sprang, ohne sich noch einmal zu überwaschen, Viktor auf und packte sogleich den Stiefelknecht ein und riss die Hangriemen der Kleider entzwei und bestellte Messhelfer, damit sie seinen Lebens-Ballast – ausschifften (wegen seiner elenden Packerei) und dann einschifften. Denn er überliess die ganze Kuratel des Gerümpels unserer kleinlichen Lebensgerätschaften immer fremden Händen, und das mit einer solchen Verachtung dieses Gerümpels und mit einer solchen sorglosen Verschwendung – ich werde zwar meinen Helden nie verleumden; aber es ist doch durch den Spitz erwiesen, dass er nie das Kurrentgeld eines versilberten Goldstücks kollationierte und nie einem Juden, Römer und Herrnhuter etwas im Handel abbrach so sehr, sag' ich, dass die ganze weibliche Hanse in St. Lüne schrie: ei der Narr! und dass die Kaplänin sich immer an seine Stelle auf den Handelplatz einschob. Er war aber nicht zu bessern, weil er die Lebensreise und also den Reisebündel mit so philosophischen Augen verkleinerte, und weil er vor nichts so errötete als vor jedem Scheine des Eigennutzes: er lief vor allen Anstalten, Vorreitern und Probekomödien davon, wenn sie seinetwegen auftraten – er schämte sich jeder Freude, die nicht wenigstens in zwei Bissen, in einen für einen Mitesser, zu teilen war – er sagte, die Stirne eines Hospodars müsste die Härte seiner Krone angenommen haben, weils sonst ein solcher Mensch unmöglich ertrüge, was oft bloss seinetwegen gemacht würde von einem ganzen land, die Musik – die Ehrenbogen – die Carmina – das Freudengeschrei in Prose und die entsetzlichen Kanonaden. – –
Er hatte jetzt in St. Lüne nichts mehr abzutun als eine blosse platte – Höflichkeit; denn so viel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, dass ein Held, den ich zu meinem erkiese, schon hoffentlich so viel Lebensart habe, dass er hingeht zum Kammerherrn Le Baut und sagt: à rèvoir! – An solche Staatsvisiten muss er sich ohnehin jetzt gewöhnen.
Matz sass auch drüben, dieser mit struppichten abgezauseten hängenden Flügeln hingeworfene Amor der Kammerherrin – letzte scherzte über die eitlen Blicke mit ihm, die den nachlassenden Puls seiner Liebe bekannten – Le Baut spielte Schach mit Matzen – Klotilde sass an ihrem Arbeittischchen voll seidner Blumen, mitten unter diesen edlen Drillingen.... Ihr armen Töchter! was für Leute müsset ihr nicht oft bewillkommen und aushören! – Doch für Klotilde war dieser Hausfreund nichts als eine ausgepolsterte Mumie, und sie wusste nicht, kam er oder ging er.
Sebastian wurde als Adoptivsohn des Glücks, als Erbe des väterlichen Günstling-Postens, heute von der Kammerherrschaft ungemein verbindlich empfangen. Wahrhaftig, wenn der Hofmann Unglückliche flieht, weil ihm das Mitleiden zu heftig zusetzt, so drängt er sich gern um glückliche, weil er Mitfreude geniessen will. Der Kammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, der in seinem Sturze vom Tron mitten in der Luft hing, bückte sich natürlicherweise vor dem noch tiefer nieder, der in der entgegengesetzten Fahrt begriffen war.
Viktor stellte sich zu den Weibern, aber mit einem aufs Schachbrett irrenden Auge, um, wenn er verlegen wäre, sogleich einen Vorwand der veränderten Aufmerksamkeit oder des Wegtretens bei der Hand zu haben. Es war gescheit; denn jedes Wort, das er und die Weiber sprachen, war ein Schachzug; er musste gegen die Le Baut – was wusste diese, dass einer Mutter nichts schöner stehe als eine vollkommene Tochter? – d.h. gegen die Stiefmutter seine Kälte und gegen die Stieftochter seine Wärme verdecken. Der Leser frage nicht: was konnte denn die alte Stiefmutter für Wärme begehren? Denn in den höhern Ständen werden die Ansprüche durch Blutverwandtschaft und Alter nicht geändert – bloss in den niedern werden sie es –; daher befürcht' ich allemal, das, was ich der Tochter vortrage, langweile die Mutter, und ich fange mit Recht, wenn diese kommt, nach einem bessern Redefaden. – Viktor verbarg seine Kälte leicht aus jener Menschenliebe, die bei ihm so oft in zu guterzige Schmeichelei unmoralischer Hoffnungen ausartete; und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sie verlieben, so sagte er: "Ich kann doch wahrlich zum guten Lämmchen nicht sagen: ich mag nicht." – Die Wärme gegen Klotilde verbarg er – schlecht, nicht weil sie zu stark, sondern gerade weil sie es noch nicht genug war. Es ist natürlich: ein Jüngling von Erziehung kann, wenn er will, seine erwiderte Liebe ohne Kanzelabkündigung verhüllen und verschweigen, aber eine unerwiderte, eine, die er selber bloss erst achtung nennt, lässt er aus sich ohne Hüllen lodern. – übrigens bitte' ich die Welt, sich hinzusetzen und zu bedenken, dass mein Held nicht den Teufel im leib oder sechzehn Jahre habe, sondern dass er unmöglich eine Liebe für eine person empfinden könne, die über ihre Gesinnungen wie über ihre Reize eine Mosis-Decke hängt. Liebe beginnt und steigt durchaus nur an der Gegenliebe und mit ihrem wechselseitigen Erraten. achtung hat er bloss, aber recht viele, aber eine recht wachsende und bange, kurz seine achtung ist jener kalte hüpfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Wärme oft nach Jahren – die Metapher ist aus einem Ei geschlagen – wachsendes Leben und Amors Flügel zuteilt.
Er untersuchte jetzt am Arbeittisch Klotildens Wärme mit dem Feuermesser; aber ich kann weiter nicht ausser mir vor Freude sein, dass er die Wärme an der ins kleinste abgeteilten Skala wenigstens um 1/111, Linie gestiegen fand. Denn er schiesset wohl fehl; ich will lieber