Ludwig Tieck
William Lovell
Erstes Buch
1
Karl Wilmont an seinen Freund Mortimer in London
Bondly in Yorkshire, am 17. Mai –
Wie kommt es denn in aller Welt, dass Du nicht schreibst? Hundert Mutmassungen sind mir schon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende Stelle finden können. Bald halt ich Dich für tot, bald für verreist, bald glaube ich Dich irgendwodurch erzürnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Post verloren. Doch, wie gesagt, von allem kann ich nichts glauben. – Oder bist Du etwa auch ein Überläufer geworden, und hast zur schwarzen Fahne der traurigen, langweiligen Ernstaftigkeit geschworen? – Es sollte mir leid um Dich tun; aber wenn Du mir nicht launige Briefe schreiben willst, so schicke mir wenigstens ernstafte: doch, wie gesagt, ich will es nicht von Dir hoffen, denn Du bist wie dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen, und in der Laune, wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei niemand diese glückliche Mischung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Segeln über die tanzenden Wellen hinführt, indes ihm die zeitlichen Sorgen schwer, unbeholfen jemals einzuholen. – Ich schreibe Dir diesen Brief als eine Bittschrift, oder als eine Kriegserklärung, antworte mir freundschaftlich oder ergrimmt – nur schreibe! – Sei traurig, wehmütig, grossherzig, kriegerisch, lustig, ernstaft; lobe, tadle verachte, schimpfe mich – nur schreibe!
Nach dieser patetischen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter übrig, als meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir also vors erste sagen mag, dass ich hier in dem angenehmen Bondly noch gesund und wohl bin, dass ich an Dich denke, dass ich Dich zu sehen wünsche, dass London nicht Bondly und Bondly nicht London ist, und dass, wenn ich diesen Brief in dieser Manier zu schreiben fortfahre, Du ihn schwerlich zu Ende lesen wirst.
Nicht wahr, Du siehst mir das langweilige Leben hier auf dem land schon an? – So abgetrieben war mein Witz nicht, als ich in euren lustigen Gesellschaften in London war, wo Wein, Gesang, Tanz und Küsse von den reizendsten Lippen uns begeisterten, wo unsre Laune mit sechs muntern Pferden über die ebne Chaussee des Leichtsinns und der Vergessenheit aller Wichtigkeiten und Armseligkeiten dieses Lebens dahinrollte – nun, wir werden uns wiedersehn! – Hier komm ich mir vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtsam mit halbem leib ihre Behausung verlässt, und langsam und schwerfällig von einem Grashalme zum andern kriecht; – zwar ist die Gegend sehr schön, der Garten angenehm, auch veranstaltet uns der Himmel manchen prächtigen Sonnenuntergang- aber was ist eine Gegend, sei sie noch so schön, ohne Freunde, die unsre Freuden mit geniessen? nichts als ein Rahm ohne Gemälde: wir sehen nur die Veranlassung, die uns vergnügen könnte. So lebe ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir Besuche und erwidern sie – und so leben wir im ganzen nicht unangenehm. Wenn nur das ewige Einerlei nicht wäre!
Mein beständiger Gesellschafter ist William Lovell, der lebhafte, muntre Jüngling, den Du im vorigen Jahre einigemal in London sahst, er ist zum Besuche seines Busenfreundes Eduard Burton hier. William ist ein vortrefflicher junger Mann, der mir noch viel teurer sein würde, wenn er nur einmal erst neben mir festen Fuss fassen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler steht mit dem Äter und allen himmlischen Lüften in so gutem Vernehmen, als er; oft fliegt er mir so weit aus den Augen, dass ich ganz im Ernste an den armen Ikarus denke – mit einem Wort: er ist ein Schwärmer. – Wenn ein solches Wesen einst fühlt, wie die Kraft seiner Fittige erlahmt, wie die Luft unter ihm nachgibt, der er sich vertraute – so lässt er sich blindlings herunterfallen, seine Flügel werden zerknickt, und er muss nachher in Ewigkeit kriechen.
Es mag an feuchten Abenden, besonders für einen Mann im amt, recht angenehm sein, einen weiten warmen Mantel zu tragen – aber wenn man ihn nie ablegen sollte, wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen müsste, so möchte ich dafür lieber beständig in meinem schlichten Fracke gehen. Der Trank der Hippokrene mag ein ganz gutes wasser sein, aber sich damit den Magen zu erkälten und ein Fieber zu bekommen, kann doch so etwas besonders Angenehmes nicht sein. Es gibt aber Leute, die sich für die entgegengesetzte Meinung totschiessen liessen; und unter diesen steht William wahrhaftig nicht im letzten Gliede. Wir haben sehr oft unsre kleinen Disputen darüber, und was das schlimmste ist, so werde ich jedesmal aus dem feld geschlagen; aber ganz natürlich, denn wenn ich etwa nur Lust habe, mit leichter Reiterei zu scharmutzieren, so schiesst er mir mit Vierundzwanzigpfündern unter meine besten Truppen: wenn sich zuweilen nur ein paar Husaren von witzigen Einfällen an ihn machen wollen, so schleppt er mit einem Male einen ganzen Train schwerer Allgemeinsätze herbei, als: lachen sei nicht der Zweck des Lebens, unaufhörliche Lustigkeit setze einen Mangel aller feinern Empfindung voraus, u.s.w. Oder er zieht sich unter die Kanonen seiner Festung, seufzt und antwortet gar nicht.
Du wirst gewiss fragen: was den unbefangenen, leichterzigen William zu einem so schwermütigen Träumer gemacht habe? – Ich will Dir die Ursache entdecken, ob er gleich gegen sich selbst geheim damit tut – er ist verliebt!