ein Fuss. Die feurigsten nächtlichen Hexentänze der Mäuse untersagte der Kaplan mit seinem Fuss, damit sie den Gast nicht aufweckten; er tat nämlich damit an das untere Bettbrett von Zeit zu Zeit einen mässigen Kanonen-Stoss, der um so mehr ins Hörrohr der Tänzer einknallte, da er schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Rösselsprung der Ratten zog er nur mit einem Schlegel zu feld, womit er, wie ein Jüngster Tag in ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloss ein- oder zweimal auf eine ans Bettuch gestellte Trommel puffte.
Mattieu war unsichtbar und feierte, da Höflinge
den Fürsten alles nachäffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus FeuerwerkerDüten fuhr, das Vivat, das aus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man dabei machte, waren, denke' ich, so ansehnlich, dass der grösste Fürst sich nicht schämen durfte, damit seine Vermählung und – Langweile anzuzeigen. – Die Kälte hat ewig ein Sprachrohr und die Empfindung ein Hörrohr. Die Ankunft einer ungeliebten fürstlichen Leiche oder dergleichen Braut hört man an den Polarzirkeln; hingegen wenn wir Niedere unsre Gräber oder unsre arme mit Geliebten füllen: so fallen bloss einige ungehörte Tränen, trostlose oder selige.
Flamin lechzete nach dem Sessiontisch, dessen arbeiten jetzt bald angingen, und begriff das Zögern nicht.... Endlich wurde' einmal im ganzen Ernste der Abschiedtag festgesetzt, auf den loten August; und ich bin gewiss, Viktor wäre am 14ten nicht mehr in St. Lüne gewesen, hätte nicht der Henker am 8ten einen Tiroler hingeführt.
Es ist der nämliche, der vorgestern bei uns Scheerauern mit einer wächsernen Dienerschaft, die er halb aus Reichsständen, halb aus Gelehrten zusammengesetzt hatte, seinen Einzug hielt und mit den Wachshänden dieser Zwillingbrüder des Menschen uns die Gelder aus dem Beutel zog. Es ist dumm, dass mir der Spitz den heutigen Hundtag nicht vorgestern gebracht: ich hätte den Kerl, der in St. Lüne Viktor und den Kaplan in Wachs bossierte, selber ausgefragt, wie Viktor heisse und Eimann und St. Lüne selbst. Am Ende reis' ich aus erlaubter und biographischer Neugierde diesem Menschen-Zimmermeister, der uns mit schauerlichen Widerscheinen unsers kleinen Wesens umringt, noch nach. –
Viktor musste also wieder verharren; denn er liess sich und den Kaplan in Wachs nachbacken, um erstlich diesem, der alle Abgüsse, Puppen und Marionetten kindisch liebte, und zweitens um der Familie, die gern in sein erledigtes Zimmer den wächsernen NachViktor einquartieren wollte, einen grösseren Gefallen zu tun als sich selbst. Denn ihn schauerte vor diesen fleischfarbnen Schatten seines Ich. Schon in der Kindheit streiften unter allen Gespenstergeschichten solche von Leuten, die sich selber gesehen, mit der kältesten Hand über seine Brust. Oft besah er abends vor dem Bettegehen seinen bebenden Körper so lange, dass er ihn von sich abtrennte und ihn als eine fremde Gestalt so allein neben seinem Ich stehen und gestikulieren sah: dann legte er sich zitternd mit dieser fremden Gestalt in die Gruft des Schlafes hinein, und die verdunkelte Seele fühlte sich wie eine Hamadryade von der biegsamen Fleisch-Rinde überwachsen. Daher empfand er die Verschiedenheit und den langen Zwischenraum zwischen seinem Ich und dessen Rinde tief, wenn er lange einen fremden Körper, und noch tiefer, wenn er seinen eignen anblickte.
Er sass dem Bossierstuhl und den Bossiergriffeln gegenüber, aber seine Augen heftete er nieder in ein Buch, um die Körpergestalt, in der er sich selber herumtrug, nicht entfernt und verdoppelt zu sehen. Die Ursache, warum er aber doch die weggestellte Verdoppelung seines Gesichts im Spiegel aushielt, kann nur die sein, weil er entweder den Figuranten im Spiegel bloss für ein Porträt ohne Kubikinhalt oder für das einzige Urbild ansah, mit dem wir andre Doubletten unsers Wesenszusammenhalten.... Über diese Punkte kann ich selber nie ohne ein gewisses Beben reden...
Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seiner Volljährigkeit eine toga virilis, ein Überrock, den das Urbild abgelegt hatte, umgetan, desgleichen das Zimmer eingeräumt, woraus der lebendige zog. Der Kaplan wollte diese wohlfeile Ausgabe von Horion so ans Fenster lagern, wenn die bessere fort wäre, dass die ganze Schul-Jugend, die vom Kantor Sitten und mores lernte, die Hüte abrisse, wenn sie aus dem Schulhause heimtobte. –
Endlich! – Denn Matz kam. Des letzten ausgekelterte Wangen und sein ganzer Körper, der unter den Zitronendrückern der Nachtfeste gewesen war, bewiesen, dass er nicht log, da er sagte, der fürstliche Bräutigam sehe noch achtmal elender aus und liege darnieder am Podagra. Er setzte in seiner bittern Weise, die Viktor wenig liebte, hinzu: "Die bleichen Grossen haben überhaupt kein Blut, das wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschröpfen oder was ihnen an den Händen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich führen als das den andern Tieren abgesogne." Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischen Pflichten gegen den Fürsten. Entweder Matzens verwüstete Gestalt – denn unmoralisches Nachtleben macht Züge und Farbe noch widerlicher als das längste Krankenlager –, oder die Erinnerung an des Lords Warnungen, oder beides machte ihn unserem Hofmedikus ebenso verhasst, als dieser wieder jenem durch das Hofphysikat geworden war; dieses verhehlte Gift Mattäi aber offenbarte sich nicht durch kleinere, sondern durch grössere, fast ironische Höflichkeit. Hingegen Matz und Flamin schienen vertraulicher als je zusammen zu sein.
Vormittags nach dem Rasieren