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man schon die Turmspitzen der Stadt; die Sonne, dieses erwählte Drehkreuz der Begleitung, goss aus ihrer Vertiefung über die SchattenBeete der Täler ihre goldführenden Purpurflüsse. Oben, als sie verging, nahm Viktor die zwei Eheleute in den Arm und sagte: "O macht euch so glücklich wie mich und kommt froh nach Haus!" – und dann nahm er die Schwestern an sein trunknes Herz und sagte: "Gute, gute Nacht, ich bin euch gut" – und dann sah er alle mit ihren verborgnen Seufzern und Tropfen rückwärts gehenund dann rief er: "Wahrlich, ich komme bald wieder, es ist ja nur ein Sprung daher" – und dann schrie er nach: "Ich bin des Teufels, wenn wir getrennt sind" – und dann zog ihnen sein schweres Auge durch alle Zweige und Tiefen nach, und erst als der liebende Verein ins letzte Tal wie in ein Grab gesunken war, hüllte er sich die Augen zu und dachte an die unaufhörlichen Trennungen des Menschen....

Endlich öffnete er seine Augen gegen die ausgebreitete überwölkte Stadt und dachte: "Zwischen dieser erhobnen Arbeit, in die sich die Menschen mit ihrem kleinen Leben nisten, sperren sich auch deine kleinen Tage eindieses ist die verhüllte Geburtstätte deiner künftigen Tränen, deiner künftigen Entzükkungenach mit welchem Auge werde' ich nach Jahren wieder über diese Nebel-Gehäuse schauenund.. ein Narr bin ich, sind denn 2300 Häuser nur meinetwegen?" Nachschrift. Diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptmann ordentlich am Ende des Junius abgeschlossen.

Vierter Schalttag und Vorrede

zum zweiten Heftlein

Ich will Schalttag und Vorrede zusammenschweissen. Es muss daherwenn es nicht Spielerei mit der Vorrede sein sollhier doch einigermassen der zweite teil berührt werden. Es verdient von Kunstrichtern bemerkt zu werden, dass ein Autor, der anfangs acht weisse Papierseiten zu seinem Gebiete vor sich hatso wie nach Strabo das Territorium Roms acht Stunden gross war –, nach und nach so weit fortrückt und das durchstreifte Papier mit so viel griechischen Kolonistendenn das sind unsere deutschen Buchstabenbevölkert, bis er oft ein ganzes Alphabet durchzogen und angebauet hat. Dies setzt ihn instand, den zweiten teil anzufangen. Mein zweiter ist, wie ich gewiss weiss, viel besser als der erste, wiewohl er doch zehnmal schlechter ist als der dritte. Ich werde hinlänglich belohnt sein, wenn mein Werk der Anlass ist, dass eine Rezension mehr in der Welt gemacht wird; und ich wüsste nichtswenn es nicht eben dieser Gedanke wäre, dass Bücher geschrieben werden müssen, damit die gelehrten Anzeigen derselben fortdauern können –, was einen Autor zur unsäglichen Mühe antreiben könnte, den ganzen Tag am Dintenfass zu stehen und ganze Pfunde Konzeptadern in Berlinerblau zu färben... Und dieser kühle ernste hocus pocus von Vorredeein! Ausdruck, den Tillotson für eine Verkürzung von der katolischen Formel 'hoc est corpus' hältsei für gute Rezensenten auf Universitäten genug.

Ich wende mich wieder zu dem, was ich eigentlich damit haben wollte. Ich bin nämlich gesonnen, die Extrablättchen und Nebenschösslinge, womit die Schalttage vollzumachen sind, in alphabetischer Ordnungweil Unordnung mein Tod istnicht nur anzukündigen, sondern auch hier schon anzufangen und fortzusetzen bis zum Buchstaben I. Schalt- und Nebenschösslinge, alphabetisch geordnet

A

Alter der Weiber. Lombardus (L. 4. Sent. dist. 4.) und der heilige Augustin (l. 22. de civit. c. 15.) erweisen, dass wir alle in dem Alter von den Toten auferstehen, worin Christus auferstand, nämlich im 32sten Jahre und dritten monat. Mitin wird, da im ganzen Himmel kein Vierziger zu haben ist, ein Kind so alt sein wie Nestor, nämlich 32 Jahre und drei Monate. Wer das weiss, schätzet die schöne Bescheidenheit der Weiber hoch, die sich nach dem 30sten Jahre wie Reliquien für älter ausgeben, als sie sind; denn es wäre genug, wenn sich eine Vierzigerin, Achtundvierzigerin so alt machte wie guter Rheinwein oder höchstens wie Metusalem; aber sie glaubt bescheidener zu sein, wenn sie sich, so sehr ihr Gesicht auch widerspricht, schon das hohe Alter zuschreibt, das sie erst, wenn ihr Gesicht einige tausend Jahre in der Erde gelegen ist, haben kann, nämlich32 Jahre und drei Monate. Schon ein Dummer sieht ein, dass sie nur das künftige Aufersteh- und kein Erdenalter meine, weil sie von diesem Stand-Jahre nicht wegrückt, welches eben in der Ewigkeit, wo kein Mensch eine Stunde älter werden kann, etwas Alltägliches ist. Diese Einheit der Zeit bringen sie in das Intrigenstück ihres Lebens darum schon im 30sten Jahr hinein, weil nach diesem in Paris keine Frau mehr öffentlich tanzen und (nach Helvetius) kein Genie mehr meisterhaft schreiben kann. Auf das letzte rechnete man vielleicht sonst in Jerusalem, wo jeder erst nach dem 30sten Jahr ein Lehramt bekam.

B

Basedowische schulen. Basedow schlägt in seiner Philaletie vor, 30 unerzogene Kinder in einen Garten einzuzäunen, sie ihrer eignen entwicklung zu überlassen und ihnen nur stumme Diener, die nicht einmal Menschen-Kleidung hätten, zuzugehen und es dann zu Protokoll zu bringen, was dabei herauskäme. Die Philosophen sehen vor lauter Möglichkeit die Wirklichkeit nicht: sonst hätte Basedow bemerken müssen, dass unsre Landschulen solche Gärten sind, in denen die Philosophie den Versuch machen will, was aus Menschen, wenn sie durchaus alle