selber recht sehr.
In der Nacht fiel nichts Denkwürdiges vor, als dass er – aufwachte und herumhorchte, ob nichts Geschwänztes rumore, weil er willens war, sich satt zu ärgern. Da gar nichts von den Bestien zu vernehmen war, nicht einmal ein Seitensprung: so setzte er sich auf den Fussboden heraus und presste das Spionenohr an diesen. Sein Glück wollte, dass gerade jetzt die Bewegungen des Feindes mit Balletten und Galoppaden in sein Gehör einplumpten. Er brach auf, waffnete sich mit einer Kindertrommel und weckte seine Frau mit dem Lispeln auf: "Schatz, schlaf wieder ein und erschrick im Schlafe nicht: ich trommel' ein wenig gegen die Ratten; denn von der Zwickauer Sammlung nützlicher Bemerkungen für Stadt- und Landwirtschaft 1785 wird mir es angeraten."
Sein erster Donnerschlag gab seinen Erbfeinden die Ruhe, die er seinen Blutfreunden nahm.... Da ich aber alle Menschen jetzt instand gesetzt, sich den Kaplan im Hemd und mit dem Hackbrett der Soldateska vorzustellen: so gehen wir lieber ans Bette seines Sohnes Flamin und geben acht, was dieser darin macht....
Nichts; aber ausser demselben macht er einen Ritt jetzt so spät und noch dazu ohne Sattel und Weste. Er, dessen Brust eine Äols – Höhle voll gedrückter Stürme war – jeder gescheite Protonotarius in Wetzlar würde seinen Fischkopf oder Rebhuhnflügel reiner abschälen oder sein Samt-Knie reiner abbürsten als er –, dieser wusste unmöglich länger auf einem Kopfkissen zu verbleiben, dem heute eine Trommel so nahe kam und morgen ein Freund. Einen andern freilich (wenigstens den Leser und mich) würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloss, die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die sehnsucht nach dem Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen erfüllet haben – den Kaplans-Sohn aber warf es auf den Gaul hinauf und in die Nacht hinaus; seine geistigen Erd-Erschütterungen legten sich nur unter einem körperlichen Galopp.
Er sprengte über den Hügel, auf dem er morgen sich mit seinem Horion wieder verknüpfen wollte, zehnmal hinauf und hinab. Er fluchte und donnerte auf alle seine Leidenschaften – freilich mit leidenschaft –, die bisher die Beinsäge an ihre verbundnen so Freundschaftände angelegt hatten: "O wenn ich dich nur wieder habe, Sebastian," (sagt' er und riss den Gaul herum) "so will ich so sanft sein, so sanft wie du, und dich niemals verkennen, oder das Donnerwetter soll mich hier auf dem platz..." Beschämt über den eiligen Widerspruch ritt er bloss im Pass nach haus.
Seine sehnsucht nach seinem wiederkehrenden Freunde drückt' er im Stalle dadurch aus, dass er die Scheitelhaare hinaufstülpte, den Zopf wie die vierte Geigensaite anzog und dem Schlüssel des Futterkastens den Bart abdrehte....
Nur ein Mensch, der nach einem Freunde gerade so wie nach einer Freundin schmachtet, verdienet beide. Aber es gibt Menschen, die aus der Erde gehen, ohne je darüber betrübt oder besorgt gewesen zu sein, dass sie niemand darin geliebt hatte. Derjenige, der nach dem Kommerzientraktat des Eigennutzes, nach dem gesellschaftlichen Vertrag der Höflichkeit, sogar nach dem Grenz- und Tauschvertrag der Liebe nichts Höheres kennt, ein solcher – ich wollt' aber, er hätte mich gar nicht vom Verleger verschrieben –, dessen fahles Herz nichts weiss von der Brüderunität befreundeter Menschen, vom Ineinanderverzweigen ihrer edlern Gefässe und von ihrer Eidgenossenschaft in Streit und Schmerz – – ich sehe' aber nicht, weswegen ich von diesem Tropfe so lange rede, da er nicht einmal in Flamins Sehnen sich hineinzufühlen weiss, der ein liebendes, achtendes Auge begehrte, weil seine Fehler und seine Tugenden in gleichem Masse abstiessen; denn bei andern Menschen machen wenigstens entweder die Flecken die Strahlen gut, oder die Strahlen die Flecken. – –
Bloss in fürstlichen Pferdeställen ist das Getöse früher und lauter, als das in der Kaplanei am ersten Wonnemonat war. Ich frage die erste beste Leserin, ob es je mehr zu bohnen und zu sieden geben kann als an einem Morgen, wo ein Lord mit dem Star erwartet wird und sein Sohn dazu und ein Starstecher. Die männlichen Rasttage fallen allezeit in die weiblichen Raspeltage; Vater und Sohn gingen gelassen dem Doktor und dem Stecher entgegen.
Der erste Mai fing sich, wie der Mensch und seine Weltgeschichte, mit einem Nebel an. Der Frühling, der Raffael der Norderde, stand schon draussen und überdeckte alle Gemächer unsers Vatikans mit seinen Gemälden. Ich hab' einen Nebel lieb, sobald er wie ein Schleier vom Angesicht eines schönen Tages abgleitet, und sobald ihn grössere als die vier Fakultäten machen. Wenn er (der am 1. Mai war so) wie ein Zugnetz Gipfel und Bäche überflicht – wenn die herabgedrückten Wolken auf unsern Auen und durch nasse Stauden kriechen – wenn er auf der einen Weltgegend den Himmel mit einem Pech-Brodem besudelt und den Wald mit einer unreinen schweren Nebelbank bestreift, indes er auf der andern, abgewischt vom nassen Saphir des himmels, in Tropfen verkleinert, die Blumen erleuchtet; und wenn dieser blaue Glanz und jene schmutzige Nacht nahe aneinander vorüberziehen und die Plätze tauschen: wem ist alsdann nicht, als säh' er Länder und Völker vor sich liegen, auf denen giftige und stinkende Nebel in Gruppen herumziehen, die bald kommen, bald gehen? – Und wenn ferner diese weisse Nacht