auf den Stirnmesser Lavaters bauen als auf den Herz- und Wärmemesser eines Liebe suchenden Menschen, der seine Auslegungen mit seinen Beobachtungen vermengt und Zufälle mit Absichten. Sein Feuermesser kann aber auch recht haben; denn gegen gute Menschen ist man im Beisein der schlimmen (man bedenke nur Matzen) wärmer als sonst.
Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau Le Baut nicht, dass sie meinem Helden zum Glücke gratulierten, an einen solchen Hof, zu einem solchen Fürsten – es ist der grösste in Deutschland, sagte er –, zu einer solchen Fürstin – sie ist die beste in Deutschland, sagte sie – abzureisen. Matz lächelte zwischen Ja und Nein. Der Alte setzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktor sah mit Verachtung, wie wenig zwei solchen Seelen, die die Tronstufen für eine Wesenleiter und den Tron-Eisberg für einen Olymp und ein Empyreum hielten, und die nirgends als an dieser Höhe ihr Glück zu machen wussten, bessere Begriffe vom Glück und schlechtere von der Höhe beizubringen wären. Gleichwohl musst' er vor Klotilden, die auf ihrem gesicht mehr als ein Nein gegen die Lobrede hatte, offenbaren, dass er ebenso edel verneine wie sie. Er knetete also Lob und Tadel nach einer horazischen Mischung untereinander, um weder satirische noch schmeichlerische Anspielungen auf zwei abgedankte Hofleute zu machen: "Mir gefällts nicht," sagt' er, "dass es da nur Vergnügungen und keine arbeiten gibt – lauter Konfektkörbchen und keinen einzigen Arbeitbeutel, geschweige einen Arbeittisch wie dieser da." "Glauben Sie," fragte Klotilde mit auffallender Innigkeit, "dass alle Hoffeste einen einzigen Hofdienst bezahlen?" – "Nein," sagt' er, "denn für die Feste selber sollte man bezahlet werden – ich behaupte, es gibt dort lauter Arbeit und kein Vergnügen – alle ihre Lustbarkeiten sind nur, die Beleuchtung, die Zwischenmusik und die Dekorationen, die dem Schauspieler, der an seine Rolle denkt, weniger gefallen als dem Zuschauer." – "Es ist allemal gut, dagewesen zu sein", sagte die Alte. – "Gewiss;" (sagte er) "denn es ist gut, nicht immer dazubleiben." – "Aber es gibt Personen," (sagte Klotilde) "die dort ihr Glück nicht machen können, bloss weil sie nicht gern dort sind." Das war sehr fein und schonend; aber bloss für Viktors Herz verständlich: "Einem schönen Schwärmer" (sagt' er und fragte wie allemal nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen Viktors Leben und Viktors Meinungen nichts) "oder einem feurigen Dichter würde' ich raten, zu haus zu bleiben – beider Flug statt der Pas wäre im Hofleben, was ein Hexameter in der Prose ist, den die Kunstrichter nicht leiden können – und zur Seele mit dem weichsten gefühlvollsten Herzen würde' ich sagen: entfliehe damit, das Herz wird dort als Überbein genommen, wie in der sechsfingerigen Familie in Anjou der sechste Finger.".... Die Alte schüttelte den Kopf schnell links. "Und doch", fuhr er fort, "würde' ich sie alle drei auf einen monat an den Hof ziehen und sie unglücklich machen, um sie weise zu machen." Die Kammerherrschaft konnte sich in Viktor nicht so gut wie mein Leser schicken, der zu meinem grössten Vergnügen Laune und das Talent, alle Seiten einer Sache zu beschauen, so geschickt von Schmeichelei und Skeptizismus unterscheidet. Klotilde hatte langsam den Kopf zum letzten Satze geschüttelt. Überhaupt stritten heute alle für und wider ihn in jenem teilnehmenden Tone, den Weiber und Verwandte allemal gegen einen Fremden annehmen, wenn sie eine Stunde vorher den nämlichen Prozess, aber zu praktischer Anwendung, mit den Ihrigen geführt hatten.
Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zu werden, ging endlich dahin, wohin er bisher so oft geschauet hatte – zum Schach, das man mit der grössten Begierde, zu – verlieren, spielte. Der Kammerherr – wir wissen alle, wie er war: er schrieb nichts als Belobschreiben für die ganze Welt, und der Abendmahlkelch wäre mehr für seinen Geschmack gewesen, hätt' er daraus auf eines wichtigen Mannes Gesundheit toasten können – dieser beförderte, so gut er konnte, mit den dürren Schachstatuen bloss das fremde Wohl auf Kosten des eignen: gern verlor er, falls nur Mattieu gewann. Noch dazu glich er jenen verschämten Seelen, die ihre Wohltaten gern verborgen geben, und er konnte' es nicht über sich erhalten, es seinem SchachGegner zu sagen, dass er ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast grössere Mühe, sich zu verbergen wie ein Hofmann, als sich selber zu besiegen wie ein Christ. Eine solche Liebe hätte, wie es scheint, wärmer vergolten werden sollen als durch offenbare Bosheit; aber Matz hatte das nämliche vor und wich dem Siege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrer Spitzbube aus. Le Baut ersann sich vergeblich die besten Züge, womit man sich selber matt macht – Matz setzte noch bessere entgegen und drohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alle dauert der auf dem Schachboden herumgehetzte Kammerherr, der wie eine Kokette besorgt, nicht besiegt zu werden. Es war für ein weiches Auge, das doch dem Schwachen lieber als dem Schelm vergibt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat unter tausend Entschuldigungen gegen den Schwachen und voll Bosheit gegen den Boshaften in die Heckjagd ein und nötigte den Hofjunker, seinen Rat und seine Karitativsubsidien anzunehmen und zu