erfahren, dass der neue englische Doktor schon den alten gestürzt – dem Pfarrsohn in St. Lüne zum Regierratposten verholfen – und dass grosse Änderungen in allen Departements bevorstehen. Das unter die Hof-Kellerei, – Schlächterei, – Fischmeisterei, – Kastellanei und – Dienerei verteilte Treffen würde mir mitbringen, dass der Fürst dem Doktor nicht auf die Finger, sondern auf die Achsel geklopfet dass er ihm vorgestern sein Bilderkabinett eigenhändig gezeigt und das beste Stück daraus geschenkt – dass er in der Komödie mit ihm aus der Hauptloge herausgesehen – dass er ihm eine steinreiche Dose geschenkt (die gewöhnliche Regenten-Bürgerkrone und deren Friedenpfeife, als wenn wir Grönländer wären, die sich nichts lieber schenken lassen als Schnupftabak) und dass sie miteinander auf Reisen gehen werden. – Zwei der allerfeinsten und stiftfähigsten Leser, die ich aus diesen Kolonnen ausgeschossen, und wovon ich den einen ins Paulinum an die Fürstin, den andern zum wirklichen Minister abgefertigt hätte, würden mir wenigstens die Neuigkeit rapportieren, dass Fürst und Doktor miteinander bei beiden gewesen, und dass beide den Helden für einen sonderbaren scheuen schweigenden Briten, der alles dem Vater verdanke, angesehen hätten – – –
Aber die letzte Neuigkeit, die mir die Leser erzählt haben, können sie ja unmöglich wissen, und ich will sie ihnen selber erzählen.
– Eh' ich das vortrage, klär' ichs nur noch mit drei Worten auf, warum Viktor so hurtig stieg. Es kann Evangelisten Mattieu unter meinen Lesern geben, die dieses schnelle Steigen wie das des Barometers für das Zeichen eines frühen Fallens nehmen – welche sagen, Lorbeere und Salat, den man in 24 Stunden durch Spiritus auf einem Tuche zum Reifen nötigt, welken ebensobald wieder ab – ja die sogar spassen und das fürstliche Gedärm mit seinem Äter für eine fisch-Schwimmblase meines Helden ausgeben, der nur durch ihr Füllen stieg. – – Berghauptmänner lachen solche Leser aus und halten ihnen vor: dass die Menschen, besonders die Residenten auf Tronen, einen neuen Arzt für ein neues Spezifikum ansehen – dass sie einem neuen am meisten gehorchen – dass Sebastian das erstemal sich gegen jeden am feinsten betrug, hingegen bei alten Bekannten ohne Not nichts Witziges sagte – dass Jenner jeden liebte, den er zu durchschauen vermochte, und dass er glücklicherweise meinen Helden bloss für einen heitern Lebelustigen erkannte und um seinen Kopf keine Bosische Beatifikationt45 bemerkte, die nach Phosphor stinkt und schmerzliche Funken auswirft – dass Viktor nicht wie Le Baut ein Scherbengewächs in einer Krone war, sondern eine darüber erhöhte, im Freien hängende Hyazinte – dass er heiter war und heiter machte – und dass ein anderer Berghauptmann mit seinen Lesern gar nicht so viel Umstände gemacht haben würde als ich. Er hätte ihnen bloss den Hauptumstand gesagt, dass der Fürst an Viktor eine bezaubernde Ähnlichkeit mit seinem fünften (auf den sieben Inseln verlornen) Sohn, dem Monsieur, im Scherzen und Betragen gefunden und liebgewonnen hätte, und dass er diese Bemerkung schon in London, obgleich Viktor fünf Jahre jünger als jener war, gemacht.
Jenner wollte selber seinen Liebling jedem vorstellen, also auch der Fürstin. Die Philosophen haben es zu erklären, warum Sebastian sich nicht eher, als bis er neben dem fürstlichen Eheherrn auf dem Kutschkissen sass, auf das tolle verliebte Streifchen Papier besann, das er in Kussewitz über den Imperator der montre à regulateur aufgeklebt und der Fürstin zum Kaufe dareingegeben hatte. Er fuhr zusammen und hielts für unmöglich, dass er ein solcher Narr sein können. Aber einem Menschen ist so etwas leicht. Seine Phantasie warf auf jede Gegenwart, auf jeden Einfall so viel Brennpunkt-Lichter aus tausend Spiegeln zurück und zog um die Zukunft, die darüber hinauslag, so viel gefärbten Schatten und blauen Dunst herum, dass er ordentlich erschrak, wenn ihm eine närrische Handlung einfiel; denn er wusste, wenn er sie noch zehnmal zurückgewiesen und noch dreissigmal übersonnen hätte, dass er sie dann – begehen würde. – Da beide vor die Fürstin traten: so war Viktor in jener angenehmen Verfassung, welche Informatoren und jungen Gelehrten nichts Neues ist, die ihnen die Glieder verknöchert und das Herz zersetzt und die Zunge versteinert- nicht die Gewissheit, dass Agnola (so hiess die Fürstin) jenes Uhr-Inserat gelesen habe, machte ihn so verlegen, sondern die Ungewissheit. In der Angst dachte er gar nicht daran, dass sie ja seine Handschrift und den Autor des Schnitzchens nicht einmal kenne; und denkt man auch in der Angst daran, so geht sie doch nicht weg.
– Aber alles war zugleich über, unter, wider seine Erwartung. Die Fürstin hatte das empfindsame Gesicht mit der Reisekleidung weggelegt und ein festes feines Galagesicht dafür aufgetragen. Der gekrönte Ehevogt Jenner wurde von ihr mit so viel warmem Anstand empfangen, als wär' er sein eigner – Ambassadeur vom ersten Range. Denn Jenner, dessen Herzscheibe sich am elektrisierenden Kissen einer schönen Wange oder eines Busentuchs voll Funken lud, hatte eben deswegen gegen Agnola, mit der er bloss der Politik wegen die Konkordaten der Ehe abgeschlossen, alle Wärme seines Monatnamens. Gegen Viktor, den Sohn ihres Erbfeindes, den Nachfahrer des Hausdiebes der fürstlichen Gunst, hegte sie, wie leicht zu erachten, wahre – Zärtlichkeit. Unser armer Held betroffen über Jenners Kälte, für die er sich von der Gemahlin eben keine sonderliche Wärme gegen sich selber versprach – betrug sich so ernstaft wie der ältere und jüngere Kato zugleich. Er dankte Gott (und ich selber), dass er fortkam.
Aber unter dem ganzen