte, wo ich so lange geblieben sei. Ich konnte ihm nur wenige Worte sagen und die ganze Nacht hindurch lag ich in einem abwechselnden Fieber.

Und war es nicht eben die Gestalt unsers Andrea, mit Schrecken denke ich daran, die der unglückliche Balder so oft in den Exaltationen seiner Phantasie beschrieb? – Und doch hatte er ihn niemals gesehen. – Wer weiss, ob er mich nicht jetzt umgibt, indem ich diesen Brief schrieb, und jeden Gedanken kennt, den ich denke! –

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William Lovell an Rosa

Rom.

Mein Herz ist die Höhle des Aeolus geworden, in dem alle Stürme durcheinandermurren und sich mit wildem Grimme von ihren Ketten losreissen wollen. Oh, lassen Sie mich diesen Andrea begreifen, und ich will mich zufriedengeben und ich will alles übrige vergessen.

Ist die Welt nicht ein grosses Gefängnis, in dem wir alle wie elende Missetäter sitzen, und ängstlich auf unser Todesurteil warten? O wohl den Verworfenen, die bei Karten oder Wein, bei einer Dirne oder einem langweiligen buch sich und ihr Schicksal vergessen können!

Doch der schwarze Tag bricht endlich, endlich herein. Er kann nicht ausbleiben. Alle vorhergehenden Tage waren nur Vorbereitungen zum letzten schrecklichen. Die finstre Parze findet endlich die Stelle, wo sie den Faden zerreisst. – O wehe uns, Rosa, dass wir geboren wurden!

O des klagenden Toren! mit ohnmächtiger Kraft sperrt sich das arme Tier, in den Stall zu gehen, wo das unbarmherzige Henkersknecht, schleppt dich hinein, das Tor schlägt hinter dir zu und du stehst einsam unter deinen Mördern.

Was kann der Mensch wollen und vollbringen? Was ist sein Tun und Streben? –

O dass wir wandern könnten in ein fremdes, andres Land; ausziehn