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, sondern sah ihm nur um so unbefangener ins Auge. Dann flog ich mit meinen Gedanken zu Rosalinen hinüber, und ich sah sie sitzen, und stumm und zwecklos in die saiten der Laute schlagen, ich tröstete sie über ihren Tod, und sah ein bitteres Lächeln auf ihrem gesicht; dann hört ich mich von meinem Vater rufen, mit denselben Tönen, mit denen er mich in der Kindheit zu sich lockte, ich hörte den grossen Hund, den treusten Freund meiner Knabenjahre, bellenund alles verschwand dann, und ich sass dem alten freundlich melancholischen Andrea und seinem grübelnden Auge gegenüber. –

Und jetzt sitz ich hier und bin einsam, und sehe ihn doch im nebenstehenden stuhl sitzen. Ich werde ihn wiedersehn und werde anders fühlen, und er wird vergehen, so wie ich, und keiner wird unsrer denken. –

5

Bianca an Lovell

Rom.

Ist es Dir denn möglich, mich so ganz zu vergessen? Unsere munteren Gesellschaften haben an Dir ihre Seele verloren, und jede Freude ist stumm und sitzt verlassen im Winkel. Denkst Du gar nicht mehr an unsere heiligen Bacchanale zurück und an die stürmende Fröhlichkeit, die uns so wild und göttergleich begeistert? Sind Dir Deine schwermütige Träumereien und Dein leeres Nachsinnen lieber als das Mädchen, das Dich so innig liebt. – Schenke uns wenigstens den heutigen Abend, den wir allen Scherzen gewidmet haben und lass mich durch ein paar Worte, die Du mit dem Boten zurückschicken kannst, Deinen Entschluss erfahren. –

Bianca.

Ich komme.

W. Lovell.

6

Rosa an Andrea Cosimo

Tivoli.

Dass meine Reise hieher eine Art von Verbannung ist, fällt mir immer schwerer auf das Herz, je mehrere Tage ich von Rom entfernt bin. Dass ich gerade in diesem Zeitpunkte Deinen Umgang entbehren muss! Zu einer Zeit, wo ich mich immer mehr zu Dir hingedrängt fühle, wo sich gleichsam die Flügel meiner Seele voneinanderfalten, um mich desto inniger an Dein Herz zu schliessen. Du hast mich seit einiger Zeit mit neuen Ideen und Gefühlen überschüttet und eine neue Welt hat sich in mir eröffnet, eine Schaubühne, die unaufhörlich mit den wunderbarsten Szenen wechselt. Ich betrachtete mein Leben seit jenem merkwürdigen Abende als ein neues, es hat sich mir ein Weg zu Deiner Seele gebahnt, den ich weiter zu verfolgen brenne. Aber warum verwirfst Du mich und würdigst mich nicht Deines fernern Vertrauens? Darf ich den Argwohn schöpfen, dass Du Dich dem jugendlichen Lovell inniger hingibst? Was kannst Du jetzt noch ferner mit ihm wollen, da sein Vater tot ist? Ist es mir überhaupt erlaubt, zuweilen über Deine Plane im stilEigensinn und weitläuftige, mir unnütz scheinende Maschinerie anzutreffen? Doch ich will schweigen, um mir nicht Dein Missfallen zuzuziehn.

7

Andrea Cosimo an Rosa

Rom.

Es kann und soll nicht anders sein als es ist, überlass es mir, meine Plane zu ersinnen und zu regieren, wenn sie Dir gleich noch wunderlicher erscheinen sollten. Was kümmert es Dich, wenn ich mir ein seltsames Spielwerk erlese, das mir die Zeit ausfüllt und auf meine eigene Art meinen Geist beschäftigt? Wenn ich bemerke, auf welche sonderbare Art die eine Seele auf die andere wirken kann? Du hast wohl mehrere Nächte unter Karten und Würfeln hingebracht; so vergönne mir, dass ich mir aus Menschen ein Glücksspiel und ernstaft lächerliches Lotto bilde, dass ich ihre Seelen gleichsam entkörpert vor mir spielen lasse, und ihre Vernunft und ihr Gefühl wie Affen an Ketten hinter mir führe, und danke dann mir, dass ich Dich als Freund und nicht als Spielzeug gebrauche.

8

William Lovell an Rosa

Rom.

Sie fragen mich: wie ich lebe. Ich bin seit langer Zeit in einer Verfassung, dass ich nicht ohne Sie leben kann. Ich habe Sie immer nötig, um jeden Gedanken und jedes Gefühl in Ihren Busen auszuschütten. – Mir ist jetzt oft zumute, als wären Flügel an meine Brust gewachsen, die mich immer höher und höher heben, und durch die ich bald die Erde mit ihren Armseligkeiten aus den Augen verlieren werde.

Ich sehe jetzt den alten Andrea täglich; ich habe noch nie einen Menschen mit dieser hohen Bewunderung betrachtet, ich habe aber auch noch nie eine Seele angetroffen, die alles, was sonst schon einzeln die Menschen vortrefflich macht, so in sich vereinigte. Die Erinnerung macht mir jetzt eine seltsame Empfindung, dass ich ehedem vor seiner Gestalt zurückschauderte; und doch will sich noch zuweilen ein quälendes dunkles Andenken in mir emporarbeiten. – O Rosa, könnte man sich doch in manchen Stunden vor sich selber verbergen! Ach was kann uns nicht betrüben, und uns mit scharfen Empfindungen anfallen, da wir schen lieben möchte, um so mehr wird man misstrauisch sein, ob sie es auch verdienen; keiner kennt den andern, jede Gesinnung geht verlarvt durch unsern eigenen Busen: wer vermag es, das Edle vom Unedlen zu sondern?

Schon seit lange hatte mir Andrea versprochen, mich in eine Gesellschaft von Männern zu führen, die sich um ihn, wie um einen Mittelpunkt versammelt haben, und so gleichsam eine Schule bilden; ich brannte, um sie kennenzulernen. Gestern wurde ich dort eingeführt.

Mir war während der Zeit manches durch den Sinn gegangen; der Argwohn, als wenn Andrea das Haupt irgendeiner geheimen Gesellschaft sei, da man sagt, dass unser Zeitalter von der Wut besessen sei, auf diese Art seltsam und geheimnisvoll zu wirken. Ich hatte so manches von abenteuerlichen und unsinnigen Zeremonien sogar in Büchern