gelesen, und alles war mir immer als äusserst abgeschmackt erschienen; ich machte mich daher gegen Gebräuche und Einweihungsfeierlichkeiten gleichsam fest, und als ich Andrea hinbegleitete, war mir das Gefühl sehr gegenwärtig, dass nichts auf mich wirken würde, was sonst unsre Phantasie so leicht in Aufruhr setzt. Ich erstaunte und schämte mich zu gleicher Zeit, als ich ohne weitere Umstände in ein Haus und dann in einen geräumigen Saal geführt ward, in welchem sich die Gesellschaft schon versammelt hatte. Ich hatte mich gegen Abenteuerlichkeiten gewaffnet und doch überlief mich nun ein feierliches Grauen, als mir jeder von ihnen auf eine einfache Art die Hand gab und mich als Freund und Bruder begrüsste. Ich stand versteinert unter ihnen wie damals, als ich das erste grosse Raffaelsche Gemälde betrachtete, denn noch nie habe ich so viele charaktervolle Köpfe nebeneinander gesehen, noch nie hab ich in einer grossen Gesellschaft ein so ruhiges und gedankenreiches Gespräch gehört.
Als ich mich etwas genauer umsah, entdeckte ich bald mehrere Bekannte, die mit mir Nächte durchschwärmt, oder beim Spiele durchwacht hatten. Sie kennen ja auch den launigen Francesco, der uns mit seinen Einfällen so oft unterhalten hat, aber in dieser Gesellschaft war es mir nicht möglich, über ihn zu lachen, oder einen Spass von ihm zu fordern, so ernst und ehrwürdig sass er unter den übrigen, von denen manche ihm aufmerksam zuhörten. Adriano, an dessen Einfalt wir uns so oft belustigt haben, hatte einen grossen Zirkel um sich her versammelt und sprach mit grossem Entusiasmus und ebenso vielem verstand; ich konnte nicht müde werden ihn anzuhören, und mich über meinen bisherigen Irrtum zu verwundern. Es war mir, als wäre ich plötzlich in die Gesellschaft von abgeschiedenen Geistern entrückt, die im tod alles Irdische von sich werfen, und selbst ihren Brüdern unkenntlich sind. – Alle begegneten dem alten Andrea mit der ausgezeichnetsten achtung, alle beugten sich vor ihm, wie vor einem höheren Wesen, und meine Ehrfurcht vor meinem alten Freunde ward dadurch nur um so grösser.
Es ist, als wenn uns in der stillen Nacht tiefere Gedanken und ernstere Betrachtungen begrüssten, denn mit jeder Stunde ward die Gesellschaft feierlicher, der Gegenstand ihres Gesprächs erhabener. Ich habe nie mit dieser Andacht in einem Tempel gestanden, noch in keinem buch habe ich diese Gedanken gefunden, die mich hier durchdrangen. In solchen Stunden vergisst man seine vorige Existenz gänzlich, und nur die Gegenwart ist deutlich in unserer Seele. Ich werde diese Nacht nie vergessen.
Wir gingen erst am Morgen auseinander. Ein glühendes Rot streckte sich am Horizont empor und färbte Dächer und Baumwipfel; die freie Morgenluft und der helle Himmel kontrastierten seltsam mit dem dunklen nächtlichen Zimmer. Scharen von Vögeln durchflatterten die Luft mit muntern Tönen, die Bewohner der Stadt schliefen fast noch alle und unsre Schritte hallten die Strassen hinab. – Der frische Morgen ist mir immer das Bild eines frohen und tätigen Lebens, die Luft ist gestärkt und teilt uns ihre Stärke mit, das wunderbare Morgenrot strömt eine Erinnerung der frühesten Kindheit herauf und fällt in unser Leben und unsere gewöhnlichen Empfindungen hinein, wie wenn ein roter Strahl an den eisernen Stäben eines Kerkers zittert, in dem ein Gefangener nach Freiheit seufzt.
9
William Lovell an Rosa
Rom.
Wenn ich Andrea oft betrachte und mich stumm in Gedanken verliere, so möchte ich ihn in manchen Stunden für ein fremdes, übermenschliches Wesen halten; ich habe mir im stillen manche wunderbare Träume ausgesponnen, die ich mich schämen würde, Ihnen mit so kaltem Blute niederzuschreiben, sosehr sie auch meine Phantasie gefangenhalten. Er begegnet oft auf eine unbegreifliche Weise meinen Schwärmereien mit einem einzigen Worte, das sie mir deutlicher macht, und in ein helleres Licht stellt.
Neulich war ich durch seine Reden in eine ungewöhnlich feierliche Stimmung versetzt, er sprach von meinem gestorbenen Vater und schilderte ihn genau nach seiner Gesichtsbildung und Sprache. Ich war gerührt und er fuhr fort, ja er sprach endlich ganz mit seinem Tone und sagte einige Worte, die sich mein Vater angewöhnt hatte, und die ich unendlich oft von ihm gehört habe. Ich fuhr auf, weil ich dachte, mein Vater sei wirklich zugegen, ich fragte ihn, ob er ihn gekannt habe und er beteuerte das Gegenteil; ich war auf die Wand, um nicht in meiner Täuschung gestört zu werden. Plötzlich fuhr wie ein Blitz ein Schatten über die Wand hinweg, der ganz die Bildung meines Vaters hatte, ich erkannte ihn und er war verschwunden; seltsame Töne, wie ich sie nie gehört habe, klangen ihm nach, das ganze Gemach ward finster und der alte Andrea sass gleichgültig neben mir, als wenn er nichts bemerkt hätte.
Ein gewaltiger Schauder zog meine Seele heftig zusammen, alle meine Nerven zuckten mächtig, und mein ganzes Wesen krümmte sich erschrocken, als wenn ich unvorsichtig an die Tore einer fremden Welt geklopft hätte, und sich zu meiner Vernichtung die Flügel öffneten und tausend Gefühle auf mich einstürzten, die der gewöhnliche Mensch zu tragen zu schwach ist. – Andrea erscheint mir jetzt als ein Türhüter zu jenem unbekannten haus, als ein Übergang alles Begreiflichen zum Unbegreiflichen. Vielleicht löst ein Aufschluss alle Rätsel in und ausser uns, unser Gefühl und unsre Phantasie reichen vielleicht mit unendlichen Hebeln da hinein, wo unsre Vernunft scheu zurückzittert; am Ende verschwindet alle Täuschung, wenn wir auf einen Gipfel gelangen, der der übrigen Welt die höchste und unsinnigste Täuschung scheint. Balder kommt mit seinen Erscheinungen in meine Seele zurück – o Rosa, was ist Unsinn und