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weil doch der Magen das grösste deutsche Glied ist? Wenn der Grieche unter lauter Statuen grosser Männer wohnte und dadurch auch einer wurde: so würde der Wiener, wenn er die grössten Köpfe immer vor Augen und auf dem Teller hätte, in Entusiasmus geraten und wetteifern, um sich und sein Gesicht auch auf Pfeffer- und andern Kuchen, Pasteten und Krapfen zu schwingen. Meusels gelehrtes Deutschland wäre in Backwerk nachzudrukkenman könnte grosse Helden auf Kommissbrot nachbosseln, um die gemeine Soldateska in Feuer zu setzen und in Hunger nach Ruhmgrosse Dichter würde' ich auf Brautkuchen abreissen in eingelegtem Bildwerk, und Heraldiker von Genie auf Haferbrotvon Autoren für Weiber wären süsse Dosenstücke in Zuckerwerk zu entwerfen. – Geschähe das, so würden Köpfe wie Hamann oder Liscow allgemeiner von den Deutschen geschmeckt in solcher Einkleidung; und mancher Gelehrte, der kein Brot zu essen hätte, würde eines doch verzieren; und man hätte ausser dem papiernen Adel noch einen gebacknen." – – Was mich anlangt, der ich mein Gesicht bisher noch nirgends gewahr wurde als im Rasierspiegel: so soll man mich damitdenn in Westfalen bin ich am wenigsten bekanntauf Pumpernickel pappen. – –

Jetzt wieder zur geschichte! Ein langer kraushaariger Mensch steht in der Nacht vor dem bunten haus des Apotekers Zeusel, guckt zum dritten erleuchteten Stockwerk, in das er zieht, empor und macht endlich statt der hölzernen Tür die gläserne der Apoteke auf. O mein guter Sebastian! Segen sei mit deinem Einzug! Ein guter Engel gebe dir seine Hand, um dich über sumpfige Wege und Fussangeln zu heben; und wenn du dir eine Wunde gefallen, so weh' er sie mit seinem Flügel an, und ein guter Mensch decke sie mit seinem Herzen zu! –

In der wie ein Tanzsaal flammenden Apoteke bat sich einer der fettesten Hoflakaien von einem der magersten Provisoren noch einen Manipel und einen kleinen Pugillum Moxa für Seine Durchlaucht aus. Der magere Mann nahm aber hinter seiner Waage eine halboffne Hand voll Moxa und noch vier Fingerspitzen vollda doch ein kleiner Pugillus nur drei Fingerspitzen beträgtund schickte alles den Füssen des Fürsten zu: "Wenn wir das gar verbrannt haben," – sagt' er und wies auf die Moxa – "so wird Seine Durchlaucht schon ein Podagra haben, so gut als eines im land ist."

Die Ursache, warum der Provisor mehr gab, als rezeptieret war, ist, weil er auch seinen Kirchenstuhl im Tempel des Nachruhms haben wollte; daher überdachte er erstlich ein fremdes Rezept so lange, bis er es genehmigte, und wog zweitens immer 1/11, 1/17 Skrupel zu viel oder zu wenig zu, um dem Doktor die Bürgerkrone der Heilung vom Kopf zu nehmen und auf seinen zu setzen: "Bloss mit der Gabe muss ich meine Kuren tun", sagte er. Viktor gönnte ihm den Irrsal: "Ein Provisor," sagte er, "der den ganzen Flügel der Wiedergenesenden anführt und dem Doktor bloss den Nachtrab der Leichen zuteilt, hat für dieses Kurzleben schon Lorbeerkränze genug unter der Gehirnschale."

Der Apoteker Zeusel hat Welt genug, um den Mietmann nicht durch ein aufgenötigtes EmpfangsEssen zu beschweren, und sagte ihm bloss den Zeitungartikel aus dem mündlichen morning chronicle der Stadt, dass der Fürst das Podagra weniger habe als suche und fixiere. Auch gab er ihm den italienischen Bedienten, den der Lord für ihn gemietet hatte, und das Zimmer.

Und darin sitzt Sebastian jetzt auf der Fensterbrüstung allein und denktohne blick auf Schönheiten der stube und der Aussichternstaft nach, was er denn eigentlich hier vorhabe morgen und übermorgen und länger: "Morgen zünd' ich sonach los" (sagt' er und drehte die Quaste der Fensterschnur) – "ich und das Podagra sollen uns festsetzen beim FürstenArg ist es, wenn ein Mensch die gichtische Materie eines Regenten als wasser braucht, um seine Mühle zu treibenein Herz-Polype, eine Kopf-Wassersucht sollte mich weniger ärgern als Hofmann, beides wären anständige Gnadenmittel und Flossfedern zum Steigen. – Nein, ich bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gehe gleich anfangs nicht nach, damit sie's nicht anders wissen. – Nicht einmal ans Kantonieren und Ankern im Vorzimmer ist zu denken." (Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon die Freilassung von der ängstlichen Hofordnung einbedungen.) – "Ach ihr schönen Frühlingjahre! ihr seid nun über mich weggeflattert und mit euch die Ruhe und der Scherz und die Wissenschaften und die Aufrichtigkeit und lauter ähnliche gute Herzen." – (Er wirbelte die Quastenschnur plötzlich kürzer hinauf.) "Aber du guter Vater, du hast solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durchstreifest die Erde und gibst deine Tage preis für das Glück der Menschen. – Nein, dein Sohn soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und nicht verbitterner soll sich hier gescheit genug aufführenund wenn du dann wiederkommst und hier am hof einen gehorsamen, einen begünstigten und doch unverdorbnen Sohn antriffst...." Als der Sohn gar dachte, dass er, wenn er so in gerader Aufsteigung am hof kulminierte, gewinnen könnte das Herz der Kaplanei, das Herz von Le Baut, das seines Vaters, das seiner sämtlichen Verwandten und (dachte' er anders daran) auch das von Klotilde: so hatte' er die abgedrehte Quaste wie eine Tuberose in seiner Hand.... und daher legt' er sich still