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vorgeschlagenen Kriegsoperationen von solchem Wert zu greifen, dass der Mann mit dem amt der kammerherrlichen Schlüssel endlich trotz seinen Befürchtungen und trotz den schlimmsten Aussichtenverlor. Alle Anwesende errieten alle Anwesende, wie Fürsten einander in ihren öffentlichenKomödienzetteln.

Er hatte endlich die Abschiedaudienz, aber geringen Trost. Die Gestalt, unter der alle seine Schönheitideale nur als Schildhalter und Karyatiden standen, war noch kälter als bei dem Empfange und immer bloss das Echo der elterlichen Höflichkeit. Das einzige, was ihn noch aufrecht erhielt und beruhigte, war eineDistel, nämlich eine optische, auf den musivischen Fussboden gesäete. Er nahm nämlich wahr, dass Klotilde diesem Blumenstück, das sie doch kennen musste, unter dem Abschiede mit dem fuss auswich, als wär' es das Urbild. Abends macht' er seine Schlussketten, wie sie auf Universitäten gelehret werdendieser Vexierdistel impfte er alle Rosen seines Schicksals ein – "zerstreut war sie doch, und weswegen? frag' ich", sagt' er ins Kopfkissen hinein – "denn erraten haben sie mich drüben ohnehin noch nicht", behauptete er, indem er sich aufs zweite Kopfkissen legte – "o du holdes Auge, das auf die Distel sank, geh in meinem Schlafe wieder auf und sei der Mond meiner Träume", sagte er, da er schon halb in beiden war. – Er glaubte bloss aus Bescheidenheit, er werde nicht erraten, weil er sich nicht für merkwürdig genug ansah, um bemerkt zu werden. –

Der 20. August 179* war der grosse Tag, wo er abmarschierte so nach Flachsenfingen: Flamin war schon um vier Uhr abends fortgetrabt, um keinen Abschied zu nehmen, welches er hasste. Aber unser Viktor nahm gern Abschied und zitterte gern im letzten Verstummen der Trennung: "O ihr dürftigen egoistischen Menschen!" (sagt' er) "dieses Polarleben ist ohnehin so kahl und kalt, wir stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit dem Herzen etwas Besseres zu bewegen als unser Blut- bloss ein paar glühende Augenblicke zischen und erlöschen auf dem Eisfeld des Lebenswarum meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltäglichkeit zieht, und was euch erinnert, wie man liebt – – Nein! und wenn ich zugrunde ginge, und wenn ich mich nachher nicht mehr trösten könnte: so drückte ich mich mit dem unbedeckten Herzen und mit dem Bluten aller Wunden und zerrinnend und erliegend an den geliebten Menschen, der mich verlassen müsste, und sagte doch: es tut mir wohl!"- Kalte selbsüchtige und bequeme Personen vermeiden das Abschiednehmen so wie unpoetische von zu heftigen Empfindungen; weibliche hingegen, die sich alle Schmerzen durch Sprechen, und poetische, die sich alle durch Phantasieren mildern, suchen es.

Um sechs Uhr abendsdenn es war nur ein Sprung nach Flachsenfingen –, als das Vieh wiederkam, ging er fort, begleitet von der ganzen Familie. An seinen glücklichern Armmeiner muss sich bloss zum Besten der Wissenschaften bewegenwar die Britin und an den linken Agate angeöhrt; an die Schwester hatte sich der arme Hauspudel geschnallet (Apollonia), welcher gleich wohl dachte, er berühre und geniesse trotz dem schwesterlichen Einschiebsel und Zwischengeist den Doktor. So fahren die Funken der Liebe, wie die elektrische und magnetische Materie, durch das Mittel von zwanzig dazwischengestellten Leibern hindurch. Ein Philosoph, der sich hinsetzt und erwägt, dass unsre Finger im grund der geliebten Seele nicht um einen Daumen näher kommen, es mag zwischen ihnen und ihr bloss die Gehirnkugel oder gar die Erdkugel liegen, wird allezeit sagen: "Ganz natürlich!" Daraus erklärt dieser sitzende Philosoph, warum die Mädchen die männlichen Verwandten ihres Geliebten halb mitliebenwarum der Rohrstuhl Shakespeares, die Kleiderkommode Friedrichs II., die Stutzperücke Rousseaus unser sehnendes Herz befriedigen. – –

Aber niemand wollte, den Weisel dieses Vorschwarms ausgenommen, wieder zurück. "Nur noch an die sechs Bäume", sagte Agate. Als man an diese Grenzpfähle und Lochbäume der heutigen Lust gekommen war, waren deren sieben, und man behauptete allgemein, sie wären nicht gemeint und es ginge weiter. Der Begleitete wird gewöhnlich immer ängstlicher und der Begleiter immer froher, je längeres währt. "Doch bis zu jenem Ackermann!" sagte die scharfsehende Britin. Aber endlich merkte unser Held, dass diese Herkules-Säule ihrer Reise selber gehe, und dass der Ackermann nur ein Wandermann sei. "Das beste ist," – sagt' er und kehrte sich um – "ich kehre mich um und reise erst morgen." Der Kaplan sagte: "Bis ans alte Schloss" (d.h. es war noch eine Mauer davon da) "geh' ich ohnehin gewöhnlich abends!" –Allein über diese Grenzfestung des schönsten Abends rückte die plaudernde Marschsäule betrügerisch hinaus, und die Augen wurden über die Ohren vergessen. Da sonach bei diesen Grenzstreitigkeiten ein Hauptartikel nach dem andern durch Separatartikel gebrochen wurde: so war wahrhaftig weiter nichts zu machenals folgender Versuch. "Hieher wollt' ich Sie nur haben" (sagte Viktor) – "jetzt müssen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apoteker übernachten." – "In der Tat," sagte die Kaplänin kalt, "bis zu Sonnenuntergang wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schönen Sonne den rücken wenden?" Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezündet auf der Sonneauf den Wolkenauf der Erdeauf dem wasser.

Auf dem Hügel sah